Die Tatort-Saison 2013/14

Fernsehen Welche „Tatort“-Folgen waren die schlimmsten? Welche sozialkritischen Themen verhandelt? Was ist das Ziel für die neue Spielzeit? Eine Umfrage unter konstanten Guckern
Matthias Dell | Ausgabe 27/2014 11

Eigentlich geht Fernsehen so durch. Fernsehen ist ein Begleitmedium, das Gegenwart ausfüllt, ohne mit Geschichte zu behelligen. Das kann man am Tatort sehen, der Zeit strukturiert wie sonst kaum eine Sendung im Zeitalter der Mediatheken (und dessen Wiederholungen selten älter sind als drei Jahre, obwohl es ihn doch schon viel länger gibt). Der Tatort moderiert den Sonntagabend der Menschen, den Übergang zwischen Freizeit (Wochenende) und Büro (Werktag). Und im Sommer macht er Pause wie die Politik oder die Fußballbundesliga, die beiden anderen großen Infrastrukturen der Zeit.

Die oben stehende Umfrage ist der Versuch, die Erinnerung an etwas Flüchtiges zu ordnen. Und es spricht einiges dafür, das in den Kategorien zu tun, die der Fußball vorgibt (oder, ein älteres Programm, das Theater). Also den Tatort (als Synonym für den ARD-Sonntagabendkrimi) nicht in Kalenderjahren, sondern in Spielzeiten von September bis Juni wahrzunehmen (auch wenn die ARD in dieser Sommerpause gleich zwei neue Polizeiruf-Folgen sendet, am 5. Juli und am 10. August – die muss man sich dann als Testspiele erklären).

In der Konkurrenz der Schauplätze, deren Zahl die der Erstligamannschaften mittlerweile übertrifft, tritt eine andere Analogie zum Fußball hervor; eine weitere in den zeitlich befristeten Teams. Außerdem kennt der Tatort Standardsituationen (das Auffinden der die Ermittlung motivierenden Leiche), die, wie Freistöße im Fußball, mal schöner, häufig uninspiriert ausgeführt werden. Man kann Entdeckungen machen wie der Scout beim Fußball, der neben dem eigentlichen Betrieb (beim Tatort: der Lösung des Falls) nach Talenten Ausschau hält, die Zukunft versprechen.

Und es ist sinnvoll, nicht den MVP zu küren, den most valuable player, sondern auf das gesellschaftliche Thema zu fokussieren, das im Tatort verhandelt wird. Die ARD denkt die Konkurrenz der Städte nur in den Zahlen, die sich aus der Einschaltquotenmessung hochrechnen lassen (und die, wie im Fußball, auch Resultate produzieren, die nicht dem Spielverlauf gerecht werden). Interessant und einflussreich ist an 39 Sonntagabendkrimis (30-mal Tatort, achtmal Polizeiruf, einmal Schimanski – Letzteres: die Uwe-Seeler-Gedächtniself, wenn man so will) in der Saison 2013/14 aber, was dort nebenher erzählt wird von der breit adressierenden Konsensmaschine.

Dabei wird, und dafür müssen wir das Feld des Sports als Metaphernspender verlassen, Politik gemacht. Auffällig, wenn auch nicht überraschend ist, dass der Tatort ein konservativ-populistischer Sack ist: Gegenüber Rassismen ist eine Folge wie Brüder (RB, Bremen) so unsensibel wie der intellektuelle Modernisierungsverlierer Peter Hahne, und das Recht, sich emotional fürs eigene Weltbilddünken über den Rechtsstaat hinwegzusetzen, nimmt sich nicht nur Til Schweigers Vaterdrohne in Kopfgeld (NDR, Hamburg) heraus, sondern auch das Ermittlerentsetzen über Jugendgewalt in Ohnmacht (WDR, Köln).

Das große Ding der vergangenen Saison ist wohl aber – schonungslos fasziniert inszeniert – Gewalt gegen Frauen, die, aus sehr ferner Warte, als Abwehrkampf einer total verunsicherten Männlichkeit verstanden werden kann. Kein Zufall also, dass gleich drei Sonntagabendkrimis 2013/14 (inklusive des Polizeirufs vom 10. August) im Gefängnis spielen. Da sind die Männer noch unter sich.

Hier gibt es die Expertenumfrage zur Spielzeit 2013/14 zum Download

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06:00 06.07.2014
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