Matthias Dell
15.12.2010 | 15:00 12

Pretty Woman mit Musik

Kino Der avisierte Blockbuster "The Tourist“ von Florian Henckel von Donnersmarck ist genau so schlecht wie "Das Leben der Anderen" - nur anders

Der Film The Tourist ist ein Thriller mit romantischen Anklängen und altmodischer Anmutung, der sich großzügig dem Subgenre des Heist-Movies zurechnen lässt, bei dem es um Planung und Durchführung eines trickreichen Raubes geht.

Zuerst ist The Tourist, wie das gesteigerte Interviewaufkommen der letzten Wochen illustriert, der zweite Spielfilm von Florian Henckel von Donnersmarck, dazu in Hollywood, mit großen Namen (Angelina Jolie, Johnny Depp) und an exquisiten Schauplätzen (Paris, London, vor allem Venedig) realisiert. Florian Henckel von Donnersmarck, wer erinnert sich nicht, ist jener junge Mann von eindrucksvoller Gestalt und noch eindrucksvollerer Physiognomie, der 2006 mit Aplomb sein Debüt Das Leben der Anderen in die deutschen Kinos brachte.

Begeisterte Filmkritiker wie Joachim Gauck oder Thomas Brussig erinnerten sich angesichts der DDR-Stasi-Dissidenten-Schmonzette, dass sie all die Jahre immer nur auf den einzig gültigen Film über das So-war-Es ihrer DDR-Empfindung gewartet hatten, und erklärten diese Tätigkeit im gleichen Atemzug für beendet. Der Furor, mit dem Das Leben der Anderen in die gesamtdeutsche DDR-Wahrnehmung einmarschierte – so dass alle Kinder, die das Pech haben, nach 2006 Geschichtsunterricht zu bekommen, sich die DDR als das Leben der Anderen vorstellen müssen –, erklärte sich in nicht unbeträchtlichem Maß aus einer geschickten Medienkampagne, die nicht mal vor der Verhurung der Biografie von Ulrich Mühe auf dem Straßenstrich des Boulevards haltmachte.

Große Leere

The Tourist hat nun nichts, was sich derart aufladen ließe. Wenn es an diesem harmlosen Nichts irgendetwas gibt, das zum Diskurs taugen könnte, ist es das Hollywood Audrey Hepburns: Angelina Jolie darf sehr schön aussehen. Selbst als Magersuchtkritiker wird man nicht umhinkommen, ihre anorektisch präparierten Gesichtszüge zu bewundern, die nur eine Kamera auf dem schmalen Grat zwischen überirdischer Schönheit und problematischer Pathologie einfangen kann. Außerdem trägt Angelina Jolie als Geheimagentin und Flüchtigengeliebte sehr schöne Kleider, sehr schönen Schmuck und sehr beeindruckende Frisuren.

Um Angelina Jolie herum aber ist dieser Film von einer großen Leere: die öde Beschwörung einer Kino-Ära, in der die Frauen schön und geheimnisvoll sein mussten, die Bösewichter Karikaturen des Hässlichen und Ungehobelten, und nur die Männer nicht aussahen wie Johnny Depp. Vielleicht ist das der Grund, warum sich das Verhältnis zwischen den Figuren von Jolie und Depp nicht füllen will mit jenen romantischen Sehnsüchten, für die man noch heute ins Kino geht. Mit seiner gebremsten Action wirkt The Tourist in manchen Momenten wie ein retardierter Teil zur James-Bond-Serie (Timothy Dalton hat auch eine Rolle), in anderen ob der pausenlosen Musik, die wie ein überforderter Oberkellner Gefühle von Mann zu Frau und zurück zu bringen versucht, wie ein Soundtrack ohne Film.

Was bleibt, ist reine Mechanik. Eine Mechanik, die auch übrig bleibt, wenn man die DDR-PR von Das Leben der Anderen abzieht, wobei man Donnersmarcks Debüt zugute halten muss, das es immerhin noch in einem Versöhnungskitsch resultiert, der sich problemlos an Eichingers Untergang anschließen lässt.

Vermutlich wird The Tourist als Musikfilm von der Filmgeschichte vergessen werden.

Kommentare (12)

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man 15.12.2010 | 17:13

Interessant ist es schon zu beobachten wie einhellig die veröffentlichte Meinung in ihrem negativen Verdikt zum neuen Film des Herrn, wer erinnert sich nicht seines Namens, Donnersmarck ist, weil sich darin ja auch eine Erwartungshaltung spiegelt.

Über die Unfähigkeit vieler (Bewunderer, wie Kritiker) "Das Leben der Anderen" als Parabel zu begreifen, wundere ich mich immer wieder...

