Saisonrückblick

Fernsehen Welche „Tatort“-Folgen waren die schlimmsten? Was war das wertvollste Thema? Die Expertenumfrage zur ARD-Sonntagabendkrimi-Spielzeit 2014/15

Fernsehen geht so durch. Oder könnten Sie die drei Lena-Odenthal-Tatort-Folgen der letzten Saison in der richtigen Reihenfolge beim Namen nennen?* Wüssten Sie noch, worum es in dem Brandenburger Polizeiruf (wie immer an dieser Stelle in den Begriff vom Tatort integriert) mit dem Titel Hexenjagd ging?** Oder welche beliebte Berliner Bühnenschauspielerin einmal als Assistentin im altgedienten Kölner Ermittlerteam gastierte?***

Eben. Deshalb versuchen wir zum Sommerpausenbeginn ein wenig Ordnung zu schaffen, indem die abgelaufene Spielzeit (Münchner Polizeiruf: Morgengrauen am 24.8.2014 bis Schweizer Tatort: Schutzlos am 5.7.2015) von verschiedenen Guckern in verschiedenen Kategorien bilanziert wird.Es mögen dabei gewisse Momente von Schönheit keine Berücksichtigung finden (wie Yasmine Hamdans Smash-Hit Aleb die auf ihre Weise arg merkwürdige Münchner Tatort-Folge Der Wüstensohn ausatmet; wie die Berliner Abschiedsfolge Vielleicht für Boris Aljinovic zwar Dominic Raacke und Ernst-Georg Schwill unterschlägt, aber Grusel verbreitet wie selten etwas vor Günther Jauch; wie der Münchner Polizeiruf: Kreise den 10cc-Schmachtfetzen I’m not in Love dauerrepeatet).

Und es kommt auch die Offizialstatistik zu kurz, also das, was in der Kirche Abkündigung genannt wird: Dem Erfurter Tatort laufen nach zwei Folgen die Darsteller davon, in Berlin und Frankfurt gehen neue Teams an den Start, in Nürnberg das erste überhaupt. In Leipzig ist Schluss und das Ende am Bodensee beschlossen (2016). Im Magdeburger Polizeiruf kündigt Sylvester Groth seinen Ausstieg an, noch ehe man sich seinen Rollenvornamen merken konnte (Heiko? Jochen? Wie war der Rollennachname?****), in Greater Hamburg ziehen die von Petra Schmidt-Schaller gespielte Ko-Ermittlerin und der von Sebastian „Victoria“ Schipper gespielte Falke-Freund-Kollege die Option auf Verlängerung nicht. Aber es wird doch etwas aufbewahrt. Dass der Tukur-Matthes-Tatort: Im Schmerz geboren der Kracher der Saison war (und jetzt jeden Fernsehpreis im Regal stehen hat) zum Beispiel.

Was darüber hinaus eindeutig zu den Trends dieser Spielzeit gehört, ist die ziemlich hemmungslose Eigen-PR der ARD-Anstalten. SWR-Chefreporter Fritz Frey spielt sich in Roomservice selbst. RB-Talkshowlegende Giovanni di Lorenzo spielt sich in Wer Wind erntet, sät Sturm selbst. SWR-Moderatorennachwuchs Carmen Lustig spielt sich in Der Inder selbst. Ganz zu schweigen von der Monokultur von ARD-Anstaltsmikrofonen, die in den Filmen exklusiv „die Medien“ repräsentieren.

Das Problem dabei: ARD-Mikrofone machen keine Fehler, oder wenn Giovanni di Lorenzo sich selbst spielt, ist er kein zynischer Talkshowhost, der sich einen feuchten Kehricht für die Geschichten seiner Gäste interessiert. Wenn aber alle Medienvertreter immerfort Darlings sein müssen, dann fällt die sogenannte vierte Macht als Akteur aus im Film. Das ist die bittere Pointe: In der Zeit, in der das „Lügenpresse“-Misstrauen gegenüber den Medien offenbar wird, beginnt die ARD mit großangelegter Schleichwerbung für sich selbst im Tatort.

