Likörchen?

Tatort 50. "Tatort" mit Ballauf und Schenk oder die Schäl Sick soll gentrifiziert werden: Die Standardfolge "Altes Eisen" feiert die Reihe mit größtmöglicher Kölnness

In Köln sagt man: Auf der Schäl Sick, da leben die Menschen. Die Schäl Sick ist die Seite rechts des Rheins, und da spielt der Jubiläums-Tatort (der 50.) von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit dem Titel Altes Eisen. Und die Menschen sind ein Häuflein Elender, wie man es zuletzt in einer Kommissar-Folge in den Hinterhöfen der alten Gollierstraße gesehen hat: eine kümmervolle Transsexuelle namens Trudi Hütten aka Arno Felten (good ol' Tauber: Edgar Selge), dessen-deren bettlägerige Frau Gerda (Heide Simon), der alles terrorisierende Hausbesitzerinnenmutterdrachen Erika Roeder (Anne Marie Fliegel), deren ungenügender Kneipenwirt-und-Eisenwarenladen-Sohn Frank (Aljoscha Stadelmann), dessen poshe Frau Sophie (Henny Reents), der Wettkönig-Filou Stamm (Tobias Oertel) sowie ein paar Kids, die auf Chor der attischen Tragödie machen. Und die Menschen treffen sich in Traditionslokalen, um volkstümliche Lieder zu singen, und das Liedersingen wird dissonant eingefangen, damit die Traurigkeit der falschen Volkstümlichkeit hervortritt, während bei der Parallelveranstaltung der Polizei, bei der sich der unglückliche Ballauf wiederholt in Dr. Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) verguckt, die Luzie abgeht. Und dann ist der Drachen tot, und die Frage ist, wer ihn erlegt hat.

Bei Reineckers Kommissar würde dieses Personal mit einer als Desillusionierung über den unvollkommenen Menschen getarnten Verachtung gezeigt werden. In Köln werden die Menschen, die auf der Schäl Sick leben, mit Empathie geschlagen: Am Ende verschließt selbst die notorische Würstchenbude am Rheinufer traurig ihre Rollläden vor so viel Menschlichkeit, und Ballauf und Schenk trinken ihr Bier auf der Ufermauer und erinnern sich der Frau, die einmal ein Mann war, und die sie gerade haben sterben sehen.

Köln ist die Hauptstadt des deutschen Tatort-Wesens, und Altes Eisen die Standardfolge, die Sozialgeschichte mit Herz schreibt und für den Kopf aufbereitet ("...seit 1980 das Transsexuellengesetz verabschiedet wurde"). Es gibt ein gesellschaftliches Überthema – Gentrifizierung –, das auf die Sorgen und Nöte der kleinen Leute appliziert wird. Die fesche Franzi (Tessa Mittelstaedt), die schon in fünf Jahren die blühenden Landschaften wittert, in denen sie leben möchte, muss sich von Ballauf das Einmaleins der Verdrängung erklären lassen, deren Agentin sie samt Medienpack ist.

Ein bisschen Liebe

Aber naturgemäß geht die Analyse fehl, weil sie an die Tatkraft von Subjekten glaubt: Dass die drohende Gentrifizierung dem Mord am Drachen Vorschub leisten könnte, ist ein "schöner Mist" (Günter Netzer), zumindest in Gestalt der Annahme, das Haus des Drachens sei nur was wert, wenn es der Gentrifizierung besenrein übergeben werden könne. Dabei besteht das nebulöse Wirken dieser Gentrifizierung doch darin, dass die Häuser irgendwann einfach besenrein geworden sind, und die Menschen, die auf der Schäl Sick leben wie Trudi oder Gerda, sterben müssen oder woanders hinziehen.

Köln analysiert womöglich auch deshalb falsch, weil Köln einfach nicht von sich absehen kann. Der Streit um Köln, der kein rechter Streit ist, wird geführt in Altes Eisen von Ballauf und Schenk, wobei Schenk das Selbstbild der Stadt derart verinnerlicht hat, dass er sein Befremden über Trudis transsexuellen Style in lokalpointierte Phrasen kanalisieren kann ("Jeder Jeck ist anders"). Ballauf versucht derweil, ein wenig dagegen zu halten ("Streit und Zank") und droht gar mit Emigration nach Wiesbaden, ist im Grunde aber genauso eingenommen von der Kölner Eigenprojektion – Wiesbaden entpuppt sich folglich als spätpubertär-rächerhafte Flucht vor den Enttäuschungen der Suche nach Liebe.

Man leidet mit Ballauf, dem Unglücksraben seiner selbst, der dick mit Rosen aufläuft vor der Tür von Dr. Lydia Rosenberg, wo dann der Mann öffnet, den sie nicht verlassen wird wollen, so schön der Morgen danach mit Ballauf auch war. Und so wird der gebeutelte Ballauf immer nur Zeuge seiner Einsamkeit, die mit dem unfreiwilligen Rainald-Grebe-Tribute "Rührst du gerade mal das Risotte um" ihren Lauf erst nimmt. Interessant ist schließlich, wie unsympathisch Schenk in dieser Folge agiert, man muss sagen, dass einem dieses Ausmaß nicht klar war. Seine Eifersucht auf Ballaufs kurzfristiges Liebesglück tarnt er als Fürsorge. Zugleich muss er den Armen permanent mit dessen vermaledeiter Lage aufziehen, damit das Gutfühlen selbst besser klappt – einen so miesen Charakter hätte man ihm nicht zugetraut.

Wie der Regen im Rhein

Wer's am Ende war, ist nicht so klar, aber auch nicht so wichtig. Dass Edgar Selge, wenn er sich schon so rausputzt als Trudi, was mit der Sache zu tun haben muss, liegt auf der Hand. Aber sterben darf er noch in Frieden, und in fünf Jahren wird dann Franzi samt Medienpack dort wohnen, und keiner in Köln wird mehr sagen können: Auf der Schäl Sick, da leben die Menschen.

Die Welt ist ungerecht, und man weiß nur nicht, ob Köln in seiner allergrößten Kölnness tatsächlich ein Aber dazu formuliert oder nicht doch nur ein Und variiert, das sich auflöst im Rhein wie der Regen der kommenden Tage.

Ein Lachen, an das man sich erinnern wird: das des Gerichtsmediziners Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) am Anfang beim Tischfußball

Die Pest der Gentrifizierung, in terms of Berlin, ist lange da: "Wann sind wir los ins 103?", fragt sich der Kinderchor auf dem Spielplatz

Eine Höflichkeitsform, die ans Herz rührt: „Bei mir darfst du fast alles, Herr Schenk“

21:45 04.09.2011
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