Rita ist anspruchsvoll

Tatort Gutes Mittelfeld: In der dritten Frankfurter Folge "Es ist böse" bekommt Nina Kunzendorfs fesche Conny ohne Not Probleme, die man nicht so recht verstehen will

Schwäche – oder, wie wir uns das hier angewöhnt haben zu sehen: Größe – des Tatort: dass er eine Reihe ist. Und keine Serie, wo man dann immerzu HBO und Amerika sagen und von Stoffqualität reden kann, Beschaffungswegen, Rezeptionsabhängigkeiten. Am Anfang, wenn ein neuer Schauplatz dazukommt, zumindest in den letzten Jahren, ist Tatort/Polizeiruf ein bisschen Amerika, HBO in der Streichholzschachtel – neue Teams werden heute über mehrere Folgen hinweg eingeführt, es gibt ein Konzept, kontinuierliche Kreativität, sogar Cliffhanger bis zum überübernächsten Film (Rostocker Polizeiruf: Frau Königs ominöse Ermittlungen gegen Bukoff).

Die Streichholzschachtel hat nun aber zwei Seiten: Zum einen lässt das mit dem Konzept zumeist irgendwann nach, zum anderen liegen die einzelnen Folgen so weit auseinander, dass größere Bögen im Nirgendwo des Vergessens enden. Das ist die Erwartungshaltung an die dritte Frankfurter Folge mit der feschen Conny Mey (Nina Kunzendorf) und dem spröden Fränki (Joachim Król). Frankfurt war bislang weniger durchkonzeptioniert als Rostock, aber doch erkennbar entworfen: die Protagonisten, vor allem die erfrischende Conny; eine gewisse Ästhetik (Buch/Regie: Lars Kraume, der diesmal nur das Buch geschrieben hat, es inszeniert Stefan Kornatz, Kamera: Armin Alker); in Es ist böse wie in der letzten Folge die realen Fälle des gewesenen Ermittlers und späteren Buchautors Axel Petermann als Vorlage.

Das Wiedersehen wird nun gerade durch letzteres erschwert: Petermann war, was Fränki sein soll – ein Fallanalytiker, ein moderner Spurenleser, was, wenn hier wieder reenacted wird gleich bei der ersten ermordeten Sexarbeiterin, zu Wiederholungserscheinungen führt, die nicht unbedingt Reiz entfalten. Sollten Fränki und die fesche Conny nun jedesmal Tatabläufe durchspielen, könnte daraus eher ein unfreiwilliger running gag werden. Das Spurenlesen, das bei Es ist böse in einen Serienmord führt, die Bibel der Fallanalytiker, bedingt eine konventionelle Spannungsdramaturgie, die ihre Momente hat, aber den Tatort verengt auf das, was er in unseren Augen nicht nur ist: einen halbwegs spannenden Kriminalfilm. Die gesellschaftlichen Aspekte der Geschichte bleiben jedenfalls auf die pathologische Disposition des final Killer Holger "Verpiss dich, du Wurst" Ritter (Marc Bischoff) begrenzt, der eine schreckliche Kindheit mit liebloser Mutter hatte und seinen Frauenhass deshalb im – hübscher Terminus technicus – Übertöten ausagiert. Holgi ist ein grimmer Schnitter.

Gendermodernisierung

Variation, nicht zu sagen: Entwicklung kommt also durch die Ermittler ins Spiel. Dass Peter Kurth sexistischer Seidel, der sich in der ersten Folge schon, wie es wohl heißen müsste, die Finger geleckt hatte nach der feschen Conny, wieder in der Startformation steht, beweist Gespür für einen größeren Zusammenhang. Zumal an Seidels Sexism älterer Manier ("Mach dich mal n ins Höschen, Püppi") sich die Modernisierungsleistung der Mey-Figur in Sachen Gender abarbeiten kann. Wo Fränki diesmal problemberuhigt aufläuft (er zeigt sogar eine Art Privatleben vor, den alten Frisör), erwischt die fesche Conny eher einen Tag wie Arjen Robben unlängst im Match der Bayern gegen Meister Dortmund: einen schwächeren.

Conny, die doch sehr zauberhaft die flirty-lockere Sicherheit eines Sprechens performt, das von entschiedener Deutlichkeit des Eigentlichen (auf Seidels Auskunft: "Chef meint, ihr könnt jede Hilfe gebrauchen" zu fragen: "Was machen sie dann hier?") sich immer wieder zurückfallen lässt in die freien Räume des Flötend-Spielerischen ("chönen Tag"), das nicht Ausdruck naiver Unbedarftheit ist, sondern zupackender Gutgelauntheit, diese Conny kriegt diesmal Probleme. Wobei man leider nicht so recht weiß, worin diese bestehen. Dass sie kein Blut sehen und sich ihr Tinitus an den übertöteten Leichen entzündet haben könnte, will man der Figur, die ihre Freude an der Arbeit etwas übertont, nicht abnehmen. Und für den Druck, den Fränki angesichts des Falls beim Kompetenzgerangel am Anfang in Aussicht stellt, ist nach der unglaublich lebendigen Pressekonferenz (wie viele Medienvertreter kann Frankfurt realistischerweise für diese Saalwette mobilisieren) zu wenig los, als dass man Connys Flucht in den Tagesdienst verstehen wollte. Nicht, dass eine bodenständige Lady wie Conny Mey auch zarter-zweifelnde Momente haben dürfte – aber hier ergreift der Schwächeanfall die Figur doch ohne Not. Zumal Kornatzens/Alkers Subjektiven, deren Gegenlicht-Parkhaus-Schemenhaftigkeit eher Vergewaltigungsängste assoziieren, ziemlich vage bleiben.

Es ist böse ist dennoch gutes Frankfurter Mittel. Wie der Täter, nachdem alle Verdächtigen aufgeraucht sind, auf der Szene erscheint (indem der defizitäre Förster, gespielt von Uwe Bohm, ihn bei lovely Rita, letzte Woche erst Gurkenprinzessin in Brandenburg: Lisa Wagner, trifft), hat etwas, auch wenn der Film sich danach verhaspelt, seinen Rhythmus verliert (die rasche Folgetat). Und selbst eine schwächere Conny ist eine Bereicherung für jeden Film: Als Frau der Flure lässt sich ihre Versetzung in den Tagesdienst durchaus als Belebung dieses in seinem Verbundplastikmonumentalen stolzen Neunziger-Jahre-Ganges lesen, genauso wie der Krankenhausflur am Ende einem nur als Raum erscheint, der von ihr durchschlenkert werden muss. Und allein wie Conny sanft lächelt, als sie neben Fränki im Auto sitzt, erfreut das Herz jedes Elisabeth-Flickenschildt-Aficionados – die eleganten Züge von Nina Kunzendorf sind ein Buch, in dem man lange lesen kann.

Bei der Musik (Stefan Will und Marco Dreckkötter) sind die kräftigen Bläser hervorzuheben, die Abwechslung vom gewöhnlich unauffälligen Verdachtsgeklimper und Spannungsgefrickel bieten.

Eine Anspielung, von der man nicht weiß, ob es eine sein soll: in dem Zeitungsfritzen in der Redaktion könnte man ein Frank-Schirrmacher-Look-Alike sehen

Ein Satz, den man sich für den nächsten Romananfang zur Seite legen kann: " Sie ging auf den Straßenstrich in Offenbach"

Etwas, das man Thomas Mann hätte sagen können: "Ich mag ihren Stil"

Eine Paarungspolitik, die man in der Pubertät verorten würde: "Ich bin jetzt mit Micha"

Wiederholung vom 22. April 2012

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21:45 30.06.2013
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