Sie sind echt anstrengend

Polizeiruf 110 God save Lutz Subras: ein kleiner Exkurs nach hinten oder warum der Rostocker "Polizeiruf: Feinbild" tausend Mal besser ist, als sein Vorspann glauben machen könnte

Wenn in der letzten Woche versucht wurde, das Elend der Schimanski-Reihe schon am Vorspann zu erklären, so muss man ehrlicherweise sagen: Der Vorspann des Polizeiruf ist eine Katastrophe. So lieblos zusammengebastelt hätte das – in musikalischer Hinsicht – noch nicht mal Dieter Bohlen. Dazu diese Bilder, die aussehen wie Standardmotive, die man bei der Agentur für Krimivorspänne bestellen kann und in denen Menschen, wenn sie überhaupt vorkommen, nur als alberne Laien vorkommen (dieser Typ auf der Brücke mit dem Koffer macht mich jedes Mal fertig), und die mit der Serie naturgemäß nichts zu tun haben – weil man dann nicht jedes Mal neu drehen muss, wenn ein Kommissar wechselt, was beim Polizeiruf häufiger vorkommt.

Enttäuschend ist das, wenn diese Abschweifung gestattet ist, vor allem mit Blick auf die stolze Tradition des Polizeiruf-Vorspanns, der, wenn wir das recht überblicken, bis 1989 drei Varianten hervorgebracht hat. Die erste  ist noch "etwas unbedeutend" (Thomas Mann). In der zweiten (siebziger Jahre) aber geht’s ordentlich nach vorn: Zum galoppernden Klavier stößt die Trombone von Hartmut Behrsing (der die auch Musik komponiert hat) diese herrlich qequälten Schreie aus, die irgendwo zwischen Verhörverzweiflung und Sirene siedeln, während auf der Bildebene Frohriep als Olt. Hübner den Dynamo macht, Borgelt-Fuchs am Schießstand bella figura, und Alfred Rücker aka Leutnant Lutz Subras am Ende mit leichtem Gruppenratsvorsitzendengeschmeicheltsein an der Kamera vorbeischarwenzelt (ein Highlight auch der Michael-Skibbe-Lookalike, der auf dem Beifahrersitz vollkonzentriert ins Autotelefon petzt bei 0.13 Min.).

Etwas hymnenhaft gesetzter, aber immer noch eingängig und durchaus groovy dann die Musik (Komposition: wiederum Behrsing) bei der dritten Version (achtziger Jahre), die vor allem durch das Vorzeigen der High-Tech-Ausrüstung der Genossen von der Volkspolizei besticht (der Hubschrauber!) und schöne Details parat hält (das pädagogische-wertvolle Aufscheuchen des lichtscheuen Gesindels bei 0.05 Min.) In der Wendezeit wurde die Musik beibehalten, die Bilder wiederum ausgetauscht. Dann gab's in den neunziger Jahren diesen Vorspann, in dem der mittlerweile abgerissene Endlostunnel über den einstigen Zentralviehhof vorkam, der zur Berliner S-Bahn-Station Storkower Straße führte, und das war der Anfang vom Ende, das wir nun jede Woche sehen.

Das musste mal gesagt werden.

Schimanski-Schnullipulli

Das Schöne nun aber ist, back to the Tagesgeschäft, dass der Polizeiruf: Feindbild große Freunde macht. Die Formkurve zeigt – nach unserer anfänglichen, wie uns heute scheinen will fast beckmesserischen Skepsis – weiter
steil nach oben im Rostocker Revier. Alexander Sascha "Bukoff" (Charly Hübner) und Frau König vom LKA (Anneke Kim Sarnau) finden zueinander als antagonistisches Duo, was man vor allem daran merkt, dass die Antagonismen subtiler inszeniert werden (Buch und Regie: Eoin Moore): Die etwas sachlich-akademischen Formulierungen, in die Frau König etwa nach dem Bukoff-Verhör ihre Überlegungen übersetzt, machen Milieu und Differenz viel besser spürbar als das ostentative Bio-Gemüse-Vorgezeige der ersten Folge.

Der große Uwe Preuss überzeugt als Chief Röder durch seine beamtenfeige Nüchternheit gegenüber den Vorwürfen in Richtung Staatsanwalt, die Bukoff und König erheben, und liefert so ein differenzierte Vorstellung von der ganz alltäglichen Korruption des Denkens im Angestelltendasein. Thiesler (Josef Heynert) hat das Potential zum Darling schon weil er zu den guten hält und selbst Pappnase Pöschel (Andreas Guenther) erfüllt diesmal seinen Zweck, weil in irgendwie doch notwendiger Weise Bukoffs schönen Plan vereitelt, den großen Familienfeind Subocek (Aleksandar Jovanovic) mittels einer ausgebufften, beim Domino Day abgeguckten Übertölpungschoreografie gemeinsam mit seinem devianten Vater (Klaus Manchen) zu Fall zu bringen.

Das allein lässt manche Schwäche – auch nur teilweise: der Wahn von Racheengel Brückmann (Andreas Patton) – vergessen. Der Fall selbst mag etwas zu sehr den Gut-Böse-Gegensatz zwischen reichem Pharmaheini Geiger (der deutschsprachige Alan Rickman: Jürg Löw) und schweißfleckigem Allesverlierer Brückmann performen, andererseits kann man sich schwer ausmalen, wie man in der Form des Fernsehfilms anders als durch personelle Polarisierung solche Geschichten erzählen soll. Die Winnetou-Emotionen aus den Kindheitstagen der Fernsehsozialisation kochen jedenfalls hoch.

Dazu ist Rostock wieder auf aparte Weise eingefangen (Kamera: Martin Farkas), stimmt der Impressionismus der Bilder mit der Geschichte überein und versöhnlich nach der schweren Schimanski-Kost letzte Woche, und dem Drehbuch gelingen ein paar hübsche Anspielungen auf den deutschen Fernsehkrimi (Derrick spielen, Schimanski-Schnullipulli). Die Musikliebhaber werden zudem mit Element of Crime zumindest nicht vergrault.

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21:45 06.02.2011
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