Matthias Dell
03.08.2011 | 15:05 3

Mach doch einfach, mach doch einfach

Urban Gardening Oakland, San Francisco, Berlin und Detroit: eine Reise durch die Welt des Urban Gardening. Kaninchen auf dem Balkon, Einsichten in die Notwendigkeit, kaum Kunst

Am Morgen, nachdem Washington bei den ersten Haushaltsstreitigkeiten in diesem Jahr den shutdown abgewendet hat, überstreicht Novella Carpenter die Graffiti am verkleideten Zaun ihres Gartens. Die broken window theory hat es vom soziologischen Befund über die Immobilienspekulation in den städtischen Bußgeldkatalog geschafft. Weil Graffiti als Vorboten des Verfalls gelten, arbeitet die Stadt an deren Beseitigung: Wenn das Ordnungsamt anrückt zum Übermalen, werden 300 Dollar fällig. Also macht Novella Carpenter es lieber selbst. Wobei man sich darüber streiten kann, ob die braune Farbe schicker ist als die blauen Graffiti. Es geht hier nicht um ästhetische Fragen.

Worum es geht, sagt diese Szene. Eine Szene wie aus einem Untergangsfilm, der freilich die Möglichkeit hätte, zwischen Washington und Oakland hin- und herzuschneiden. In Washington geht’s ums Ganze, die größte Nationalökonomie der Welt steckt in Geldnot, in den Schubladen liegen Pläne für den Fall, dass sich Demokraten und Republikaner nicht einigen können. In diesen Plänen steht, wie die öffentliche Verwaltung unter finanziellem Notstrom laufen würde, von Urlaubsanordnungen für Beamte bis zu den Fütterungen der Tiger im Zoo.

Und in Oakland streicht eine Frau ihren Zaun, die schon nach der Krise zu leben scheint, mit der Washington beschäftigt ist. Novella Carpenter ist die ideale Protagonistin dieses Films. Eine Enddreißigerin, die vor acht Jahren mit ihrem Freund in das Haus in der 28. Straße gezogen ist und angefangen hat, das leerstehende Nachbargrundstück als Garten zu bewirtschaften. Urban Gardening heißt die Bewegung, die ein globales Phänomen ist und die anders als globale Phänomene wie Popmusik oder Hollywood von unten betrieben wird, dezentralisiert und nicht hierarchisiert ist.

Novella Carpenter hat es an der Westküste zu Popularität gebracht. Ihr Blog ghosttownfarm hat sie bekannt gemacht, mit dem Buch Farm City, 2009 erschienen, wird sie zu Lesungen eingeladen. Aktuell steckt sie in Schwierigkeiten, woraufhin in kurzer Zeit 2.500 Dollar an Spenden zusammengekommen sind: von Lesern ihres Blogs, von ihr unbekannten Leuten, die der Meinung waren, sie unterstützen zu wollen.

Ziegen auf der Veranda

Die Schwierigkeiten bilden einen eigenen Akt in diesem Film. In ihnen steckt der politische, wenn nicht subversive Gehalt des Urban Gardening, und ein Regisseur mit einem Sinn für die großen Erzählungen könnte darin Indizien für das Ende vom Glauben an Amerika finden: Der Schritt vom Wege oder something went wrong.

Novella Carpenter ist auch deshalb die ideale Protagonistin, weil sie so furchtbar normal ist. Eine unprätentiöse, eloquente Frau mit einem hübschen Sinn für Humor. Keine Figur, derer man sich entledigen könnte, indem man sie als Ökotrine abtut, die ihr Hobby wie eine Ideologie betreibt. Eine gewöhnliche Städtebewohnerin, die trotz Eigenproduktion chinesisch essen geht. Gleich muss sie ihren Freund vom Flughafen abholen, und vorher streicht sie eben noch den Zaun, stellt zwei rattensichere Kompostkübel auf. Novella Carpenters hat zwei, neuerdings drei Jobs, mit denen sie Geld verdient: Sie ist Journalistin, sie arbeitet in einem Biodiesel-Geschäft, „das müssten Sie aus Deutschland kennen“, das auch Mittel und Anleitung für Urban Gardening anbietet. Und sie tritt auf: Vorträge, Lesungen, Workshops.

