Oder so

Tatort Vorspiel und Technik: Teil eins der großangelegten Doppelfolge an Ostern, in der Köln in Leipzig seine Aufwartung macht. Der föderal-egalitäre "Tatort: Kinderland"

Til Schweiger sei Dank, wir haben eine kleine Diskussion zum Tatort als solchem. Vorspann also wesentlich. Sendezeit: ebenfalls. "Was ist aber ist die Sendezeit?", fragt der Klugscheißer. Sonntag, 20.15 Uhr, logen, auf jedesten, ich möchte lösen, antwortet die Programmzeitschrift (gibt es die noch?).

Stimmt nicht, sagt der Klugscheißer. Sonntag ist nur, weil meistens Sonntag ist, bevor die Maloche wieder losgeht beziehungsweise das Frühstücksfernsehen. Wenn Weihnachten, der 1. Mai oder auch der 3. Oktober gut drauf sind, verlängern die schon mal das Weekend, und dann ist Tatort-Sendezeit eben Mo. oder Di. Ein Klassiker der Weekend-Verlängerung ist naturgemäß, wie der Bernhardianer sagt, Ostermontag. Jedes Jahr. Das führt am Ostersonntag regelmäßig zur Irritation: Weil meistens Sonntag ist, bevor die Maloche und so, ist der Zuschauer konditioniert. Da fehlt doch was, das reicht doch nicht.

In diesem Jahr versucht die ARD, sich dem Dilemma, der Punktierung unserer Lebensrhythmen zu entschlagen durch sanften Eventism: Es gibt einfach zwei Tatort-Folgen. Weil das aber wiederum zu Stottern eines anderen Rhythmus' führte – Tatort ist wöchentlich –, werden nicht einfach zwei Filme gesendet, die so viel miteinander zu tun haben wie Berlin letzte und Wien vorletzte Woche, nämlich: niente; es ist vielmehr eine Doppelfolge am Start. Egalitär, wie der Tatort als Institut des demokratisch-föderalen Konsenses nun einmal ist, wird naturgemäß nicht ein Schauplatz bevorzugt. Es ermitteln zwei Paare und das auch noch zusammen.

Proporzionösest: Heute ist Köln in Leipzig, morgen Leipzig in Köln. Liegt auch nahe: Ost-West ist immer noch die weiteste Entfernung voneinander, politisch, historisch: First Tatort ever – Taxi nach Leipzig. 1990: Schimmi und Thanner einheitseuphorisch bei Oltn. Fuchs und Young Boy Grawe, 2001 dann Remake davon mit Köln bei Kain und Ehrlicher. Das Besondere ist das Politische. Wie auch immer: Im Radsport, diesem an Metaphern reichen Feld, würde man von einem Zweitagesklassiker (gibt es den?) sprechen: Am Ende des ersten Tages wird schon reingehalten in einen Zielsprint, das Gesamtklassement wird aber erst am zweiten Tage festgelegt.

Väterlicherseits, mütterlicherseits

Wer jetzt mault, alles so technisch this time, wann geht’s denn endlich mit der Folge los: die Folge ist Technik. Vor allem Jürgen Werner am Buch muss sich in einer Form von Materialbeherrschung üben, die unseren Gewohnheiten zuwiderläuft. 180 Minuten mit Zwischenstand – das strapaziert des Zuschauers Konditionierung. Gestreckt werden kann heute easy: Allein die Akklimatisierung nach dem Zusammenschluss der beiden Teams nimmt ordentlich Raum ein. (Nebenher: "4 Stunden 10 Minuten" für Köln-Leipzig, das ist schon ordentlich Gummi and no Stau, der ja gerade an der Rhein-Ruhrschiene zu den natürlichsten Erscheinungen des Straßenverkehrs gehört)

Das Tête-à-tête wiederum wird easy mit Komik bestritten. Es hat, und da staunt man selbst als abgewichstesterheavy user über die eigene Naivität, etwas zutiefst Berührendes, zwei Paare miteinander zu sehen, die man aus verschiedenen Ressorts des Fernsehens kennt. Ungefähr so wie die erste Familienfeier, bei der vereinzelt Personal aus der Linie väterlicherseits beim großen Ringelpiez der mütterlichen Seite aufläuft. Früher, als der Tatort am Anfang stand, gehörten die gegenseitigen Besuche zum guten Ton aka fast zur Pflicht, begründet in der Literatur heute durch den Versuch, die Reihe im Bewusstsein ihrer Zuschauer zu verankern. In jedem Fall ging's auch darum, den föderal-staatstragenden Charakter vons Ganze aka dem Tatort deutlich hervortreten zu lassen. (Weshalb es ja auch interessant ist, dass solche Cameos heute immer mit Politik verbunden sind, siehe: Ost-West: Wenn der Tatort seine Muskeln zeigen will, entdeckt er seinen staatlichen Body.)

