„Man braucht Zeit“

Interview Der Filmemacher Thomas Heise über den NSU, das Drehen mit Neonazis und die Frage, wie man die AfD filmt

In den nächsten Tagen strahlt die ARD die Trilogie Mitten in Deutschland aus, drei Filme über Täter, Opfer und Ermittler der NSU-Verbrechen, für die sich Beate Zschäpe vor Gericht verantworten muss. Der Dokumentarfilmemacher Thomas Heise hatte 1992 in Stau von Neonazis in Halle erzählt. Ein Gespräch über gestern und heute.

der Freitag: Haben Sie damals damit gerechnet, dass es den NSU geben könnte, eine rechtsextreme Terrororganisation?

Thomas Heise: Nein. Aber Ronny, einer der Protagonisten, hatte mir von so was erzählt. Das war bei Neustadt, dem Nachfolgefilm von Stau, aus dem Jahr 2000. Das ist an der Stelle, wo er sagt, da darf die Kamera jetzt wirklich nicht mitlaufen. Danach redet er vom Thüringer Heimatschutz und von einem Mord. Ich habe nicht nachgefragt, weil klar war, dass er das nicht erzählen kann im Film. Und es konnte ja auch sein, dass er spinnt. Aber so was war offenbar in der Szene bekannt. Solchen wie Ronny. Der Falko muss ja viel mehr wissen.

Das ist der etwas Dickliche aus „Stau“, der immer „Frust“ sagt.

Er ist mit seiner Mutter in ein Dorf bei Zeitz gezogen. Sie haben da eine Pension, ich bin 2007 mal hingefahren für den dritten Teil, Kinder. Wie die Zeit vergeht. Die Mutter hat das Haus von den Eltern übernommen, Falko hat das umgebaut. Ich möchte wetten, dass da Treffen stattfinden. Das war ein richtiger Nazi.

Zur Person

Thomas Heise, Jahrgang 1955, drehte Stau 1992, gegen die Premiere des Films richtete sich seinerzeit ein analoger Shitstorm. In Halle kam es zum Angriff auf das Kino, wie in Heises Film Material (2009) zu sehen ist

Foto: Thomas Heise

Zu den eindrücklichen Figuren aus „Stau“ gehört auch Konrad, der den Kuchen backt. In „Neustadt“ hält er Hof als Funktionär. Was ist aus dem geworden?

Er arbeitet in einem Fanprojekt vom Halleschen FC mit Jugendlichen. Da kann man sich vorstellen, was dabei herauskommt. Für mich ist das einer, der knallhart weitermachen will. Du musst langfristig arbeiten, sagt er in Neustadt.

In „Stau“ wirken die Jungs medial relativ unschuldig.

Vor uns war ein berühmter Fernsehjournalist in dem Hallenser Jugendklub. Der ist mit gepanzertem Auto und Personenschutz vorgefahren, und die Jungs haben ihm vorgespielt, was von ihnen erwartet wurde. Ich finde es interessant, sie zu zeigen, wie sie sind, nicht wie sie sich darstellen wollen.

Wie kriegt man das hin?

Das hat Monate gedauert. Ich habe da einfach nur Zeit verbracht, habe mich ansprechen lassen. In Stau ging’s damals ums Vorhandensein; dass man sie wahrnimmt. Das ist aber nicht passiert. Da-mit will keiner was zu tun haben. Ich habe das auch nur gemacht, weil ich keine Nazis im Bekanntenkreis hatte. Das hat mich interessiert, weil es etwas Fremdes war. Die meisten interessieren sich nicht für das Fremde, sondern nur für das Eigene. Das führt dazu, dass Gesellschaften in lauter Milieus zerfallen, die nichts miteinander zu tun haben. Das geht bis zu den Wahlerfolgen der AfD, deswegen kommen in Sachsen-Anhalt so viele Stimmen von der Linken, im Westen kommen die dann aus der CDU. Die Leute fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Blase und dann suchen sie sich eine neue. Wo man wieder „wir“ sagen kann. Das ist, etwas verkürzt, die Geschichte.

Gab es denn Überlegungen, die Trilogie fortzusetzen?

Nach dem letzten Film 2007 habe ich überlegt. Ich hab’s dann nicht geschafft. Ich müsste mich mindestens ein halbes Jahr in der Nähe niederlassen und Zeit haben, das finanziert dir niemand.

Würde es Sie noch interessieren?

Na klar, Forschungsreisen mache ich immer. Das Finanzierungsproblem ist, dass das viel zu lange dauert. Um Geld zusammenzukriegen, muss ich den Film fertig aufgeschrieben haben. Das geht aber nicht. Das Aufgeschriebene muss den Vorstellungen der Gremien entsprechen. Die Gremien sind wiederum von Fernsehen durchsetzt. Das Fernsehen hat ein bestimmtes Bedürfnis, was ich jetzt gar nicht negativ meine, das ist orientiert auf Gegenwart. Da geht keiner ein Risiko ein, wenn du sagst, die Gegenwart interessiert mich aber nicht, mich interessiert, was in zehn Jahren ist.

Kann man über Pegida, über die AfD Filme machen?

Man muss erst mal gucken. Da gibt es so Behauptungen, was Pegida, was AfD sei, aber es gibt, meines Wissens jedenfalls, nicht eine wirkliche Analyse davon. Es gibt halbfertige Meinungen, die immer schon da sind, und die werden jetzt bestätigt oder ergänzt.

Was hieße das für die Arbeit an einem Film?

Dass man sich Zeit nimmt, an den Ort des Geschehens geht. Man kann nicht über Pegida einen Film machen, das ist absurd. Wenn ich etwas machen würde über Pegida, müsste ich mich fragen, was ist die Wirklichkeit in diesem Land. Und dann versuchen, das anhand von Personen zu erzählen. Ich habe bei Stau gesagt, man kann nicht über Nazis einen Film machen, dabei kommt Propaganda heraus. Das Ziel eines Films ist es, Erfahrung zu machen. Diese Erfahrung kann ich an andere vermitteln. Erfahrung kann ich aber nur machen, wenn ich offen bin. Man muss begreifen, dass man genauso sein könnte wie sie. Mit Abgrenzung lässt sich nichts beginnen.

06:00 06.04.2016
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