Sie haben mich verletzt

Tatort "Ein neues Leben" ist keine neue Liebe: Die Münchner Folge zeigt zwar den Franz in großer Form und den Ivo undercover, hat darüber hinaus aber Probleme mit dem Matchplan

Man verspürt unweigerlich den Drang, in Sachen Tatort grundsätzlich zu werden these days. Was für eine Woche! Nina Kunzendorf tritt als Conny Mey zurück, Til Schweiger zelebriert Inauguration und Nora Tschirner und Christian Ulmen machen Special-Tatort in Weihnachtsweimar. Hat alles miteinander zu tun, wie etwa das Statement der Conny-Mey-Redakteurin Liane Jessen zeigt, die nicht prominent nachbesetzen will, obwohl der HR einst damit angefangen habe; sie ist des Hypes überdrüssig.

Und in eben diese Richtung (Hype!) gehen our Befürchtungen, die auch Til Schweiger nicht zerstreuen kann mit seinem boring Pressedissen. So was wie der Tatort lebt doch auch von der trägen Verlässlichkeit von Wiederholung, und wenn da jetzt dauernd Leute rumspringen, die zu Sonderkonditionen Einmal-Auftritte hinlegen, dann hat das mehr mit den Leuten zu tun (dem Popularitätssprung für Kunzendorf etwa) als mit dem Tatort. 100 Jahre Lena Ödenthal sind keine Lösung, aber wenn die Verlautbarungs-PR häufiger kommt als der Tatort lui même, dann stimmt was nicht.

Weil die Realität der Tatort-Folgen, die in den meisten Fällen medioker ist, dann noch mediokrer wirkt gemessen am bunten Feuerwerk der Ankündigungen und Absichtserklärungen. Live zu betrachten an der Mjunik-Folge Ein neues Leben, von der wir trotzdem behaupten würden, dass sie den Standard der Reihe von einem leicht erhöhten Oben her performt – und damit von der anderen Seite als Stuttgart letzte Woche.

Prekäres Betrugsmodell

Die Geschichte (Ist es wirklich das, was sie gewollten haben: Léonie-Claire und Fred Breinersdorfer) ist freilich ein Riesenschmarrn; wenn man die Story nach dem Ende des Films noch mal "Paroli laufen lässt" (Horst Hrubesch), dann kann man sich schon wundern, wie Ein neues Leben es überhaupt in die K.o.-Runde nach 21 Uhr geschafft hat. Die Geschäftsidee der beiden Drücker-Ladies Isabella (Nina Proll) und Sandra (Mina Tander) macht nur beim Warmlaufen Eindruck: Mit Robbenbaby-Bildern door knocking betreiben, um Leute zum spendenden EC-Karten-Durchziehen zu motivieren für ein Reservat, das es nicht gibt. Das Geld wird auch nicht abgebucht, um dann später an Geldautomaten mit dürftigen Verkleidungen munter abzuheben. Klingt alles etwas umständlich, und wenn die Bank eh zahlt, warum dann nicht auch die Spendengelder mitnehmen, das Nicht-Abbuchen macht doch bloß verdächtig.

Und warum diese Banken, die es sonst von den Lebenden nehmen und bei allem, was nicht Millionenschäden verursacht, ihre Anwälte losschicken, so entspannt wie dieser Sprecher auf Stillschweigen setzen, damit nicht noch Trittbrettdriver auf die Drückernummer kommen, erklärt sich auch nicht. Wie lang die Polizei sich das alles anguckt, ist auch nur dann zu verstehen, wenn man weiß, dass Tatort-Folgen heuer zwischen 1.27 und 1.28 h dauern. Von der USB-Stick-Geschichte wollen wir – angefangen vom Runterladen während des Italiener-Essens bis zum Wiederauffinden am helllichten Tag (in der Parallelszene des Ausritts der Ladies herrschte tiefe Nacht) vor geschlossenem Lokal und auf menschenleerer Straße – besser schweigen.

Eher ein Problem der Inszenierung ist (Regie: Elmar Fischer), dass die Drohgebärden der Ladies sich schon nach dem anfänglichen Ausflug zum Italiener erschöpft haben. Äußerlich wird zwar auf Sektenähnlichkeit gesetzt mit diesen tighten Deutschland-sucht-den-Supersalesman-Castings, den Decknamen ("Fred. Fred, Günter") und der sogenannten Villa. Gerade aber schon an, this time, Undercover-Ivo (Miro Nemec) kann man sehen, wie wenig Furcht das Elend des Drückerbiz verbreitet.