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belle-hopes 15.12.2010 | 18:31

immerhin scheinen sich Premieren- Zuschauer und Kritiker einig, dass die Bilder schön sind, der Film aber fad ist. ich halte die Kombination von Jolie und Depp für "gewagt". Jolie wollte ja auf eigenen Wunsch einen europäischen Regisseur, vielleicht ist sie selbst zu sehr Hollywood. zu "Das Leben der Anderen", wie man das als Parabel bezeichnen kann? Parabel wofür? Wo ist hier die Übertragung? In einer Kritik stand mal in etwa: diese unglaubwürdige Wandlung des Stasi- Mitarbeiters vom Saulus zum Paulus...dem schließe ich mich an.

Columbus 15.12.2010 | 18:57

Lieber Herr Dell,

Die Werbung zu diesem Donnerswood ist so penetrant und der Etat war doch eklatant hoch, für eine so einfache Geschichte, da wird es schwer, ein normales Werk nach Hollywoodmanier, -nehme nur ausreichend Stars dafür, füge Locations und ein wenig spaßigen Suspense hinzu-, noch so zu nennen.

Na, ganz gewirkt hat das viele Marketing doch nicht! Die Bestechungsdiners für hungrige Feuilletonisten waren wohl nicht üppig genug. Die Jolie-, Pitt- (Nebenrolle außerhalb des eigentlichen Films!) und Depp-Interview- Slots, nicht ausreichend zahlreich, obwohl sich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, wie die Privaten, mit den Pseudokulturmagazinen, schon drauf stürzen werden. - Der Film ist eigentlich klassisch was für die Machart von ttt. Da darf immer hoch gejubelt und für einmalig erklärt werden. Es fehlt allerdings noch der Auftritt einer jungen, gut aussehenden Geigerin oder Sopranistin, die einfach "überirdisch" singt oder spielt.

Erinnern Sie sich aber an die jüngste Verleihung der europäischen Filmpreise. Auch da wurden nicht die besten Filme, sondern, als verquast moralisch-politische Unterstützung auf sehr hohem Niveau, der Film eines Großmeisters, mehrfach ausgezeichnet und gelobt. Allerdings erwischte man wenigstens mit Gabriel Yareds Ehrung einen wirklich großen Komponisten und Filmmusiker und ehrte ihn für seine Leistung, seinen Beitrag zum Weltkino. Das wenigstens, geschah mit Verstand und zu Recht.

Sie habe das Tamtam um Florian Henckels lange anstehendes, neues Werk feinsinnig erspürt.

Das Leben der Anderen, lasse ich mir aber nicht schlecht auslegen, auch nicht durch Herrn Gauck oder Herrn Brussig gut, in deren abschließender, historischer Optik. Ich finde diesen Film gut, trotz Donnersmarck!

MfG
Christoph Leusch

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man 15.12.2010 | 19:22

Ich würde diese Wandlung eher als "märchenhaft" bezeichnen - daher auch der Fingerzeig in Richtung Prabel. Merkwürdigerweise muss diese Wandlung Wieslers dann immer als Beleg dafür dienen, wie realitätsfern der Film ist, anstatt der Erzählung in ihrer Unmöglichkeit zuzugestehen, die Wirklichkeit eben durch diesen Kunstgriff blosszustellen. Der Knackpunkt aller Figuren im Film bleibt stets, was bin ich bereit aufzugeben, was bin ich bereit zu riskieren um mich nicht anzupassen. Ein Kunstwerk sollte eben immer wahrhaftig sein und nicht wahr.

mcmac 15.12.2010 | 20:58

Ich habe den besprochenen Film (The Tourist)nicht gesehen und werde weder Zeit noch Geld verplempern, es zu tun.

Dass aber weiterhin ein Bezug zwischen zwei Filmen hergestellt wird, die sich jeweils auf authentische, historische Ereignisse berufen, die ihren Grundstoff für den jeweiligen Plot daraus beziehen (Das Leben der Anderen und Der Untergang) und hier in einem Atemzug genannt und kritisch betrachtet werden, tat gut zu lesen. Die Liste solcher "Märchenfilme" (wie user man einen von diesen treffend tituliert) ließe sich stark verlängern. Das Problem aber bei dieser Art Märchenproduktionen ist dabei immer, dass sie als solche nicht kenntlich gemacht, geschweige denn vermarktet werden. Mit der Gefahr, dass man im Extremfall zu dem Schluss kommen könnte, dass Bruno Ganz Deutschland in die Katastrophe geführt hat...

Ein Film-Tipp für Fans von Das Leben der Anderen (nicht für Fans von "Drei Nüsse für Aschenbrödel" geeignet): Die Nachrichten (R: Matthi Geschonneck, D: Alexander Osang)