Major Fellner

Tatort Verführerisch ist wohl das richtige Wort: Der überaus gekonnte Wiener "Tatort: Falsch verpackt" verbreitet Freunde, weil er glaubhaft Lust an Spiel und Witz vermittelt

Österreich, du hast es besser! So viel steht fest. Für den Rest des Lobs brauchen wir noch eine Weile; richtige Worte, überzeugende Analogien. Es ist nicht leicht zu loben, und noch schwerer ist es, differenziert zu loben. Denn dieser Wiener Tatort war groß und besonders, aber eben nicht so groß wie der geliebte Schweighöfer-Tatort und auch nicht so klassisch wie zuletzt die Kieler Highlights. Falsch verpackt ist keine Nummer 10 im Feld der Folgen, nicht der ganz große Star, der Feldherrenehrenspielführersupermessi, sondern eher eine verspielte Randgestalt, dabei kein Assistent, sondern ein eigener Kopf, nicht so launisch und rotzig wie Mario Basler seinerzeit, sondern hintersinniger, witziger, tändelnder, in Richtung Pierre Littbarski, besser noch: wie der späte Mehmet Scholl.

Die Musik macht viel her in dieser Folge, ein Hoch auf Gerhard Schuller, der sowohl rumflickert und -frickelt, wie es in jüngerer Zeit möglich ist, als auch die dick-derben Sounds von Jazzorgel und Bläserbereitschaft variiert in einer Weise, die mehr auf den Plan ruft als das, wozu alle "retro" sagen. Überhaupt macht der Ton hier die Musik, Falsch verpackt ist, das nebenher, auch ein Geräuschefilme (Ton: Dietmar Zuson), etwa: die "Sicher-nicht"-Bibi (Adele Neuhauser) und der Eisner-Brummbär (Harald Krassnitzer) im Verhörraum und die Stimmen über Band.

Man stelle sich die Bilder ohne Musik vor (oder ohne die rhythmisch akzentuierenden Geräusche) oder mit irgendeinem Standardsound; etwa die Szenen gegen Schluss, in denen Wien aussieht wie ein taiwanesischer Nachtmarkt, als der Eisner und die Bibi (Adele Neuhauser) den – what a Dienstgrad, what a name – Sektionschef Welt (Erwin Steinhauer) endlich seiner kruden, aber irgendwie auch prinzipientreuen ("Ich hasse das, wenn das Gesindel bei uns kriminell wird'") Machenschaften überführen – das wäre doch ganz was anderes, banaler Fernsehkram, Mechanik. Aber mit der Schuller-Musik wird diese Szene, wie dieser Tatort en général: tief, atmosphärisch, spezifisch. Die Musik ist nicht Dekor, sie wanzt sich nicht an einfache Stimmungen an (wie viele deutsche Filme hat man schon gesehen, in denen so ein Elektrogefrickel irgendwie urbancoole Lebenswelten im Sinn hatte, die man aus Einrichtungskatalogen kennt!), sie traut sich, ihr own thing zu machen.

Chinesische Community

Wobei "sich trauen" immer so doof klingt; als ob man sich entschuldigen müsste für das Richtigutewahreschöne, als ob man lediglich aus einer Defensive operieren dürfte, nur weil einem diese angebliche Leistungsgesellschaft, ob sie nun so aussieht wie der schnuppielose Maschmeyer oder whoever, permanent erzählt, dass Anpassung und Speichellecken zu allergrößtem Erfolg führen und eben nicht der gekonnte Eigensinn. Deshalb macht dieser Wiener Tatort einfach, und das sehr schön.

Was man gut daran erkennen kann, dass die Geschichte an sich nichts Besonderes ist. Es geschehen Morde im Zuständigkeitsbereich der kriminellen chinesischen Community von Wien – das Ritualisiert-Kunstvolle daran (der zerhackte Tsao Kang, gespielt von Johannes Ahn) ist nicht der Wegweiser in so einen Puzzle-Thrill-Sieben-Krimi, sondern, wir sind in Wien, ein schön abgründiger Witz, den der Eisner dann noch in den heimischen Kühlschrank verlängert, wo er den Kopf des Toten deponiert, weil er und die Bibi keine Lust hatten, die Nacht am Fundort zu verbringen, nur weil die Kollegen schon Dienstschluss haben.