Gürtelstraffen 

Der Ivo stammelt sich bei der Vorstellung einen zurecht, um nach der geglückten Aufnahme selbstbewusst loszuermitteln, wie Tatort-Kommissare das halt tun. Und von den Kollegen ("Fred. Fred, Günter") lässt sich schlecht behaupten, dass die sich von einer Idee ihrer eigenen Subjekthaftigkeit schon verabschiedet hätten. Ergo: Das Milieu und die es bedingenden Abhängigkeiten hätten wir uns doch etwas präziser erzählt gewünscht, obwohl das absurde Gürtelstraffen in der Hand der Drückerdominatrice als hoffnungslose Reminiszenz an die SM-Fifties in der Schule fast schon wieder einnimmt. Ergo ist auch sonst ein Superstichwort, war doch die Hoffnung am Anfang groß, dass auf den Spuren des Dokumentarfilmerfolgs (30.000 Zuschauer) Work hard, play hard der Dauerstress im Angestelltenwesen des High-End-Kapitalism auch weniger betrügerisch hätte dargelegt werden können.

Dass den größten Stress naturgemäß die Ladies an der Spitze haben, führt zu einer Szene, die an Putzigkeit schwer zu übertreffen ist: Als Isa und Sändy da irgendwann erschöpft miteinander rummachen, kam uns unser lieber Freund J. aus USA in den Sinn, der in der forkeschwingenden Pose des puritanischen Landpriesters einmal augenaufreißend "Lesbians!" deklamierte, als verbinde sich damit die Ankunft des Jüngsten Tags. Dass grundsätzliche Verderbtheit immer noch durch sexuelle Abweichung von der sogenannten Norm unterfüttert werden muss – tu parles.

Für das eingangs erwähnte leicht erhöhte Oben ist in dieser Folge fast allein der Franz (Udo Wachtveitl) zuständig, der, wenn er so weitermacht, eines Tages noch eine positive Lesart fortgeschrittener Thomasgottschalkness liefern könnte. "Material" (Heiner Müller) bietet dabei die liebreizende Figur des Gabriel "Disco Stu" Fechner (Maximilian Schafroth), der am Computer zwar was kann (tollstes Feature der ganzen Folge: wie Ivo das ubiquitärste Robbenbabybild in diese Zaubersuchmaske des Polizeirechners zieht und nicht auf allen Internetseiten dieser Welt landet, sondern bei den richtigen Verdächtigen), aber im Feld eine "kriminalistische Vollniete" (der Franz) ist.

Der junge Stutzer

Ivo tritt dem jungen Stutzer als – eine obsolete Praxis, deren Aufrufen melancholisch stimmt – Herrenreiter alter Schule auf, indem er konsequent "Flechner" sagt, obwohl er's natürlich besser weiß. Der Franz glaubt derweil an das Gute im Menschen, auch wenn der Disco Stu sich Mal um Mal um Kopf und Kragen redet und nichts für sich behalten kann, zumal er mit dem Großherrlichen des Reviers, Friedhelm "Hannes" Wader (Olaf Rauschenbach) verwandt ist. Schön ist – und eben ein Unterschied zu Stuttgart –, dass Schafroth seiner Figur eine eigene Sprache gestatten darf, die die geläufige reibungslose Dialogverteilung von fallrelevanten Informationen durch Stammeln und Abschweifen dementiert.

In diesen Momenten wie auch dem Meta-Verhör der Escortlady Anna Vollmer (die bemerkenswerte Katharina Marie Schubert: "Warum wollen Sie sich denn jetzt auch noch setzen?") merkt man, dass hinter Ein neues Leben durchaus gewisse Ambition steckt. Auch wenn sie sich auf die Auslage der Kommissar-Figuren beschränkt.

Eine Frage unter Brecht-Jüngern: "Das macht man doch so, um Spuren zu vernichten?"

Ein Gesprächsanstoß, mit dem man auf Stehpartys ins Gespräch finden könnte: "Mag der Batic Nüsse?"

Ein sogenannter Fun Fact: In Salami Aleikum waren Arman (Navid Akhavan) und Verapaula (Anna Böger) in love

21:45 28.10.2012
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