Christian Buß
Tatort-Kritiker, Spiegel Online

Drei Anwärter für die Champions League:

Der Inder
SWR, Stuttgart, 21.6.15

Im Schmerz geboren
HR, Wiesbaden, 12.10.14

Borowski und der Himmel über Kiel
NDR, Kiel, 25.1.15

Zwei Abstiegskandidaten:

Winternebel
SWR, Konstanz, 5.10.14

Mord ist die beste Medizin
WDR, Münster, 21.9.14

Most valuable Thema:

Crystal Meth. Paradies (ORF) verband die Elendsdroge mit der Altersarmut. Borowski und der Himmel über Kiel feierte in rauschhaften Bildern die Verführbarkeit durch die Droge

Originellste Auffindesituation:

Einst investierten Drehbuchautoren alle Energie in die Auffindesituation. Heute geht man damit lässiger um – am lässigsten wohl in Im Schmerz geboren mit seinen rund 150 Leichen

Scouting Scoop:

Die Norwegerin Lise Risom Olsen, die im Aljinovic- Abschieds-Tatort die Hellseherin war. Augen düster wie die Nordsee – so glaubt man dem oft piefigen Tatort gar die Parapsychologie

Lausigster Matchplan:

Wer Wind erntet, sät Sturm. Subventionsbetrug und Investitionsirrsinn in der Windenergie: brisant, gut recherchiert. Aber Plot und Figuren waren so hanebüchen, da ging das Thema unter

Saisonziel 2015/16:

Tatort ist wieder stärker Forum für gesellschaftliche Debatten. Muss ausgebaut werden, auch wenn sich die Intendanz mit Politikern, Lobbyisten und Moralaposteln rumschlagen muss

Sarah Rudolph
Tatort-Aficionada, Freitag-Community

Drei Anwärter für die Champions League:

Das Haus am Ende der Straße
HR, Frankfurt, 22.2.15

Sturm im Kopf
NDR, Rostock, 1.3.15

Die Wiederkehr
RB, Bremen, 15.3.14

Zwei Abstiegskandidaten:

Ikarus
RBB, Brandenburg, 10.5.15

Frohe Ostern, Falke
NDR, Greater Hamburg, 6.4.15

Most valuable Thema:

„Radikale“: Ob rechts (Hydra, Dortmund), ob links (Eine Frage des Gewissens, Stuttgart, Frohe Ostern, Falke) – die Umsetzung ist klischeehaft, hanebüchen, unerträglich

Originellste Auffindesituation:

Eine Leiche zu Beginn, eine zum Schluss, dazwischen Kulisse für Ermittlungen: Das toll inszenierte Hotel-Treppenhaus im sonst schwachen Roomservice (SWR, Ludwigshafen)

Scouting Scoop:

Lise Risom Olsen als hellsehende Trude in Starks Abschiedsfolge Vielleicht. Die distanzierte Zerbrechlichkeit, die ausdrucksvollen Augen, der norwegische Akzent. Bezaubernd und: stark

Lausigster Matchplan:

Wie viele „No Homo“- Witze passen in ein Münster? Der Versuch, Thiel und Boerne in Erkläre Chimäre für eine Erbschaft zu verheiraten, um Lacher abzugreifen, war zum Fremdschämen

Saisonziel 2015/16:

Weniger Wollen, mehr Machen. Nach all den Abschieden und neuen Teams ist es an der Zeit für mehr Kontinuität, die Jungen müssen sich etablieren dürfen

François Werner
Gründer und Betreiber, tatort-fundus.de

Drei Anwärter für die Champions League:

Im Schmerz geboren
HR, Wiesbaden, 12.10.14

Der Inder
SWR, Stuttgart, 21.6.15

Vielleicht
RBB, Berlin, 16.11.14

Zwei Abstiegskandidaten:

Weihnachtsgeld
SR, Saarbrücken, 26.12.14

Der Maulwurf
MDR, Erfurt, 21.12.14

Most valuable Thema:

Stuttgart 21. Wurde in Der Inder spannend aufbereitet, optisch und dramaturgisch außergewöhnlich. Politisch wichtige Themen unserer Zeit müssen (wieder) häufiger als Tatort kommen

Originellste Auffindesituation:

Alle Leichen aus Im Schmerz geboren, vorneweg der Mord an Don Bosco durch den Schuss durch das Buch direkt ins Herz

Scouting Scoop:

Alexander Scheer als Donny in Im Schmerz geboren und als taubstummer Vater in Niedere Instinkte (MDR, Leipzig). Mehr mit ihm, bitte!

