Migration im Vordergrund

Festival 52. Internationales Dokumentarfilmfestival in Leipzig: Die Wanderungsbewegungen führen in die Breite, der ­filmische Diskurs über Immigration hat sich differenziert

Das Schöne an dem Begriff Migrationshintergrund ist, dass er so unscharf bleibt. Dadurch verschiebt er die Perspektive. Wenn man seiner Bedeutung richtig zuhört, kann man sich darin auch als deutschester Deutscher wieder erkennen; irgendwann ist jeder einmal hierher gekommen. Versatzstücke heißt der Kurzfilm, den Elisa Purfüst auf dem am Sonntag zu Ende gegangenen Internationalen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig gezeigt hat. Darin erzählen vier Menschen von ihrer Fahrt dahin, wo heute Deutschland ist: eine alte Frau, die gegen Kriegsende aus dem damals deutschen Osten floh; ein junger Mann, der es aus Sierra Leone nach München geschafft hat; eine junge Frau, die mit ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland gelangte; eine Frau, die vor über 20 Jahren aus der DDR kommend die Donau nach Österreich durchschwommen hat.

Migration wird in diesen Geschichten zu etwas Technischem. Die Kamera, die zwischendurch Details der Körper so stark fokussiert, dass diese kaum mehr zuzuordnen sind, behandelt alle gleich, die Dramaturgien voller bedrohlicher Umschwünge, aber mit erreichtem Ziel ähneln sich. Was sich unterscheidet sind die Kontexte: Für die Donaudurchschwimmerin bestand die Schwierigkeit darin, die DDR zu verlassen, für den jungen Mann aus Sierra Leone besteht sie darin, in der Bundesrepublik anzukommen. Die alte Frau hat sich ihr Ostpreußen in der Erinnerung aufgehoben, der junge Mann sagt: „Ich glaube nicht an eine Heimat.“

Kugelschreiberkappen

Migration war das inoffizielle Thema des diesjährigen Festivals von Leipzig. In den beiden Hauptkonkurrenzen, dem internationalen und dem deutschen Wettbewerb, handelten beide Siegerfilme, wenn auch auf verschiedene Weise, von Wanderungsbewegungen unserer Zeit. Les Arrivants von Claudine Bories und Patrice Chagnard zeigt einen Sommer lang das Treiben auf der Paris CAFDA, der städtischen Anlaufstelle für Asylsuchende. Die CAFDA ist ein Babylon, alles geht durcheinander, Asylsuchende sind genervt, weil sie warten müssen, die Angestellten der CAFDA, Frauen zumeist, weil sie nicht vorwärts kommen, die Arbeit anstrengend ist: quengelnde Kinder, verzweifelte Eltern, irritierte Übersetzer. Geschickt halten die Regisseure Balance, sie folgen den Antragstellern in ihre Zwischenexistenzen und den Angestellten zum Rauchen auf den Balkon. Asyl ist hier kein humanitärer Akt, sondern ein Verfahren, dessen Gebrauchsanweisung vorsichtig studiert werden will: Fingerabdrücke in anderen EU-Ländern, vergessene Drittländer, glaubhafte Verfolgungsgeschichten, Metrokartenbudgets. Der Clou von Les Arrivants ist, dass der Film auf eine intelligente Weise komisch ist. Indem er die Absurdität der Kommunikation – bei der die Angestellte anfängt, dem Übersetzer am Telefon Vorwürfe zu machen, weil die Familie, für die er dolmetscht, eine Auskunft nicht geben will – als Absurdität zeigt. Weil der Film das Schnippisch-Beleidigte, das im französischen Schimpfen liegt, auf eine feine Weise ausstellt, ohne zu vergessen, welche Arbeit die Angestellten leisten. Bories und Chagnard haben außerdem ein Gespür für Details: Vielleicht versteht man die Anstrengungen, die beiden Seiten auf der CAFDA abverlangt werden, am besten, wenn man den Kugelschreiberkappen durch einen Film folgt, in dem sie abwechselnd malträtiert werden, als Spielzeug dienen, zum unbewussten Abreagieren da sind.

