Russen sehen dich an

Kino Und die Vergangenheit starrt zurück: Philipp Stölzls Bergsteigerdrama "Nordwand" und Max Färberböcks Literaturverfilmung "Anonyma"

Das Kino ist eine Wundermaschine, die schöne Bilder erzeugt. Bilder aus Zeiten, die lange vorüber sind zum Beispiel: Ledergebundene Bücher knarzen beim Öffnen, Füllfederhalter rollen über schwere Schreibtische, Kodakfilme stehen parat und Zigaretten, ganz weiß und filterlos, werden entzündet und Rauch steigt auf elegant und verrucht. Die Faszination des Kinos für die Geschichte hängt auch mit dem Reiz zusammen, der für die Ausstatter darin liegt. Und die Patina der in Großaufnahme abgefilmten Details erzählt etwas von der Sehnsucht nach der guten, alten Zeit.

In Deutschland entsteht hier ein Problem, denn die alte Zeit des vergangenen Jahrhunderts war zu großen Teilen nicht gut. Die Bilder, die sie zeigen, stehen immer unter dem Verdacht, falsche Bilder zu sein, der Traum, der das Kino ist, müsste ein Albtraum sein. Aber diese Konsequenz scheuen Filme, die auf ein großes Publikum schielen, denn das will träumen. Filme, die von "Erfolgsproduzenten" wie Günter Rohrbach gemacht werden, wie Anonyma - Eine Frau in Berlin. Und Filme, die auf Fernsehauswertung zur Hauptsendezeit und Auslandsverkäufe aus sind, wie Nordwand. Beide Filme kommen in dieser Woche in die Kinos, und wenn sie auch verschiedene Geschichten erzählen - den Nachkriegssommer 1945 unter russischer Besatzung und die versuchte Besteigung der Eiger-Nordwand 1936 -, so scheitern beide doch kläglich daran, Geschichte zu erzählen.

Nordwand scheint auf den ersten Blick der unverdächtigere Stoff zu sein. Zwei Kletterer aus Berchtesgaden, Toni Kurz (Benno Führmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas) leben in einer bayrischen Idylle, die von den Zeitläuften scheinbar unberührt ist. Diese Naivität ist eine Lüge - schon deshalb, weil Berge im deutschen Film "Heimat" meint, von der jede Vorstellung in Konkurrenz zu den Vorstellungen steht, die Nazi- und westdetusche Nachkriegszeit von ihr hatten. Dass Nordwand von dieser Lüge weiß, zeigt die Art, wie Regisseur Philipp Stölzl das Unverdächtige seiner beiden Helden herausstreicht. Beim Militär fallen sie durch Disziplinlosigkeit auf, bei der Ausfahrt aus der Kaserne erwidern sie den Hitlergruß lässig mit "Servus", und die österreichischen Konkurrenten (Simon Schwarz, Georg Friedrich) sind eh die strammeren Nazis. Gerade in der betonten Unverkrampftheit zweier einfacher Burschen, die die Berge im Kopf haben und mit Politik nichts am Hut, ist die Defensive zu erkennen, aus der Nordwand operiert: Die guten Menschen in den Jahren der Hitler-Begeisterung haben wir im Kino zu oft gesehen, als dass wir solchen Holzschnitten glauben schenken könnten. Das heißt nicht, dass jeder Deutsche ein Nazi gewesen sein muss, und womöglich waren Kurz und Hinterstoisser in der Tiefe ihres Herzens Regimegegner. Das heißt nur, dass ein Film über diese Zeit es sich so leicht nicht machen kann wie eine Mutter, die ihren Zöglingen flugs ein Entschuldigungsschreiben verfasst.

Stölzl interessiert sich für aufregende Bilder vom Berg, komplexe Zusammenhänge sind nicht seine Sache. Für die Rahmenhandlung geht Nordwand, wiederum nur scheinbar, auf die ideologische Überformung durch das NS-Regime ein: Aus einem Wochenschauausschnitt erfahren wir, dass der Eiger als das "letzte Problem der Alpen fallen muss", "Lockung und Drohung" zugleich ist. In einer Berliner Zeitungsredaktion sitzen zynische Redakteure beisammen, um dem Auftrag Folge zu leisten und die deutschen Recken zu finden, die das "letzte Problem" heldenhaft lösen. Praktischerweise kennt eine unverdorbene Volontärin Luise (Johanna Wokalek) den Toni und den Andi aus ihrer Jugendzeit, was dem Stoff eine Liebesgeschichte beimischt. Nicht bedacht wird derweil die höchstfragwürdige Moral Luises, für einen Karriereschub zwei Freunde zu einer riskanten Unternehmung zu bewegen, die zumindest der vernünftige Toni anfangs nicht wagen will. Das Spektakel inszeniert Stölzl mit billigem Populismus, der oben die fremdgesteuerten, wahren Helden verortet und unten auf der Panoramaterrasse des Nobelhotels ihre opportunistischen Aasgeier. Die Besteigung scheitert dramatisch - und eigentlich auch nur wegen der österreichischen Nazis -, aber die Bilder sind schön.