Es geht ihr bei der Landwirtschaft in der Stadt ums Machen, um nichts mehr, nur dass zu diesem Machen für Novella Carpenter eben Mangold, Kartoffeln, Bienen Rettich, Gänse, Hühner gehören – den Hahn hat sie einem jemenitischen Typen vom Liquor Store am Ende der Straße überlassen, „er mag Hähne“. Ein Beispiel für die informellen Ökonomien, die Urban Gardening hervorbringt. Von der Rückseite der Veranda im ersten Stock des Hauses schauen zwei trächtige Ziegen, auf dem Balkon zur Straße sind die Kaninchen untergebracht. In den Nachbargärten wird auch angebaut, und weil das hier Amerika ist, kriegt man einen Eindruck von der globalen Attraktion des Urban Gardening. „Sie kommt aus Vietnam“, sagt Novella Carpenter über die Nachbarin und fügt fast etwas neidisch an: „Was für eine gute Gärtnerin!“

Undurchschaubare Anforderungen

Anfangs gab es Vandalismus, seit sie den Zaun zu ihrem Garten offenlässt, gibt es den nicht mehr. Die Leute im Viertel begreifen den Ort auch als den ihren, irgendwas zwischen privat und öffentlich. Eine Art Widerlegung der broken window theory, die von einem schlichten Eigentumsbegriff ausgeht. Das ist eine Welt, in der man leben möchte.

Jetzt aber: die Schwierigkeiten. Am Anfang hat sie die Brache „gesquatted“, also einfach genutzt, ohne Erlaubnis, illegal. Der Eigentümer wollte teuer verkaufen, Eigentumswohnungen, dann kam die Rezession, die Brache blieb. Die alten Gesetze kannten diese Form der Nutzung nicht, und weil Novella Carpenter irgendwann den Ärger leid war, kaufte sie im letzten Dezember das 420 Quadratmeter große Areal für 30.000 Dollar, im Haus wohnt sie zur Miete. Die Schwierigkeiten hören nicht auf. Es fehlt eine Erlaubnis für mehrere tausend Dollar, um etwa Mangold zu verkaufen. Novella Carpenter macht im Jahr 2.000 Dollar Umsatz. Selbst der verschnarchte San Francisco Chronicle hat festgestellt, wie absurd die Angelegenheit ist, damit die Aufmerksamkeit der Stadt aber nur befeuert. Die Sache wird kafkaesk: Je genauer sich Novella Carpenter an die Gesetze zu halten versucht, desto undurchschaubarer werden die Anforderungen. Bürokratie als Gesicht einer Macht, das Interessen verschleiert.

Jemand musste Novella C. verleumdet haben. Dachte sie anfangs. Ein Tierrechtler, dem ihre Ziegen nicht passen. Es hat sich aber niemand gefunden in der Nachbarschaft, der dafür infrage kommen könnte. Es muss mit den Beamten zu tun haben, die laufend zu Besuch kommen. Nicht nur von der Stadt. Auch Mitarbeiter von der US-Landwirtschaftsbehörde, die ein Bild auf einer Website gesehen hatten, auf dem Novella Carpenter das fachgerechte Zerlegen eines Truthahns für Thanksgiving vorführt, woraus auf illegale Schlachtung von Geflügel geschlossen wurde. Als die Bundesbeamten erfahren, dass die Hühner nur Eier legen, sind sie beruhigt. Für die Kaninchen, die zum Schlachten verkauft werden, interessieren sie sich nicht. „Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien“, sagt Novella Carpenter, „aber es gibt eine mächtige Geflügelindustrie in diesem Land, eine Kaninchenindustrie gibt es nicht.“

Novella Carpenter scheint ein Exempel zu sein. Sie allein stört keinen Konzern, aber die vielen Stadtkleingärtner, die sich unabhängig machen von der Normalökonomie, die Futter und Saatgut untereinander tauschen und nicht bei Monsanto kaufen, untergraben die Ordnung. „Ich habe Urban Farming nicht als revolutionären Akt begriffen“, sagt Novella Carpenter, „aber offenbar scheint es das zu sein.“ Es ist wohl kein Zufall, dass Henry David Thoreau, der Autor von Walden oder Leben in den Wäldern auch der Autor von Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat ist.

