Pause vom Stress

„Where to invade next?“ Kein Sachsen, kein Syrien, kein IS, keine AfD, kein Horst Seehofer und keine Migration: Michael Moores neue Doku dürfte hierzulande viele begeistern
Matthias Dell | Ausgabe 08/2016 3

In den Dokumentarfilmen von, sagen wir, Volker Koepp begegnet man dauernd anderen Dokumentarfilmen von Volker Koepp, während man in den Dokumentarfilmen von Michael Moore immer nur Michael Moore begegnet. Deshalb ist es bemerkenswert, wenn es in Where to invade next?, dem neuen Film von Michael Moore, am Ende fast so etwas wie einen Moment auktorialer Selbstreflexion gibt, einen Verweis auf die Zeitschichten im eigenen Werk: ein Foto von Moore aus dem Herbst 1989 in Berlin und ein wenig Bewegtbild von dem Freund, mit dem er damals in den Mauerfall geriet.

In Where to invade next? ist die persönliche Erinnerung als Ermutigung gedacht, als Beweis dafür, dass Weltbilder von heute auf morgen verschwinden können. Das Weltbild, gegen das der 1954 als Kind des Kalten Kriegs geborene Moore seit dem Debüt Roger and me 1990 mit seinen Dokumentarfilmen zu Felde zieht, ist der Neoliberalismus US-amerikanischer Prägung, also samt Waffenbesitz und durchökonomisiertem Gesundheits- und Gefängnissystem.

Wobei Dokumentarfilm vielleicht nicht das richtige Wort ist für die Arbeiten von Moore, zumindest nicht, wenn man bei Dokumentarfilmen an Arbeiten wie die, sagen wir, von Volker Koepp denkt. Dagegen erscheinen Moores unterhaltsam zusammengelötete Footage-Orgien, die nur unterbrochen werden von effektvollen Auftritten des Machers als scheinbar tumbem Klassenclown der politischen Welthändel, als Essays – wenn Polemiken nicht das treffendere Wort für die Schärfe und Zuspitzung des Arguments wäre.

Die Kritik amerikanischer Verhältnisse erfolgt in Where to invade next? über den – in seliger Erinnerung an die antagonistische Kalte-Kriegs-Übersichtlichkeit – Blick zu den europäischen Sozialstaaten (bis auf eine Ausnahme). Moore reist herum, um Ideen zu suchen dafür, was beim Miteinander in den USA besser gemacht werden könne, und findet endlosen Urlaub (Italien), Schulkantinenkulinarik (Frankreich), Kur und Vergangenheitsbewältigung (Deutschland), kostenloses Studium (Slowenien), ein an Resozialisierung interessiertes Gefängnissystem (Norwegen), eine an Kriminalisierung von Konsumenten uninteressierte Drogenpolitik (Portugal), Gleichstellung der Geschlechter (Island).

Die Erzählung folgt einer repetitiven Verwunderungslogik: Moore ist zwar schlagfertig, aber immer auch naiv und weltfern genug, um über die Auskünfte seiner Gesprächspartnerinnen zu staunen. So wie der Film mit einfachen Mitteln auf die Vereinfachung von Politik von Lautsprechern wie Donald Trump reagiert („Make America great again“), so erweist sich die scheinbar überraschte Naivität als Gegenstück zum dauerdröhnend-bescheidwissenden Gelärm der US-amerikanischen News-Programme, auf deren alarmistische Nachrichtenbilder sich Where to invade next? permanent bezieht.

Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. „Ich bin gekommen, um Blumen zu pflücken, nicht um Unkraut zu jäten“, sagt Moore gleich zu Beginn offen über sein Konzept. Und erreicht damit in komplizierten, unübersichtlichen Zeiten einen schlichten Effekt, der Where to invade next? hierzulande viele Besucher und große Begeisterung einbringen dürfte: Es gibt nur gute Nachrichten und glückliche Menschen. Kein Sachsen, kein Syrien, kein IS, keine AfD, kein Horst Seehofer und keine Migration. Und keine neoliberalen Optimierungsdiagnosen, wie adipöse Sozialsysteme am schnellsten abgespeckt werden müssen.

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06:00 26.02.2016
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