Schopenhauer-, Ecke Spinozastraße

Tatort Es wird ausführlich: Superwomom Malotte Furtholm arbeitet mit einer eigenen Doppelfolge an der Promotion des Selbst. Dabei überrascht, dass "Wegwerfmädchen" gut anfängt

"Willst du gelten, mach dich selten", lautet der alte Tanten-Klassiker in Liebesdingen. Er trifft in Hangover nicht nur auf das Verhalten des Jan "Loverman" Liebermann (Benjamin Sadler) zu, mit dem Superwomom Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ihre Vorstellungen von einem bürgerlichen Patchworkleben seit Folgen verwirklichen will auf höchstem Nido-Niveau (Man kann auch Kinder haben, gut aussehen, erfolgreich im Beruf stehen und trotzdem geil Sex haben). Der alte Selbstwertsteigerungsratschlag kann auch vor dem Hintergrund von Furtwänglers Appearance Policy im Tatort diskutiert werden.

Geschickterweise nämlich ist unlängst die Pressemeldung rausgegangen, dass die Schauspielerin verkürzen und künftig nur noch einen Einsatz pro Jahr als LKA-Lady für den NDR in Niedersachsen fahren will. Solch ein Schritt kann viele Gründe haben, aber da wir nun mal in einer sogenannten Marktwirtschaft leben, vermuten wir einfach mal nicht künstlerische, sondern solche der Selbstpromotion.

Furtwänglers Teilzeitmodell fällt zum einen in eine Zeit, da der Tatort exzessives Wachstum betreibt – am Ende dieser Saison wird sich die Zahl der aktiven Schauplätze auf 21 erhöht haben. Unter den upcoming Debüts wirft, man muss es leider so häufig sagen, Til Schweigers Auftritt Schatten voraus. Schweigers Prominenz wird der Fernsehreihe ebenfalls nur einmal pro Jahr zur Verfügung gestellt, ein Modell, das mit Ulrich Tukurs freiem Radikalen Murot erst recently in der neueren Tatort-Zeitrechnung Einzug gehalten hat.

Drei-Klassen-Gesellschaft

Solche Sonderkonditionen mögen in der arithmetischen Logik des Schauplatzwachstums liegen – bei 21 Tatort-Revieren und 4 Polizeiruf-Kommissariaten kann gar nicht jeder mindestens 2 Mal in der Saison dran sein, solange die Sommerpause steht beziehungsweise nicht auf "gregorianischen Kalender" (Kalle Rummenigge) umgestellt wird. Zugleich ermöglicht das Einmal-im-Jahr den Namhaften unter den Schauspielern eine eigenartiges Flexi-Modell – dabei sein, ohne dazuzugehören. Das ließe sich wiederum auf mehreren Ebenen durchdeklinieren (Finanzierung, Popularität, usw.), interessiert hier aber nur aus der Sicht des Anwalts der kleinen Leute aka des Gemeinwohls, der in uns haust – FDP-Fiesepeter würden ihn Neider nennen.

Wenn der Tatort staatstragendstes Staatsfernsehen ist, dann tut sich mit dem Wasch-mir-den-Pelz (Finanzierung, Popularität), Aber-mach-mich-nicht-nass (das eigene Image auf die routinierte Fernsehnase runterrocken) ein Gap auf, von dem der Neoliberalism lebt – Staat melken, Gewinne einfahren. Die föderale Egalität, die in der Tatort-Struktur angelegt ist, wird so zur Zwei-, wenn nicht Drei-Klassengesellschaft. Unten die namenlosen Neulinge, die zuerst Opfer des Überdrusses am Wachstum werden könnten, wenn das Wachstum nicht wie geplant funktionieren sollte und der Rollback to town comes. Darüber der Mittelstand der Fernsehnasen und oben druff eben die Koniferen ihrer Privatambitionen, die es sich leisten können, Bedingungen zu diktieren – also Schweiger, Tukur und nun eben noch Furtwängler.

Denn zum anderen kommt die Pressemeldung über deren Einsatzverkürzung zur rechten Zeit – in Hangover steht eine Doppelfolge an, die nächsten Sonntag erst ihr finales Ende finden wird. Kann man auch mal machen, solange es nicht zur Masche zu wird, denn grundsätzlich lebt der Tatort, diese Reihe, davon, dass nach 90 Minuten wieder alles im Lot ist und man sich nicht eine Woche lang von einem Cliffhanger auf die Folter spannen lassen muss. Furtwängler zieht also zurück in dem Moment, in dem sie größte Aufmerksamkeit generieren darf – die Doppelfolge ist weder einer die Tatort-Sendepraxis vor Probleme stellenden Feiertagssituation geschuldet wie Ostern in Leipzig and Köln, noch muss Hin- und Rückspiel remis ausgetragen werden, damit keiner der Sender jammern kann, der andere sei dicker represented gewesen.

Im Windschatten der Emotionen

Eine Zusammenführung steht dennoch bevor, und sie ist vermutlich das langweiligste, weil absehbarste an der Doppelfolge: Superwomom wird nun wohl nun endlich ihren Loverman in die Verantwortung bekommen. Die andere Variante, dass die grande liaison als lang angebahnter, großer Knall – "Das war nur ein Moment" (Manfred Krug) – gleich wieder endet, wollen wir uns als Verfechter von stupidester Routine erstmal nicht ausmalen.

Der Loverman lutscht, wie es in der Radsportszene heißt, in Wegwerfmädchen naturgemäß noch kräftig im Windschatten von Lindholms Emotionen aka Ermittlungen. Versöhnung durch Arbeitssynchronisation heißt die mutmaßliche Perspektive für den zweiten Teil Das goldene Band nächsten Sonntag, was wiederum ein Licht auf die Verhältnisse wirft: Sie sind nicht so, dass Liebe eine Option wäre ohne Rücksicht auf den beruflichen Ehrgeiz, der im Tatort freilich immer nur als neverending Ethos erzählt werden kann (und nie als Beutelung des Angestellten im Spätkapitalism).