Lebensmittelpornografie

Die vorläufige Schlussszene von Novella Carpenters Kampf gegen die Bürokratie: Einmal begründet ein Beamter die andauernden Bußen und Auflagen damit, dass sie ihre Erträge nicht nur für den Eigenverbrauch nutze, sondern teilweise verkaufe. Abgesehen davon, dass Novella Carpenter davon nicht leben kann: „Ich hatte angenommen, das wäre der amerikanische Traum, meinen Sie nicht auch? Zieh dich selbst aus dem Dreck, arbeite hart, dann kannst du erreichen, was immer du willst. Aber das stimmt nicht.“ Auf ihrem Blog hat Novella Carpenter, „I am a total Liberal“, Zustimmung von staatshassenden Rechtskonservativen bekommen. Ein Problem? „Reine Ironie.“

Zum Schauplatz ist noch nichts gesagt. Oakland, die Schattenseite von San Francisco, das Mündungsbecken der Verdrängung durch Stadtplanung und Wohlstand, ablesbar an den Anteilen der schwarzen Bevölkerung. Hinter der Bay Bridge, wo Novella Carpenter wohnt, bilden Liquor Stores die Versorgungspunkte in einem gröbermaschigen Netz. Der eigene Anbau verkürzt die Wege zu gesundem Essen.

In San Franciscos Mission District war der Bioladen „Bi-Rite“ ein Vorreiter der jüngsten Gentrifizierung, die zu einer beeindruckenden Dichte an exzellenten Kaffeehäusern, professionell gekleideten Großstadtauskennern und Apple-Produkten geführt hat. „Bi-Rite“ ist klein und eng, der Raum auf pittoreske Weise benutzt. Die Inszenierung der Lebensmittel orientiert sich nicht an steriler Supermarktaufgeräumtheit, sondern an kunstvoll drapierter Wochenmarktlässigkeit. Lebensmittelpornografie. Um die Ecke „18 Reasons“, eine Ladengalerie, „Art Community Food“. Vernissagen, Weinproben, Spezialdinner. Gute Ernährung wird hier vermittelt durch Lebensstil und Kunst, der Zusammenhang der Nachbarschaft gestiftet durch die Vorliebe für gutes Essen und frische Produkte – genauso wie die Verbindung zwischen Erzeugern und Verbrauchern.

Ästhetische Fragen

Noch eine Ecke weiter. Hier wohnt Naya Peterson, die geradefireescapefarms.com startet, ein Internetportal. Vertrieben werden Anleitung und Mittel zum Gärtnern auf engstem Raum, auf Feuertreppen, Balkonen, Aluminiumübertöpfen. Das Saatgut wird „kuratiert“, kommt in schick gestalteten Tüten, die Gerätschaften sind entsprechend designt. An die Stelle von Notwendigkeit tritt in diesem Fall Sehnsucht, der Landlust-Traum. Das Wühlen in der Erde als alternative Handbewegung zum Tippen auf der MacBook-Tastatur. Es geht hier auch um ästhetische Fragen.

Auch das ist Urban Gardening, und vermutlich ist es das Urban Gardening, das die bürgerlichen Medien erst für Urban Gardening interessiert hat. Ein Trend, der schöne Bilder liefert und sich integrieren lässt in die Neuigkeitserzählungen von Zeitungen und Kulturmagazinen. Eine Option. Ein neues Hobby, das anschlussfähig ist an einen distinktionsbewussten Lebensstil.

In Berlin heißt die Zentrale dieses Lebensgefühls Prinzessinnengarten, gelegen am Kreuzberger Moritzplatz. Dort wird ebenfalls ein nachbarschaftlicher Zusammenhang hergestellt, Wissen, das durch die industrielle Lebensmittelversorgung verloren gegangen ist, durch Austausch wieder tradiert. Der Prinzessinnengarten hat seine Kräuterkästen und Pflanzenerdesäcke ins Off-Theater geschafft und während der Berlinale im Foyer des Kino Arsenal dazwischen Gäste bewirtet. Man kann das verwerflich finden, kann Ausverkauf, pseudo, „Pflanzenzuhälter“ sagen, was tatsächlich mal jemand zu den Betreibern gesagt hat. Aber vermutlich handelt es sich nur um einen Übersetzungsfehler: Urban Gardening ist auch eine Praxis des Mangels, und je ferner der Mangel ist, desto näher ist das Theater, desto avancierter ist die Saatguttütengestaltung, desto unentschiedener zwischen Kunst und Leben ist die Praxis. Es geht hier auch um die Frage einer ästhetischen Theorie.