Lausigster Matchplan:

Die drei Odenthal-Filme dieser Saison und das nervige, ausgelutschte Burn-out-Thema bei der Kommissarin. Wann zieht der Sender endlich die Reißleine?

Saisonziel 2015/16:

Ich wiederhole das Ziel vom letzten Mal – die Rückkehr von Kai Korthals (Lars Eidinger) im Kieler Tatort, der mit Borowski noch eine Rechnung offen hat. Diese Saison klappt’s!

Matthias Dell
Filmredakteur, der Freitag
Tatort-Kritiker, neues deutschland

Drei Anwärter für die Champions League:

Im Schmerz geboren
HR, Frankfurt, 12.10.14

Familiensache
NDR, Rostock, 2.11.14

Kreise
BR, München, 29.6.15 (Polizeiruf)

Zwei Abstiegskandidaten:

Frohe Ostern, Falke
NDR, Greater Hamburg, 6.4.15

Dicker als Wasser
WDR, Köln, 20.4.15

Most valuable Thema:

Migration. In Schutzlos (SRF, Luzern) doch relativ differenziert erzählt

Originellste Auffindesituation:

Die Wiederkehr (RB, Bremen): die Leiche im ersten Bild vom Prolog. Humorlos wie ein später Hitchcock-Cameo, weil nicht Mord aufgeklärt, sondern Verwechslung bewiesen werden muss

Scouting Scoop:

Helmut Zierl als völlig overactende Fernsehnase alter Schule in Wer Wind erntet, sät Sturm (RB, Bremen). Zeugt von Bewusstsein für die eigene Geschichte

Lausigster Matchplan:

Die abstruse Täter-Opfer- Umkehr bei Hydra (WDR, Dortmund). Unlikely Crimes: In der Wirklichkeit des Fernsehfilms ist der Nazi tot und „die Jüdin“ muss sich nach Alibi fragen lassen

Saisonziel 2015/16:

Weniger sendereigene Mikrofone, weniger sendereigene Maskottchen, weniger ARD-PR. Für eine unabhängige Darstellung der „Medien“

Esther Slevogt
Theaterkritikerin, Mitgründerin und Geschäftsführerin, nachtkritik.de

Drei Anwärter für die Champions League:

Die Wiederkehr
RB, Bremen, 15.3.15

Morgengrauen
BR, München, 24.8.14 (Polizeiruf)

Paradies
ORF, Wien, 31.8.14

Zwei Abstiegskandidaten:

Kreise
BR, München, 29.6.15 (Polizeiruf)

Im Schmerz geboren
HR, Wiesbaden, 12.10.14

Most valuable Thema:

Es nervt, wenn unangepasste junge Frauen von verklemmten Typen (gerne: Fabrikantensohn oder sein Vater) vergewaltigt und ermordet werden: Ehrenmord auf Öffentlich-Rechtlich

Originellste Auffindesituation:

Der ermordete Mörder, der im Koffer die Pathologie erreicht (Der Inder, SWR, Stuttgart)

Scouting Scoop:

Gro Swantje Kohlhof (Die Wiederkehr), Lise Risom Olsen (Vielleicht, RBB, Berlin), Emily Cox (Kälter als der Tod, HR, Frankfurt)

Lausigster Matchplan:

Der Wüstensohn (BR, München, Tatort): Au weia!

Saisonziel 2015/16:

Bitte das schöne Format nicht vollends postmodernisieren!

* Blackout, 26.10.14; Die Sonne stirbt wie ein Tier, 18.1.15; Roomservice, 25.5.15 ** Leistungsdruck, Bildungsmisere *** Kathrin Angerer **** Drexler

06:00 22.07.2015
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1