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Kritik am bundespräsidentinnenhaften Uschi-von-der-Leyen-Role Model aufrechterhalten, die seit Äonen das Schauen von Furtholm-Folgen verdrießt. Risse am Bild der Strahleprivat-und-Berufslebenvereinbarerin, wie sich hier vor der Haustür zeigen, als Lindwängler den Stand-by-Hotelsex-Geheimniskram vom Loverman satt zu haben beginnt, sind nur deshalb möglich, weil im Goldenen Band dann aus den beiden Halbleitern endlich der Bimetallstreifen wird, der – gemeinsam sind wir stark – im beruflichen Erfolg private Verbindung finden kann.

UEFA-Cup-Teilnahme

Zudem kocht Franziska Meletzky den aufdringlichen Superwomom-Loverman-Geturtel-Sex (Buch: Stefan Dähnert) gefühlig als Love Story, bei der der unangepasste Journalist selbst im Sumpf der Oberschichtsdreckigkeit seine Runden fahrradfahrend mit der Perle auf der Stange dreht. Ebenfalls Korrektur am Super-Ego der Vorzeigefrau ist der diesmal zugeloste Assistent Belz (martinbrambachlight: Christoph Jacobi), der in seine Rolle sich fügt, ohne dafür besonders dämlich tun zu müssen, damit die Johnwaynin von allem scheinbar noch heller leuchten kann.

Die Geschichte von Wegwerfmädchen selbst hat Format, und auch wenn es nicht für die Champions League reicht, der UEFA-Cup oberhalb des oberen Mittelmaßes ist doch sicher. Erstaunliche Solidität, Größe des Entwurfs (Oberschichtsdreckigkeit), atmosphärische Citylights, bei gleichzeitig runterziehender, fernsehfilmassistentierender Atmo-Mucke – kurz: Hannover 96. Hannover ist überhaupt ein gutes Stichwort, nicht nur weil der Tatort hier ja angesiedelt ist, sondern die Geschichte von den Lokalmythen Gebrauch macht, die die Sonntagabendkrimiproduktion schon einmal befeuert haben. Wegwerfmädchen ist durchaus als Schlüsselfilm der republikbekannten strangen Hangover-High Society aus Rockerchef, Promianwalt, Politikern, Vorzeigeunternehmern und Fußballklubgrößen lesbar.

Der Hajo (Bernhard Schir), den der Loverman interviewen muss für die Autobiografie, die eine knallharte Enthüllungsstory werden soll, dieser Hajo kann als Carsten Maschmeyer gemeint sein, der auf dicke Hose macht und mit seiner Herkunft protzen darf, weil darin Reichtum nicht angelegt war ("aus Rache reich"). Michael Mendls Allzweckanwalt würde demzufolge Götz von Fromberg nachempfunden sein, und Robert Gallinowskis Rockerboss Koschnick erinnerte an Frank Hanebuth, wo er seine Befriedungsleistungen des Nightlifes von Hannover herausstreicht. Der Vorteil: Das real existierende Steintorviertel spielt sich selbst.

Das Günther-Jauch-Dilemma

In dieser Logik wäre die Blondine, die Hajo in die Oper (La Traviata) begleitet zwangsläufig ein Vroni-Ferres-Deja-Voodoo, wirkt dafür aber doch reichlich runtergekämmt – der Tatort als ARD-Sendung muss schließlich auch aufpassen, dass nebenher nicht andere Quotenträger beschädigt werden. Trotzdem würde man diese Folge gern mit Maschmeyers zusammen auf der Finca gucken, Straßenschuhe vor der Tür, die Quanten in löchrigen Socken auf den Couchtisch gestreckt, any Snacks, any Drinks? 

Heiter unter den Rückkopplungseffekten mit der Realität stimmt das Günther-Jauch-Dilemma, in das Malotte Furtholm bei der Ausfahrt nach High-Class-Herrenhausen mit Staatsanwalt von Braun gerät (André Hennicke mit James-Bond-Fiesling-Gedächtnis-Blondierung, was konsequenterweise zum Freitod im Büro führt). Das Günther-Jauch-Dilemma, kurz GJD, besteht bekanntlich darin, dass der beliebte Moderator seine einzigartige Personality mit Boulevard-Scheu, Großprominenz und politischer Stadtplanung attributiert, was in der von ihm moderierten Talkshow regelmäßig zu Befangenheitssituationen führt, weil er eigentlich Gast sein müsste in der Sendung, die er als unbestechlicher Journalist doch moderieren soll.

Furtholm und von Braun nun in Herrenhausen, es geht um Prostitution, die sie für unsere Begriffe und ohne dass wir der Sexarbeit das Wort reden wollten, zu idealistisch-kritisch immer nur als Zwangsprostitution denken kann, und er dann so: "Was ist mit den Frauen, die steinreiche Männer heiraten, die tun's auch für Geld?". Und sie so: Empörung. Als Zuschauer vergisst man in diesem Moment für eine Sekunde die Filmfigur, die sowieso schwer vom Schauspielerimage (die eigene Mutter spielt die fiktive Mutter) zu trennen ist, weil natürlich der vermögende Verlegergatte im real life einfach nicht als mittelloser Beau imagniert werden kann. Das könnte man fast Ironie nennen.

Und nicht nur deswegen sagen wir durchaus gespannt, was wir nie gedacht hätten einmal zu sagen beim Hannover-Tatort: Mal sehen, wie's weitergeht.

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21:45 09.12.2012
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