Nur zum Beispiel: diese tolle, alte Kieler Kommissar-Fichte-Folge Strandgut, in der Assistent Jessner (the one and only: Wolf Roth) mal eben zur Rheuma-Konrad (Klaus Höhne) von Sylt nach Frankfurt/Main düst – Flugzeugwechsel inklusive. (Von der Fahrt sieht man, anders als bei Jessnern seinerzeit, heute übrigens nichts – das zum selbstwussten Umgang mit etwas, das Budget heißt.) Und das alles für eine völlig nichtige Information in einer Zeit, in der das Telefon schon existierte. Vermutlich hat dieser erzähllogistische Überfluss zur Abschaffung der Cameo-Auftritte beigetragen. Bei Kinderland zumindest ist die Verbindung beider Schauplätze durch parallel geschnittenen Leichenfund von toten Girls inhaltlich motiviert, wenngleich Realitätsabgleicher sich fragen werden, warum nicht einfach die Mühlen der Behörden angeworfen werden, statt Fab Five Freddy (Dietmar Bär) und Borderlining Ballauf (Klaus J. Behrendt) privat-undercover durch die Bretagne zu jagen.

Hase und Igel

Aber es ist schön, würde "der Brecht" (B.K. Tragelehn) sagen. Wo Fernsehen auf Fernsehen trifft, muss es selbstreferentiell werden. Was heißt, dass die einzelnen Charaktere Gegenstand der Handlung sind. Winner, eindeutig: Sono Keppler, den Burgtheater-Wuttke hier in herrlichster Misanthropie spielt ("Ich hab' da [in der Pension] einen Ruf zu verlieren, die beiden sind von der Polizei"). Bei Simone Thomallas Corsage Saalfeld kommen wir dagegen noch immer nicht umhin, die jeweilige Regieanweisung durchs Spiel durchschimmern zu sehen. Fab Five Freddy klampfert dennoch in großem Stile bei ihr an, während Borderlining Ballauf sich bei Sono Keppler eine blutige Nase holt.

Darüber kann man Schwierigkeiten kriegen, den Fall nicht aus den Augen zu verlieren, der mit Blick auf die Fortsetzung am nächsten Abend etwas tiefer Luft holt: Lisa Noack (Norina Butzloff) ist die, die im stolzen Lipsia tot aufgefunden wird, die tagesaktuelle Leiche; Anna Römer (Lotte Flack) das Bindeglied zur Fortsetzung mit dem Crescendo "wrong mother". Olaf Dürer (Sebastian Weber) macht die Nebelkerze, the unknown Freier (Anian Zollner) das Bindeglied auf Täterseite.
Dass es um so was Krasses wie prostitutiven Kindesmissbrauch geht, ist wohl auch der Besonderheit der Doppelfolge geschuldet. Der realexistierende Sachsensumpf bildet keinen Bezugspunkt, das wäre in einem reinen local Tatort wohl anders. Dafür können die Freunde des Allergrößten aka des Kommissars sich freuen – dort gehörte es bekanntlich zum Standard der Großstadtverachtung, dass jedes weibliche Landei, das in Munich ankam, praktisch auf dem Bahnsteig in die Zwangsprostitution einfuhr. Die Musik (Karim Sebastian Elias) spielt Hase-und-Igel mit dem Zuschauer: Sie ist immer schon da, wo die Bedeutung erst hinkommt; wo der Solostreicher Moll trägt, sind die Schicksale besonders schlimm. Auf der Besetzungsliste ein schöner Witz: Mit der großen Margarita Broich spielt die Frau von Wuttke die Frau vom Kinderland-Erfinder Tremmel (Hendrik Duryn), die sich leider immer noch streiten, obwohl schon ein Kind darüber ausgebüxt ist.

Etwas nervig ist nur, dass Köln bei Besuch in L.E. tatsächlich nichts anderes einfällt als der "Soligroschen". Dieser tiefe Westen könnte doch auch mal eine andere Platte auflegen beziehungsweise dieser Osten doch auch einmal anders angeschaut werden, auch wenn das vor dem Hintergrund derzeitiger Diskussionen total aktuell wirkt (don't mention the name: Oberhausen). Das blühende Leipzig jedenfalls hat seine Rausputzung mit dem Verlust an Geschichte bezahlt – zu zählen, was in diesen schlüpferfarbenen Häusern alles an Verbundfenstern rumhängt, könnte locker zum Einschlafen führen.

Eine Frage, auf die wir noch keine Antwort gefunden haben: "Bin ich Jesus?"

Ein Tool, das fancy wirkt: diese endgeilen Vergrößerungsnippel auf der Brille von Olaf Dürer

Ein Ton, der aus Kollegen Freunde macht: "Katharina, draußen gibt’s Arbeit!"

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21:45 08.04.2012
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