Damit deutlich wird, für wen das Herz von Nordwand schlägt, gibt Luise ihrem Chef, der sie nach dem schrecklichen Ende nach Berlin zurückbringen will, einen Korb: "Ich geh´ nicht zurück, weil´s da so viele gibt, die so sind wie Sie." So kommt die Unbedarftheit des Films zu sich selbst: Gerade in der feurigen Verweigerung lodert die reaktionäre Glut des Heimatfilms, der das Gute, Reine, Wahre auf der ländlichen Scholle und alles Böse, Fiese, Moderne im Sündenpfuhl Großstadt gefunden hat. Den Persilschein stellt Luise in Nordwand ausgerechnet jenes Denken aus, von dem der Film sie freisprechen will. Am Ende sieht man die mittlerweile zur Fotografin gereifte Frau in New York, wie sie einen Jazzmusiker ablichtet. Und das ist in der einfachen Rechnung, die Nordwand zur Begleichung historischer Schuld aufmacht, vielleicht der obszönste Posten: Wer Schwarze so freundlich behandelt, kann unmöglich ein Nazi sein. Und warum müssen Filme, die mit scheinbarem Selbstbewusstsein beim Zurückschauen nicht immer nur Hakenkreuze entdecken wollen, ihre Protagonisten eigentlich so ostentativ nach Übersee schicken? Warum bleiben denn die gewöhnlichen, einfachen, ehrlichen Deutschen nicht einfach in Deutschland nach dem Krieg, sondern müssen in New York ihr weltgewandtes Leben verwirklichen?


Wie schwer es ist, die deutsche Normalität der Nazi-Jahre einzugestehen, zeigt treffend eine Äußerung Hans Magnus Enzensbergers. Der hatte 2003 die "Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945" unter dem Titel Eine Frau in Berlin in seiner "Anderen Bibliothek" bei Eichborn neu aufgelegt, die bereits 1959 erstmals in Deutschland erschienen waren. Damals, darüber informiert der Film Anonyma an seinem Ende, wurde der Bericht über die Vergewaltigungen durch die russischen Soldaten als Schande empfunden. Anders 2003, und über die Identität der Anonyma mutmaßte Enzensberger: "Ich stelle mir jemand vor, der schon 1930 seine ersten Sachen veröffentlicht hat und dann vielleicht in einem Modejournal überwintert hat." Hat sie nicht, wie eine Recherche des SZ-Redakteurs Jens Bisky später zeigte. Aber eine unschuldige Deutsche, die in den Jahren der Gräuel "überwintern" musste, eignete sich wohl besser als Kronzeugin einer deutschen Opfergeschichte. Max Färberböcks Film ist von dieser Debatte unbeleckt. Was die Frage erlaubt, wieso der Film nicht klüger sein darf, als das Buch dumm tut, und eben die Diskussion und das Wissen um seine Verfasserin mit in seine Gestaltung einbeziehen könnte. Die Frage erledigt sich mit dem Verweis auf die Literaturverfilmung als Erfolgsgarant.

Was sich im Film nicht erledigt, ist die Übersetzung von der Tagebuchperspektive in eine Filmhandlung. Die Kühle der Beschreibung im Buch wirkt als abfällige Ironie fehl am Platz. Zudem haben die Rotarmisten, so fies mongolisch die Subalterne auch gezeichnet sein mögen, die Stelle der Guten besetzt: Ganz kann man den historischen Hintergrund ja nicht vergessen. Ganz ist aber das Wort, das nicht zum Vokabular Färberböcks gehört, denn der tut alles nur halb: Er hat eine belastete Hauptfigur, aber er besetzt sie mit Nina Hoss, mit der wir uns schon irgendwie identifizieren gegen alle Kinopsychologie. In der ist das Verstecken eines deutschen Soldaten in einem Haus, das die Sieger eingenommen haben, ein Verrat, auch wenn Nina Hoss die Figur spielt, die ihn begeht. Färberböck traut sich nicht recht, die Liebesgeschichte zwischen der deutschen Frau und dem sowjetischen Major zu erzählen. Und er scheut es, den Albtraum der Vergewaltigungen zu zeigen, was einer Verharmlosung gleich kommt: Das, was Qualität und Erfolg des Buchs ausgemacht hat, die Hölle der Erfahrung, bleibt im Film im kunstgewerblichen Rahmen, aus dem nichts fallen darf, was 20.15 Uhr in der ARD jemanden verstören könnte. Warum wird dann aber ein Buch über Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit verfilmt, über die zu sprechen eine äußerst heikle Aufgabe ist - wegen der Scham und der Schuld, aber auch für Bildgestaltung und Dramaturgie.

Wo in Nordwand das mühsam Verdrängte mit aller Kraft zurückkehrt und die reinen Bilder beschmutzt, glättet Anonyma das Verdrängte, das es sich zur Aufgabe macht, mit schickem Pseudorealismus: Russen sehen dich an, und Max Färberböck lieber weg. Das deutsche Kino ist eine Wundermaschine nur aus Sicht seiner Ausstatter.

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