Lornas Schweigen

Kino Arme Menschen erkennt man an dem Geld, das sie mit sich herumtragen. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch kriminelle Menschen erkennt man dem ...

Arme Menschen erkennt man an dem Geld, das sie mit sich herumtragen. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch kriminelle Menschen erkennt man dem Geld, das sie mit sich herumtragen; den Unterschied macht hier die Menge. Vielleicht müsste es also heißen: Unbehauste Menschen erkennt man an dem Geld, das sie mit sich herumtragen, und folglich könnte man die Menschen, die in unseren Städten leben, in zwei Gruppen einteilen. In die Bargeldmenschen und in die bargeldlosen Menschen, und dann bildeten die zweiten die Gesellschaft, zu der die ersten nicht gehören. Wohlstand wäre nicht so sehr ein Begriff für Reichtum, sondern vielmehr ein Merkmal zivilisatorischer Distinktion - Girokonto und Kreditkarte als Statussymbole einer Ordnung, die der Existenz solche Sicherheit verleiht, dass für die Vergewisserung des eigenen Habens der Blick auf die beruhigend schwarzen Zahlen im Browserfenster des Internetbankings genügt.

Die Filme der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne spielen ausnahmslos in der Bargeldwelt, so auch ihr jüngster, Lornas Schweigen. Zu Beginn sehen wir eine junge Frau, die mit einem Bündel Geldscheine vor einem Bankschalter steht, und doch wissen wir nicht nur ob ihres zaghaften, scheuen Blicks, dass sie in der Filiale fremd ist, keine regelmäßige Kundin. Das Bündel Geld wird auf einem Sparbuch deponiert, einem ersten Ausweis der Existenzverfestigung. Wenig später wird die Frau in ein Telefon sagen: "Ich bin bald Belgierin", und in diesem "bald" wie in dem Geld auf dem Sparbuch steckt die Hoffnung auf ein Ankommen: im Drinnen der Gesellschaft, im geregelten Leben.

Die Frau heißt Lorna (Arta Dobroshi), kommt aus Albanien und ist für die Belgierinwerdung zum Schein mit dem Junkie Claudy (Jérémie Renier) verheiratet. Die Dardennes erzählen ihre Geschichte mit einer eindrucksvollen Genauigkeit: Wie in einem Thriller wird der Knoten Szene um Szene geschürzt; immer erfährt man etwas Neues und doch nur gerade so viel, dass die Spannung auf das Kommende gewahrt bleibt. Wäre Salami-Taktik nicht so ein unschönes und vor allem negativ besetztes Wort, es beschriebe die Strategie von Lornas Schweigen recht gut. Genauso wie Ausstattungskino ein Begriff ist, den man nicht zuerst mit einem realistisch anmutenden Film wie diesem assoziieren würde - dabei bebildern die Räume, Gegenstände und Kleidungsstücke das Drama von Lornas Schweigen mit äußerst präziser Sorgfalt: der traurige Funktionalismus des Ikea-Klappbetts in der Wohnung von Lorna und Claudy, das tagsüber die getrennten Schlafzimmer kaschiert; der abgegriffene CD-Player von Claudy, der seinen Besitzer in der MP3-Player-Gegenwart klobig als Zurückgebliebenen ausweist; die panzerhafte Jacke, mit der Lorna den Zumutungen der Umwelt die kalte Schulter zu zeigen versucht. So karg Lornas Schweigen überhaupt aussehen mag: Die Dardennes sind Meister filmischen Erzählens, die an den Rändern der globalisierten Gesellschaft den Stoff für Tragödien finden, statt sich auf die wohlmeinende Sichtbarmachung des Verdrängten zu beschränken.

Lorna stellt sich ihren Platz in der Mitte der westeuropäischen Gesellschaft als Betreiberin einer Snack-Bar gemeinsam mit Freund Sokol (Alban Ukaj) vor. Und für einen Moment scheint es, als sei sie diesem Ziel nahe. Als ließe sich die Trennung von Claudy so gütlich gestalten, wie sie sich das gewünscht hat und damit anders, als der Klein-Mafioso Fabio (Fabrizio Rongione) es ursprünglich geplant hatte. Als wäre die letzte Etappe auf dem Weg nach drinnen nur noch die Heirat zum Schein mit einem Russen, um das Kapital für den Start ins Glück zusammen zu bekommen. Fast unmerklich verlagert Lornas Schweigen den Akzent vom tristen Indikativ des Hoffens auf den märchenhaften Konjunktiv des Gescheitertseins, und er findet dafür Motive, die weit weg führen von der Umstandslosigkeit der Bargeldwelt: einen Embryo, den Wald. So wird die Ausgeschlossene am Ende zur sich Einschließenden - vor dem rauen Draußen, in das sie nie gelangen konnte. Vor einer Welt, in der sie nie zu Hause war.

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