Insa Onkens Film Rich Brother, Gewinner im deutschen Wettbewerb, künstlerisch nicht so hochstehend, überzeugt durch seinen Protagonisten, dessen Zerrissenheit durch harte Schnitte vorgeführt wird. Ben ist als Sohn einer Kameruner Großfamilie auserwählt, Erfolg in Deutschland zu haben. Er versucht, Boxer zu werden, und Rich Brother erzählt die Bemühungen des jungen Mannes nicht als eigenen Traum von Ankunft in Deutschland, denn vielmehr als Schicksal: zurückkehren kann Ben genauso wenig, wie er scheitern darf, weil die Familie sich in den Kopf gesetzt hat, dass Europa Erfolg bedeutet und Erfolg Geld, das gebraucht wird. So folgt die Kamera Ben durch miese Boxklubs, in denen halbseidene Promoter ihr Geschäft nach Regeln organisieren, bei denen der junge Mann kaum eine Chance bekommt. Das Warten, das „Duldung“ in Deutschland bedeutet, verlängert Rich Brother in ein Milieu, dass viel zu korrupt ist, um selbst denen, die nichts haben außer ihren Körpern, einen Aufstieg zu ermöglichen. „Ich möchte mein Leben erreichen“, sagt Ben einmal. Die Dringlichkeit des Wunsches untermauerte der Protagonist bei seinem Auftritt nach der Premiere: Dass jemand ganz offen nach Arbeit fragt, irritiert die Erwartungen, die Kinobesucher an den Realitätsgehalt bei Dokumentarfilmvorführungen haben.

Heimatflexibler

Bemerkenswert am Leipziger Programm war, welche Ausdifferenzierungen das Thema (illegale) Migration im Dokumentarfilm mittlerweile erfahren hat. Gab es vor ein paar Jahren kaum ein Bewusstsein und fast keine Bilder von den Lebensverhältnissen, unter denen eingewanderte, Asyl suchende Menschen hierzulande leben, verfolgen Filme wie Rich Brother, Versatzstücke oder auch Kein Ort von Kerstin Nickig die persönlichen Geschichten nun weit über die Tristesse der Heimflure zurück. So wird sichtbar, dass Leute nicht deshalb weggehen, weil sie hierher wollen, sondern weil sie dort nicht bleiben können.

In gewisser Weise war Migration das Stichwort auch für die großen Namen. Volker Koepp, der in stetig vergangene und gegenwärtige deutsche Kulturlandschaft durchstreift, zeigte in Leipzig mit dem Eröffnungsfilm Berlin-Stettin eine persönlichere Dokumentation, die in beiläufiger und unsentimentaler Manier Koepps Leben und Arbeit zwischen diesen beiden Städten erkundet. Die Retrospektive war Joris Ivens gewidmet (seine Witwe, Marceline Loridan-Ivens war in Leipzig zu Gast), für den Zuhause lange Jahre ein flexibler Begriff war. Mit Leipzig verbindet den 1989 Verstorbenen eine schwierige Geschichte: Nachdem er zu den Gründern des Festivals gehörte, folgte nach 1968 die Zeit der Ungnade inklusive Abschaffung eines nach ihm benannten Preises. Mit der Werkschau, die auch eine DVD-Edition zeitigt (mit Absolut Medien), hat sich das Leipziger Festival, dem der Spagat zwischen Tradition und Neuerfindung unter seinem umtriebigen Chef Claas Danielsen immer besser gelingt, nun wieder um Ivens verdient gemacht. Weltenfilmer heißt die Edition. Ein schöneres, aber nur ein anderes Wort für Arbeitsmigrant.

Alle Preisträger des Festivals finden sich .hier

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21:20 04.11.2009
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Ausgabe 42/2021

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