Matthias Dell
Ausgabe 1117 | 29.03.2017 | 06:00

Perücken, Bärte

Serie Neue deutsche Versuche im Serien-Genre: „Der gleiche Himmel“, „Charité“, „You Are Wanted“

Die DDR liegt jetzt in Tschechien. Die ZDF-Produktion Der gleiche Himmel, die im geteilten Berlin von 1974 spielen soll und Ende März im Fernsehen läuft, wurde in Prag gedreht. Aus Kostengründen. Was den zeithistorisch geübten Blick etwas irritiert: Zwar finden sich in Prag noch unsanierte Straßenzüge, die mühelos als 1970er Jahre durchgehen können, weil der massenhafte Verfall von älterer Bausubstanz die Ökonomien des früher sogenannten Ostblocks verband. Zugleich aber unterschied sich das Corporate Design der einzelnen Volkswirtschaften in Details – so wie die Generalgestaltung in Ländern immer variiert, was man als Tourist an Autokennzeichen oder Verkehrsschildern zuerst registriert.

Im Ostberlin von Der gleiche Himmel ist dann also das tolle Podoli-Schwimmbad von Prag zu sehen, das 1965 eröffnet wurde und mit seiner kraftvoll geschwungenen Dachkonstruktion eine tschechische, von Pop-Art inspirierte Architektur vorstellt. Die nur eben eher die Luftigkeit der Münchner Olympiaschwimmhalle vorwegnimmt, als den 1950er-Jahre-Trutz des Sportforums in Hohenschönhausen nachzuahmen, in dem die DDR-Kader auf ihre Medaillengewinne vorbereitet wurden. Genauso gibt es in Der gleiche Himmel Plattenbauflure und öffentliche Uhren, die sich nicht ohne Weiteres in die durch Vorgängerfilme geprägte Vorstellung von DDR integrieren lassen.

Die DDR, oft übermalt

In gewisser Weise sind diese Verschiebungen nur konsequent, ist doch das Bild von der DDR in der regelmäßigen filmischen Verarbeitung so oft übermalt worden, dass man die historische Grundierung immer schlechter erkennt. Schauspieler tragen komische Perücken und schmalzige Lederjacken. Der gleiche Himmel erzählt die Geschichte eines Stasi-Agenten (Tom Schilling), der nach Westberlin geschleust wird, um einer einsamen NSA-Sekretärin (Sofia Helin) den Hof zu machen mit seiner angelernten Vorliebe für Puccini-Opern und amerikanische Erzähler.

Erzählevolutionär steht die UFA-Produktion (Drehbuch: Paula Milne, Regie: Oliver Hirschbiegel) damit zwischen Deutschland 83 (Freitag 47/2015), dem eigenen doch dann irgendwie erfolgreichen (oder?) Debüt auf dem Felde neueren seriellen Erzählens, und Weissensee, der Vulgarisierung der DDR-Erzählung ins plotgetriebene Familien-Soap-hafte, weil auch in Der gleiche Himmel Verwicklungen innerhalb der im Osten verbliebenen Familie des Romeo-Agenten mit Handlung gewürdigt werden (gedopte Schwimmerinnentochter, dissident-schwuler Lehrerschwager).

Allerdings mit größerer Ruhe und mehr Zeit, um nicht zu sagen: mit zu viel Ruhe und zu viel Zeit. Spannung ist nicht das Gefühl, das der 90-minütige erste Teil bei der Betrachterin zurücklässt. Das verbindet den Auftakt zum Mehrteiler mit den ersten beiden Folgen der ARD-Serie Charité (ab 21. März),ebenfalls eine UFA-Produktion (Drehbuch: Dorothee Schön, Sabine Thor-Wiedemann, Regie: Sönke Wortmann), ebenfalls in Tschechien gedreht, auch wenn das berühmte Berliner Krankenhaus hier nicht in seinen DDR-Jahren gezeigt wird, sondern im Dreikaiserjahr 1888.

Das Kalkül dahinter ist leicht zu erkennen: Zum einen gibt es mit Steven Soderberghs Serie The Knick über ein New Yorker Krankenhaus um 1900 ein Vorbild. Zum anderen sollte das arztserienaffine Publikum im Land von Schwarzwaldklinik und In aller Freundschaft die Idee des „High-End-Drama“ (UFA) besser verstehen, wenn die handelnden Personen Kittel tragen. Ihr Herkommen aus dem deutschen Fernsehfilm können Der gleiche Himmel und Charité bei allem Zug zur populäreren Erzählform (Serie) aber schlecht verhehlen. Bei Der gleiche Himmel bekäme man gar Bestimmungsschwierigkeiten, was an drei langen, eineinhalbstündigen Filmen überhaupt „Serie“ sein soll.

Das panoramatische Erzählen markiert das Problem der beiden Produktionen, die stärker an Tanker mit Traumschiff-Dramaturgie erinnern, als flinke Beiboote sind, die interessante Erzählfelder sondieren. Der Blick auf Tom Schillings Stasi-Agent ist der, den man aus dem Geschichtsbuch kennt. Dabei müsste es sich um Literatur handeln, die sich Idiosynkrasien leistet, mehr Details und Abschweifungen, statt Vollständigkeit und Tableaus. Wie in Charité agieren die Figuren seltsam unverbunden nebeneinander her, sie tragen ihre Charaktere wie Perücken oder Bärte, völlig äußerlich. Selbst die konfliktträchtige Konkurrenz um eine Assistentenstelle beim berühmten Robert Koch scheint Charité eher nebenher zu passieren – jedenfalls nicht so, dass man mit dem einen oder anderen Bewerber tiefer fühlen würde. Hat er halt nicht bekommen, der Behring (Matthias Koeberlin). Bisschen netter wirkt er ja, der Ehrlich (Christoph Bach).

Der Familienvater, ungelenk

Vor diesem Hintergrund erscheint die erste deutsche Amazon-Serie You Are Wanted (Produktion: Matthias Schweighöfers Firma Pantaleon, Buch: Hanno Hackfort, Richard Kropf, Bob Konrad, Regie: Schweighöfer) als spürbarer Fortschritt. Eigentlich müsste man sagen: nur vor diesem Hintergrund. Denn die Geschichte um einen Familienvater (Schweighöfer), dessen Leben gehackt wird, erscheint in vielen Momenten ungelenk und bemüht, die dramaturgischen Ufer zu erreichen, die serielles Erzählen kanalisieren; die mögliche Komplexität der Erzählung zentriert sich auf die Screentime, die der Star Schweighöfer in fast jedem Bild beansprucht. Die partielle Einfältigkeit von You are wanted zeigt sich am besten wohl daran, wie lange das smart-bürgerliche Mittdreißiger-Paar in den ersten beiden Folgen naiv an seinen zu manipulierenden Geräten festhält, statt aus der Paranoia, die den Zuschauer längst befallen, erzählerisch Kapital zu schlagen.

Auch bei You Are Wanted hat man es also mit der Verlängerung gegenwärtiger deutscher Filmproduktion zu tun, indem einer der drei Stars versucht, der Verpflichtung auf die regressive Männerkomödie, die als einziges Blockbustermodell im deutschen Kino taugt, ins Neuland der Serie zu entkommen. Schweighöfers Weg dorthin wirkt frischer als die neumodisch geschminkte UFA-Konfektionsware. Von einer Idee, wofür ein spezifisch deutsches Erzählen im Serienformat sinnvoll sein könnte, ist aber auch You Are Wanted noch weit entfernt.

Info

You Are Wanted ab 17. März auf Amazon Prime Video Charité ab 21. März in der ARD Der gleiche Himmel ab 27. März im ZDF

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.