Es geschehen also Morde, und es gibt Verdächtige (die Aufklärung am Ende bleibt vage – höhere Mächte vs. die Lady Guo Bao, die nicht zurück will, where she was coming from: Armut), aber das wären banal oder zumindest standardesk, ohne den ästhetischen Eigensinn der Folge (Regie: Sabine Derflinger). Wie beiläufig hier vieles ist: das Eisner-an-den-Po-Fassen von der dauerralligen Kollegin Claudia "Danke, geile Sau" Wiesner (Stefanie Dvorak), die nach der Belehrung durch den Eisner ("Du hast einen schönen Busen, aber du musst mir den nicht immer ins Gesicht halten") in einer Szene am Ende hochgeschlossen erscheint. Und diese Szene ist so ein Beispiel für das Verfüherische an diesem Tatort, weil sie eben auch ein bisschen unnütz ist: Die Wiesnerin fährt die Rollos runter, weil sie Dias zeigen muss, und schaut den Eisner an, und der Eisner schaut die hochgeschlossene Wiesnierin an, und es passiert in dieser Szene sonst nichts außer Rollosrunterlassen. Andere Tatort-Folgen hätten gleich mit der Bilderpräsentation angefangen.

Chinatown

Die Lust am Spielen und Materialbearbeiten, die Falsch verpackt hat, wird auch deutlich im Auftritt von Martin Brambach, einem unserer Darlings (nicht nur unseres Darlings: in Sabine Derflingers jüngstem Kinofilm Tag und Nacht spielte Brambach zur Abwechslung mal einen seriösen Geschäftsmann, der sich nicht nur unsympathisch mit zwei Frauen vergnügt). Brambach macht den dusselig-selbstbewussten Geschäftsmann ("Früher Schweine in Leipzig, jetzt Hühner in Wien") wie kein zweiter, und an dieser Stelle ist das Drehbuch (Martin Ambrosch) zu loben, weil es, ohne pädagogisch zu klingen, Einblick in die gloablisierte Lebensmittellogistik verschafft. Wie überhaupt in der Geschichte ein Gefühl für Strukturen (die Unterbringungsgeschäfte vom Sektionschef) die Emotion persönlicher Geschichten überwiegt – das Feld der Arbeitsmigration tritt einem so viel deutlicher vor Augen, als dies eine rührende Geschichte vom Tsao Kang und Frau Gu Bao (Nahoko Fort-Nishigami) hätte bewerkstelligen können.

Beim Auflauf der großen Chargen darf Bibis Defilee beim Mustafa ("Bibi, du oide Nuttentante") sowenig unerwähnt bleiben wie der Einsatz vom Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz), der sich verdächtig macht im Fakebiz und dem Eisner vor die Karre läuft wie Marcellus Wallace aka Ving Rhames Bruce Willis "dereinst" (Thomas Mann) in Pulp Fiction. Und wenn wir bei gelungenen Zitaten sind: Jake Gittes (Jack Nicholsons) Nasenpflaster aus Chinatown steht dem Eisner recht hübsch; ein bisschen ein dummer Witz, aber durchaus subtil. Überhaupt hat man den Eindruck, dass Wien hier gelingt, was Münster immer versucht: die Krimikomödie, in der der Klamauk nicht alles zerkloppt. Nix Großes, aber ungemein freudvoll.

Eine Selbstbezichtigung, zu der Karrieristen nicht raten würden: "Ich bin so eine Null, alt dick und blöd"

Einen Hundenamen, den man sich merken kann: Santos (mit dieser herrlichen Zunge auch ein blöder Witz)

Ein relativ nüchternes Verständnis von Chef-Subalternen-Loyalität im Turbokapitalism: "Ich halt dir den Rücken frei – solang's geht" (Eisners Chef Rauter zu Eisner)

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21:45 25.03.2012
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