Schmeckt auch so

Tatort Sieht lange gut aus, lässt sich am Ende aber nicht mehr gegen den Siegeszug der Moral verteidigen, die in Fernsehfilmen herrscht: Berliner "Tatort" übers Gesundheitswesen
Schmeckt auch so
Gewisses Understatement mit vielsagenden Blicken: Dr. Schmuckler (Dieter Mann) und Sprechstundenhilfe Karin (Petra Kelling) bangen am Praxisfenster

Foto: ARD (daserste.de)

Ein bisschen Exposition darf sein: Old Olaf Mühlhaus (Thomas Neumann) in der Wohnung, beim Arzt, mit der Tochter (Christina Große), ehe er dann als Übungsobjekt einer Obduzentenklasse dient. Die wird vom Berliner Pathologen wie ein Rezitationschor im Deutschunterricht aufgerufen, um Ermittlungsergebnisse zu präsentieren. Abgesehen davon, dass im richtigen Leben die Obduktion in so einem Fall angesichts der miesen Leichenschauwerte in Deutschland wohl nie und nimmer durchgeführt worden wäre (die paar Hämatome, die zur Abwechslung ja wirklich mal von Stürzen herrührten) und damit die Mordkommission nie und nimmer in die von Generationen-, Umverteilungs- und anderen Konflikten geprägte Praxis Dr. Schmuckler (der große Dieter Mann), Dr. Schmuckler (Thomas Scharff) und Dr. Berger (Julika Jenkins) gekommen wäre – abgesehen davon, ist diese zarte Exposition doch mal was anderes als die klassische Ad-hoc-Leiche.

Auch weil sie das Schlurftempo von Old Mühlhaus zum Tempo des Films macht; es geht alles ziemlich ruhig zu. Darin liegt, zumindest eine Stunde lang, der Reiz der Folge Edel sei der Mensch und gesund. In der Ruhe ist Platz für ein paar hübsche Witze: Sophisticated Stark (Boris Aljinovic) ist passend zum Thema – Gesundheitswesen of our days – krank, was in der blässlichen Verdropsheit, mit der Stark da immerfort am Tresen der Praxis auflaufen muss und "Männer-Tees" im Café um die Ecke bestellt, ein ebenfalls zarter Running Gag ist, der den Ärger über die übliche Überthematisierung (Kommissare haben das, was ihr Fall ist) lindert. "Tilli" (Weber) Ritter (Dominic Raacke) übernimmt derweil Starks Geschäft der Frauenbeflirtung, als dessen einzige Kandidatin die Cafébetreiberin Susanne (Kirsten Block) in Frage kommt, die sich auch noch als Patientin der Schmuckler-Praxis herausstellt wegen ihrer alleinerzogenen Mukoviszidose-Tochter.

Auch hierbei herrscht ein gewisses Understatement vor, bei der auch mal ein Blick (etwa als Susi von ihrer Tochter erzählt) genügt, um mehr als tausend Worte zu sagen. Außerdem hat Weber (der große Ernst-Georg Schwill, der im Zusammenhang mit Thomas Neumann und Dieter Mann der schauspielerischen Hegemonie des Berliner Deutschen Theaters durch alle Zeiten hindurch in diesem Tatort zuarbeitet) ein paar Momente mehr als sonst, in denen er unaufdringlich sein herrliches Berliner Idiom pflegend der tendenziell mittelalten, universallässigen Männlichkeit von Tilli und Stark eine andere Färbung beimengt ("Ich war neulich bei der Darmspiegelung"). Für den immer zu lobenden Sinn für Details spricht die Inszenierung (Regie: Florian Froschmayer) dieses High-Style-Komparsenrentners zu Beginn, der erst in der Praxis zu sehen ist, dann Tilli und Stark beim Verlassen derselben aus der Apotheke kommend den Weg ins Café vorwegnimmt, in dem er dann auch noch etwas erwirbt.

