Man will nicht zurück und doch

Film Zeit der Migration in den Süden von mir: Ulrich Köhlers Film „Schlafkrankheit“ ist ein stilles Meisterwerk – avanciert im politischen Entwurf, ökonomisch in der Erzählung

Mit „Afrika“ macht man sich es von hier aus zumeist leicht. Susanne Bier etwa hatte in ihrem Film In einer besseren Welt, der letztes Jahr den so genannten Auslands-Oscar gewann, einen dänischen Arzt nach „Afrika“ geschickt, der dort die Bewunderungshierarchie der Schwarzwaldklinik etablierte: Er hilft, wo nur er helfen kann, befehligt souverän das Heer lokaler Untergebener und verteidigt den Eid des Hippokrates noch in der Savanne, als ein grausamer Rebellenführer verletzt Behandlung einfordert. Die lokalen Kinder sind so glücklich über diesen Sondergesandten der Krisengebietsanästhesie, dass sie strahlend hinter seinem Auto herlaufen.

Auch Schlafkrankheit von Ulrich Köhler, der auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, zeigt einen Arzt in Afrika, genauer gesagt Kamerun. Bewunderung ist aber nichts, was einem in Bezug auf diesen Ebbo Velten (Pierre Bokma) einfallen würde – was auch daran liegt, dass Köhler die limitierte Komplexität der Entwicklungshilfe deutlich macht: Bei der Einweisung seines Nachfolgers sieht Velten einen Patienten, für dessen Lymphdrüsenerkrankung nur veraltete, schmerzvolle Behandlungsweisen zur Verfügung stehen.

Dass Ebbo Velten darüber hinaus kein Sympathieträger ist, sondern eine widersprüchliche, bisweilen unangenehme Figur, macht eine Qualität von Schlafkrankheit aus – der Film schützt sich dadurch vor falschen Allianzen, die aus dem nicht unschuldigen Verhältnis zwischen Europa und Afrika resultieren. Schlafkrankheit erzählt miteinander verbundene Geschichten einer gebrochenen Entfremdung: Veltens Zeit ist eigentlich vorbei, am Beginn steht er mit Frau (Jenny Schily) und Tochter vor den Abreisevorbereitungen ins hessische Wetzlar. Im zweiten Teil des Films, der nach einem fulminanten Schnitt einen zweiten Protagonisten auf seine Spur bringt, wird er in der fremden Heimat geblieben sein.

Banger Gang

Der zweite, vielleicht der eigentliche Hauptdarsteller, ist der französische Weltgesundheitsorganisationsarzt Dr. Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), der ein Projekt von Velten evaluieren soll. Nzila Suche ist aus Joseph Conrads Herz der Finsternis abgeschaut, aber Köhler reproduziert nicht die alte Geschichte, sondern öffnet sie ins Heute: Nzila kehrt als in Paris geborener Sohn eines Kongolesen in die ihm fremde Nähe seiner Vorfahren zurück. Ihm gegenüber erscheint der erfahrene Velten als der eigentliche „Afrikaner“.

Ulrich Köhler gelingt es nun, diesen avancierten politischen Entwurf einer beiläufig wirkenden Genauigkeit zu erzählen. Die Reduziertheit der Dialoge und Szenen (Kamera: Patrick Orth) ist das Resultat einer künstlerischen Verdichtung, die in seinen früheren Filmen (Bungalow, 2002; Montag kommen die Fenster, 2006) schon erkennbar war.

Nzilas Herkunftsangabe wird am Rande eines Witzes gemacht, mit dem sich die Figur routiniert gegen ausdauernde Rassismen schützt. Veltens Entscheidung für die neue Heimat illustriert eine Szene am Ende, in der bewaffnete Männer auf seinen Pickup steigen, gegen deren Transport er sich zu Beginn als Ausweis seiner Neutralität noch gesträubt hätte. Die ganze Unsicherheit des schultertaschenbewehrten Nzila lässt sich an seinem Gang ablesen, dem Schlafkrankheit in charakterisierender Ausführlichkeit Raum gibt. Und das alles sieht so leicht aus, wie es sich Köhler mit „Afrika“ nicht macht.

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14:20 22.06.2011
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Ausgabe 42/2021

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