Malaise der Marseillaise

Kino Die Erfolgskomödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ versucht, tapfer gegen die Angst vor dem Verlust eines dumpfen Franzosentums anzulächeln
Matthias Dell | Ausgabe 30/2014 4

Seit elf Wochen läuft der Filmin den französischen Kinos, und noch immer steht er auf Platz zwei der französischen Charts. Über zehn Millionen Menschen haben die Komödie Monsieur Claude und seine Töchter bereits gesehen (bei Fack ju Göhte, dem deutschen Hit des vergangenen Jahres, waren es am Ende sieben). Damit ist der Film von Philippe de Chauveron der erste seit Ziemlich beste Freunde, der eine achtstellige Zuschauerzahl vorweisen kann. Die große Frage ist, was das bedeutet.

Denn Monsieur Claude und seine Töchter hält unverschämt auf die Angriffsflächen, die Reibung erzeugen im Miteinander globalisierter westlicher Gesellschaften. Es geht um Identitätspolitiken unterschiedlicher Gruppen, und weil dem deutschen Diskurs das Problem zwar nicht fremd sein dürfte, der Begriff es aber ist, steht zu erwarten, dass die Begeisterung sich hierzulande in Grenzen halten wird.

Der titelgebende Claude Verneuil soll als Notar, Katholik und Gaullist im Städtchen Chinon den Musterfranzosen alter Prägung verkörpern. Wobei nicht ohne Ironie ist, dass der Patriarch von Christian Clavier gespielt wird (in Deutschland als Asterix aus der Realverfilmung des Comics bekannt), bei dem wie bei Gérard „Obelix“ Depardieu die Liebe zum Vaterland vor der Steuererklärung haltgemacht hat; Clavier lebt seit Hollande in London.

Drei der vier Töchter von Monsieur Claude und Gattin Marie (Chantal Lauby) sind zu Filmbeginn bereits verheiratet: die sensible Künstlerin Ségolène (Émilie Caen) mit einem chinesischen Banker (Frédéric Chau), die Zahnärztin Odile (Julia Piaton) mit einem erfolglosen jüdischen Geschäftsmann (Ary Abittan) und die Anwältin Isabelle (Frédérique Bel) mit einem muslimischen Anwalt (Medi Sadoun).

Es wäre für den Film allerdings passender, von einem Chinesen, einem Juden und einem Moslem zu sprechen, denn Monsieur Claude und seine Töchter denkt im Kollektivsingular. Wenn es um Klischees geht, schlägt die diskursive Autovervollständigung sofort „Spiel mit“ oder „lustvoll“ vor (vom vermaledeiten „herrlich inkorrekt“ zu schweigen). Tatsächlich ist Monsieur Claude und seine Töchter aber wunderbar geeignet zu studieren, dass die Gratis-Entschuldigung, es handle sich um Ironie, Satire oder Humor, nicht funktioniert. Was nicht nur an der holzklotzigen Inszenierung und dem für eine Komödie geringen Tempo liegt.

„Unreines Blut“

Der Film ist statisch bis zur Langeweile: Er nominiert die Klischees, bringt sie aber nie miteinander ins Spiel. Stattdessen geht er wieder und wieder seine Aufstellung durch, müssen „der Chinese“, „der Jude“ und „der Moslem“ als Pressesprecher ihrer jeweiligen Gruppen immerfort von „wir“ und „euch“ reden, wo es doch um ein Ich gehen könnte: Konkrete Personen handeln wie mediale Verallgemeinerungen.

Dieser Ansatz ist ermüdend, schon weil man nach zwei Dritteln der Zeit gern mal etwas anderes hören würde als die Verbindung von „Chinese“ und „Pünktlichkeit“. Und er ist konservativ, weil damit die Möglichkeit ausgeschlossen wird, dass Veränderung sich ergibt, wo Heterogenität herrscht und Bekanntschaft wächst. Das zeigt exemplarisch – und da wird es für das deutsche Publikum, das trotz uneinheitlichen Hymnesingens der Nationalmannschaft gerade erfolgreich die Weltmeisterschaft überstanden hat, doch wieder interessant – die Szene, in der die drei Erstschwiegersöhne zur Rührung von Monsieur Claude die Marseillaise anstimmen. Man hätte in diesem Moment nämlich auch verstehen können, warum es für Menschen, die nicht seit Jahrhunderten in französischen Anwesen ihre Gutsituiertheit tradieren, befremdlich sein kann, inbrünstig einen Martialismus zu pflegen („Unreines Blut/Tränke unsere Furchen“), der in der Mehrheitskultur als Folklore nicht hinterfragt wird.

Sarrazin würde liken

An solchen Differenzierungsleistungen hat Chauverons Film kein Interesse. Folglich verwundert es nicht, wenn die „Pointe“ der Komödie in der Wahl der vierten Tochter liegt: Laure (Élodie Fontan) will „einen Schwarzen“ heiraten. Was es heißt, solche Hierarchisierungen zu Ende zu denken, muss Monsieur Claude und seine Töchter ignorieren. Andernfalls wäre wohl aufgefallen, dass man schlecht Rassismus in einem Friede-Freude-Eierkuchen-Finale auflösen kann, wenn man ihn selbst gut gelaunt reproduziert. Der Film ist aus der Ängstlichkeit einer Mehrheit heraus gedacht, der alles, was sie selbst nicht ist, fremd und bedrohlich erscheint. Thilo Sarrazin würde liken.

Monsieur Claude und seine Töchter ist die schlichte Verteidigung dumpfen Franzosentums. Das bedeutet nicht, dass man über die Komplexitäten, Zurücksetzungen und Angespanntheiten multikultureller Gesellschaften keine Witze machen kann – als gelungene, weil charmante und rührende Komödie sei an Michel Leclercs Der Name der Leute (2011) erinnert. Der Erfolg von Chauverons Film bedeutet nur, dass ein großes Publikum nicht Toleranz üben will, sondern zufrieden ist, wenn es sich eines biederen Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen versichern kann.

Monsieur Claude und seine Töchter Philippe de Chauveron Frankreich 2014, 97 Min.

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12:15 23.07.2014
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