Nichts als Gesichter

Dokumentarfilm Yann Arthus-Bertrand versucht in „Human“, von der Welt und ihren Problemen zu erzählen
Matthias Dell | Ausgabe 42/2016

Yann Arthus-Bertrand kommt als Fotograf und Journalist ins Kino. Als junger Mann war der Franzose einer der letzten Besucher von Dian Fossey, bevor die Forscherin Weihnachten 1985 unter bis heute ungeklärten Umständen gewaltsam ums Leben kam, in ihrem Karisoke Research Center im Virunga-Nationalpark von Ruanda. Arthus-Bertrands Bilder waren Dokumente, auf die Michael Apteds bekannter Film Gorillas im Nebel von 1988 seine mit Sigourney Weaver verfilmten Vorstellungen vom Leben Fosseys stützt.

Bekannt geworden ist Arthus-Bertrand allerdings mit einem Projekt, das er bereits mehrere Jahrzehnte betreibt: die Erde von oben, Luftaufnahmen als Selbstporträts des Planeten, die in der Zeit, bevor Kameradrohnen zur Standardausrüstung für familiäre Urlaubsvideo wurden, weitaus aufwendiger zu bewerkstelligen waren und sich entsprechend zu einer persönlichen multimedialen Unternehmung gewandelt haben. Arthus-Bertrands Dokumentarfilme – Die Erde von oben von 2004, Home von 2009 oder nun Human – kommen deshalb als eine Art animierte Ausstellung daher.

In Human sieht man darin nicht nur Bilder, die grafische Schönheit aus großer Höhe in Flussverläufen und Wüstenstrecken, Slum-Arrangements oder Menschenmassen entdecken, sondern in den 15 Kapiteln immer wieder Menschen. Menschen, die in die Kamera sprechen, frontal, vor schwarzem Hintergrund. Ein einfaches und zugleich mächtiges Bild (Gesichter, nichts als Gesichter), das in seiner Reduktion auf das Immergleiche (Gesichter, nichts als Gesichter) serielle Unterschiedlichkeit in gleichmachendem Passepartout performt.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass, wer global denkt, auf solche Simplifizierungen kommt: Das Video zum Song Black or White des Weltpopstars und Universalversöhners Michael Jackson morphte sich aus solcher Perspektive gutgelaunt durch die Verschiedenheit der Menschheitsgesichter; im UEFA-Werbespot sind es Großaufnahmen der ungerührten Gesichter von Fußballidolen wie Messi, Neuer, Cristiano Ronaldo, die der Kampagne „Nein zum Rassismus“ Bedeutung verleihen sollen.

Bei aller Gravität

Hinzu kommt, dass die Aufnahmen in Human den Sehgewohnheiten des Smartphonezeitalters entsprechen, weil es sich bei der Reihung der mehr als 180 Sprecherinnen im Grunde um lauter Selfies handelt. Das deutet bei aller Gravität der Inszenierung (das dramatische Schwarz im Hintergrund, das freilich auch der Homogenisierung der diversen Aufnahmesituationen dient) darauf hin, wie leicht ein Film wie Human zu produzieren wäre: Wenn die Interviewten tatsächlich nur auf „Schlüsselfragen“ antworten – Fühlen Sie sich frei? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was war die größte Herausforderung Ihres Lebens, und was lernten Sie daraus? Haben Sie eine Botschaft an die Bewohner dieses Planeten? –, bedürfte es nicht einmal der Journalisten, die an Autors statt überall auf der Welt mit völlig verschiedenen Menschen interagieren; deren Text könnte genauso gut aus der Distanz eines Skype-Gesprächs aufgenommen werden, wenn nicht gar automatisiert als eine formal vorab definierte Selbstaufzeichnung.

Das Material jedenfalls ist disponibel – und in der Form von Human steht der Name Yann Arthus-Bertrand dann nur noch als Markenzeichen weltumfassend denkender Bildproduktion über einer möglichen Schnittfassung, deren Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig durch den Besuch des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon (dem die Credits Dank aussprechen) geadelt wird. Zugleich sind die nie mehr als zehnminütigen Sprechpassagen, die durch musikalisch stimmungsvoll unterlegte Erde-von-oben-Bilder getrennt werden, schon die Einzelteile, als die sie auf Youtube oder durch Facebook-Accounts hindurch sich verbreiten könnten.

Die Offenheit der Form macht Human zwar zum idealen Beitrag für jedes weltverbindende Kulturprogramm. Darin liegt aber auch ein formales Problem, das einer schlichten Häme über Arthus-Bertrands Weltverbessererpathos Tür und Tor öffnet: Die Geschichten, die die Gesichter in die Kamera erzählen, sind so weit entindividualisiert, dass man sie immer nur als Repräsentation von Verschiedenheit nimmt, nie aber Verschiedenheit dadurch erfährt. Am Ende will der Film doch nur gut aussehen und ist gerührt von seinem eigenen Pathos (tatsächlich spielen die allerletzten Bemerkungen, wenn der Abspann schon läuft, auf die Aufzeichnungssituation an).

So beeindruckend es ist, über Werte, Ansichten, Erlebnisse von Menschen von überall auf der Erde zu hören, das Nebeneinander der Gesichter gewinnt keinen Zusammenhang, selbst wenn ein Afghane, der im „Dschungel“ von Calais lebt, seine Fluchtgeschichte verständlich macht, wenn ein Soldat vom Faszinosum der Gewalt erzählt und ein inhaftierter Mörder von der späten Liebe, die ihm zuteilgeworden ist.

Der einzige Moment, in dem eine Verbindung der Einzelstatements sichtbar wird, ist die Analyse eines vermutlich indischen Mannes, der die scheinbar absurde ökonomische Logik von billigen Arbeitskräften in seinem Land skizziert: Durch Wassermangel aus ihren ursprünglichen Gebieten als Wanderarbeiter in die Städte getrieben, verdingen sich Menschen nun beim Bau von Luxushochhäusern in Mumbai, bei denen auf jeder Etage ein Swimmingpool eingeplant ist. Immerhin wird durch die Addition der Aussagen deutlich, was das zentrale Thema unserer Tage ist: Ungleichheit.

Info

Human Yann Arthus-Bertrand Frankreich 2015, 143 Minuten

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06:00 02.11.2016
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