Der Film endet in Detroit. Wenn Oakland die Schattenseite von San Francisco ist, dann ist Detroit die Nemesis. Eine Perforation, der Abgrund der westlichen Welt, in den man voller Schauder und zugleich euphorisch schaut, weil man nicht weiß, ob das das Ende ist oder der Neuanfang. In Detroit kommen noch Kate Andresky und Lottie Spady dazu, und es ist wohl kein Zufall, dass es in dieser Geschichte nur weibliche Protagonisten gibt.

Lottie Spady ist bei der Detroit Food Justice Task Force tätig. Arbeitskreis Lebensmittelgerechtigkeit. Ein Verein, getragen von Stiftungen. Gearbeitet wird hier an der Basis, der Humus des Urban Gardening ist dünn, darunter kommt gleich der Boden der Realität. Eine andere Verhältnisgleichung: Je näher der Mangel ist, desto grundlegender und umfassender wird die Tätigkeit, weshalb zu den Workshops auch Medienschulung gehört, damit die Leute Mittel bekommen, sich ausdrücken, zu kommunizieren. Ernährungsfragen sind in Detroit politische Fragen, wer arm ist, kann nicht im Bioladen einkaufen. Das betrifft zumeist Schwarze. Rassismus mag es offiziell nicht mehr geben, als Klassismus in der Ernährung lebt er fort. Deswegen Lebensmittelgerechtigkeit. Lottie Spady setzt bei null an: Kochkurse, Gärtnerkurse, sagt es allen weiter. Eine Art Unabhängigkeitskampf von der Industriegesellschaft. Eine Sisyphosarbeit, aber so wie Lottie Spady sie auffasst, geht es auch um die Behauptung des Raumes. Unser Detroit.

Lebensmittelsicherheit

Kate Andresky ist vor einem Jahr hierher gezogen. Aus San Francisco, aus dem Mission District. Dort hat sie Kunst gemacht, das wollte sie hier auch, aber es funktioniert nicht. Es gibt keinen Resonanzraum, kein Publikum, es muss vermittelt werden, was Kunst überhaupt ist, sie gibt Unterricht. Die „Yes Farm“, die sie mit anderen betreibt, ist keine Galerie geworden, sondern irgendwas zwischen Jugendklub, Volkshochschule und Stadtgarten. In der Straße stehen noch viele Häuser, drumherum Wiesen, Brachen, regelmäßig werden verwaiste Häuser abgebrannt, mit Schießereien ist zu rechnen. Das gute Verhältnis zum Nachbarn bildet eine Voraussetzung für Schutz, man muss aufeinander aufpassen. Lebensmittelanbau betreibt fast jeder, selbst der nächste Liquor Store ist weit, vom Supermarkt zu schweigen. Lebensmittelsicherheit.

Eigentlich sollte draußen Frühling sein, aber an diesem Tag, in diesem Nachmittagsaugenblick herrscht in dem Haus, in dem Kate Andresky sitzt und auf leicht scheue, nüchterne Weise von ihrer Lebenswelt erzählt, eine eigenartige Stimmung von Einkehr und Besinnung. Wie im Advent.

Die Recherchen wurden unterstützt vom American Council on Germany. Eine empfehlenswert vielschichtige Beschreibung des Phänomens unternimmt der Band: Christa Müller (Hg.) Oekom-Verlag. 350 S., 19,95 . Weitere Informationen hier.

Das Thema Die Zukunft der Städte werden wir in den kommenden Wochen in der Zeitung und im Netz weiter verfolgen. Durch einen Klick auf das Logo gelangen Sie zum Freitag-Dossier.

Kommentare (3)

Calvani 07.08.2011 | 23:13

Ein großartiger Artikel, in dem die beiden Dimensionen von Politik ihren Niederschlag finden: die hoheitliche und die alltägliche. Dass dabei die konkrete Ausgestaltung des Urban Gerdenings in mangelnahe ("Lebensmittelsicherheit" - treffender wäre vielleicht "Lebensmittelsicherung") und mangelferne ("Lebensmittelpornografie") Motivationen zerfällt, stellt sich so gesehen in der Tat auch als Konsequenz hoheitlicher Politik, nämlich dem erwähnten Klassismus dar.
Lediglich die Einbettung der beschriebenen Szenen in einen Film empfand ich bei der Lektüre als störend. Der Text ist so randvoll von Bildern, die im Spannungsfeld der beiden Politikdimensionen inklusive der beschriebenen Wechselwirkungen entstehen, dass auf diesen "Kunstgriff" locker hätte verzichtet werden können...