Quartalskontingentdilemma

Dass der Tatort von dieser Beiläufigkeit auf der langen Zielgerade vieles verliert, liegt am Thema, das sich am Ende leider in die Sackgasse einer Moral verirrt, die den Konventionen des Fernsehfilms nahe steht. Der Moment, in dem Edel sei der Mensch und gesund die falsche Abzweigung nimmt, ist ziemlich genau der, in dem klar wird, dass Tilli seine Avancen im Angesicht der Mukoviszidose-Tochter zurückfahren wird – auch weil ihm die alleinerziehende Susanne vorher schon bedeutet hatte, dass sie keinen Mann suche, der damit nicht zurechtkommt. Da waltet dann der Ernst des Lebens in Form eines Kindes, was für die vor unserem geistigen Auge sich schon anschließende Anne-Will-Diskussion mit Karl Lauterbach, Philipp Rösler und irgendeiner ehrpusseligen Hausärztin über das Gesundheitswesen jegliches Argumentieren zustellt, weil gegen kranke Kinder keiner etwas sagen kann.

Dass das Gesundheitssystem vor Problemen steht, die sich nicht leicht lösen lassen, ist hier am Quartalskontingent für Medikamentenverschreibungen ("65 Euro pro Patient") schön herausgearbeitet. Und wird durch die konkurrierenden Modelle des alten, "menschlichen", dadurch aber auch kriminell werdenden Unternehmer-Kapitalismus des permanent zum Wohle seiner Schäflein betrügenden Schmuckler Senior versus der neuen, karrierekalten Bürokratierichtigkeit von Dr. Antje Berger gegeneinander in Stellung gebracht.

Allein, der Tatort nimmt die Sache mit der Moral selbst zu genau, und das lässt sich dann, wie der Jürgen Klopp in uns sagen würde, irgendwann nicht mehr verteidigen gegen die systemkosmetische Einzelfallauflehnung (der alte Hausarzt, der sich noch für seine Patienten einsetzt), auf die es in solchen Fällen hinausläuft. Schmuckler Senior darf sein Tun rechtfertigen, die böse, bürokratiehörige Neue hat ihr Fett durch einen Mord an sich wegbekommen und geopfert wird als Täterin, auch etwas rasch und von fern herbeigeholt, die Mukoviszidose-Tochter-Mutter-Susanne. Die befreit damit zugleich im Handstreich Tilli von seinen amourösen Restgefühlen, weil der ja schlecht was mit einer Frau hinter schwedischen Gardinen anfangen wird – und seinen Ärger darüber oder über die Verhältnisse nur mehr an einem Krankenhausstuhl ausagieren kann.

Krankenhausstuhlradikalismus

Dieser Krankenhausstuhl ist für einen Tatort von der Fallhöhe, die Edel sei der Mensch und gesund gehabt haben könnte, doch etwas unbefriedigend. Zwar ist klar, dass man sich den Umverteilungsradikalismus aus unserem in seiner ganzen Größe erst spät, dafür um so inniger geliebten Schweighöfer-Tatort (am Ostersonntag übrigens als Wiederholung in der ARD) erstmal trauen muss – dessen subversiver Appeal kam bekanntlich daher, dass der Kriminalfilm seinen Täter unbehelligt in die Freiheit entließ. Aber für ein wenig Ken-Loach-Bestürztness, bei der man den Verhältnissen dabei zuschauen kann, wie sie die Akteure schuldhaft werden lassen (hier Schmuckler Senior), hätte es doch allemal reichen können.

Glaubt kein Mensch bei der schicken Praxis: "Wir stellen erst demnächst auf Computer um"

Sieht man immer wieder gern: Die "Pollesch"-Banderole an der Volksbühne bei diesen im übrigen eindrucksvollen Luftaufnahmen von Berlin

Erstausstrahlung am 3. April 2011. Damals entstand auch dieser Text

21:45 03.04.2011
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