Sind Sie glücklich, Madame?

ÜBERLEBENSchronik Ein Besuch bei der Filmemacherin Marceline Loridan-Ivens in Paris kurz vor ihrem 80. Geburtstag

Prolog

Die Welt hat von Marceline Loridan-Ivens zum ersten Mal Notiz nehmen können in Chronique d´un été, einem Film von Jean Rouch, dem Manifest einer neuen Schule des dokumentarischen Kinos am Beginn der sechziger Jahre: cinéma direct. Marceline Loridan, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht Ivens hieß, wobei es die Anekdote gibt, dass der berühmte Dokumentarfilmer Joris Ivens sich, als er den Film gesehen hatte, in sie verliebt haben soll - Marceline Loridan ist das energetische Zentrum dieses Filmes, eine kleine, schnelle, ungeduldige, draufgängerische Frau, die wildfremde auf Leute auf der Straße anspricht, und zugleich eine nachdenkliche, ernste, harte Frau in den Diskussionen danach, über den Film und die Wirklichkeit, das Leben, ihr Leben. Sind sie glücklich, mein Herr, fragt sie keck in einer Szene einen Mann mit Hornbrille. Nein, ich bin unglücklich. Warum? Ich bin 79, ich bin alt.

Zu Beginn wird gelacht

Marceline Loridan-Ivens ist 79 Jahre alt, in wenigen Tagen wird sie 80. Man kann sie sich als vergnügten Menschen vorstellen, eine kleine, wache Frau mit wildem roten Haar, die den Reporter aus Deutschland in ihrer Pariser Wohnung aufmerksam begrüßt und amüsiert mustert, mit einer Mischung aus Neugier und Souveränität, wie man sie vermutlich hat, wenn einem das Leben nichts mehr vormachen kann. Sie strahlt und lacht oft, und wenn man ihr eine Weile zuhört, dann lassen sich mindestens zwei verschiedene Lacharten erkennen: das große und das kleine Lachen. Das große Lachen unterscheidet sich vom kleinen Lachen dadurch, dass es dieses verlängert; indem nämlich ein gutgelauntes Meckern aus dem routinierten Rhythmus des kleinen Lachens herausplatzt, dem sich kein Gegenüber entziehen kann. Man muss dann auch lachen. Das kleine Lachen dagegen ist eine kurze Salve, die sich an die verschiedensten Ausführungen anschließt, und weil diese selbst dann ertönt, wenn Marceline Loridan-Ivens von Dingen erzählt, die nicht zum Lachen sind, hört man darin irgendwann etwas Beunruhigendes, etwas, das sich auch wie ein Weinen anhören könnte.

Erstes Kapitel: 1961 ff.

Es gibt kein Ziel im Leben, sagt Marceline Loridan-Ivens, weil man das Ziel kennt, das ist immer der Friedhof. Deshalb ist es wichtig, welchen Weg man nimmt, welche Menschen man liebt.

Über dem Weg, den Marceline Loridan-Ivens genommen hat, auch wenn sich der Plan dafür erst im Laufe der Zeit ergab und am Anfang wohl nicht mehr war als ein Sehnen, könnte "1968" stehen. Wenn das nicht eine Chiffre wäre, die, so sehr sie strahlt, auch ungemein nichts sagend ist. Bei all dem Unsinn zum einen, der heute fortlaufend über diese Zeit verbreitet wird von Leuten, die den eigenen Eifer aus jenen Tagen kompensieren müssen oder von Leuten, die ihr Nachgeborensein nicht verkraftet haben, und bei all dem verklärenden Geglucke auf wärmenden Erinnerungen zum anderen, ist es wohltuend zu hören, mit welcher Nüchternheit Marceline Loridan-Ivens über das Damals redet. Da fallen zarte Worte wie Durchlässigkeit, für das, was der Aufbruch von ´68 bewirkt hat, "mit all ihren Nachteilen und Reichtümern". Wenn man den Konformismus der Welt verstehen will, unter dem auch sie als erwachsene noch Frau gelitten hat, lohnt es sich, Chronique d´un été anzuschauen; schon 1961 ist der Ausbruch aus der Enge der Daseinsformen vorgezeichnet. Erschütternd sind etwa die Szenen mit einer italienischen Studentin in Paris, deren Aufenthalt sich nicht so gestaltet, wie man sich den Aufenthalt von italienischen Studentinnen im Zeitalter der institutionalisierten Erasmus-Auslandserfahrung vorstellen darf: Da ist eine 27-jährige Frau, die am Leben verzweifelt, an ihrer Einsamkeit, am Panzer der Gesellschaft, der sie umfängt und den sie nicht durchdringen kann. Ich war so zerstört wie sie, sagt Marceline Loridan-Ivens.

Zweites Kapitel: 1933 ff.

Marceline Loridan-Ivens war viel zerstörter. 1928 geboren unter dem Namen Marceline Rozenberg als Kind einer polnischen Kaufmannsfamilie, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankreich ausgewandert war. Einer jüdischen Familie. Marceline ist 15, als sie nach Auschwitz gebracht wird. Zwei Jahre später, wenn die Vernichtung zu Ende ist, hat sie 45 Personen aus ihrer Familie verloren. Ich war ein Mädchen aus der Wildnis, sagt sie über die Nachkriegsjahre in Paris. Der Albtraum ist vorbei, aber das Erwachen daraus ein endloser Taumel. Von diesem Sinnen gibt Chronique d´un été eine Ahnung: In einer Szene läuft Marceline Loridan gedankenverloren über die Place de la Concorde und memoriert die Fetzen der Erinnerung an Auschwitz. Eigentlich sollten im Hintergrund deutsche Inschriften und Nazi-Dekors zu sehen sein, in Paris wurde damals Der längste Tag gedreht, der bis dato aufwendigste Film über den Zweiten Weltkrieg. Aber Rouch war schlecht informiert; als das Team zum Drehen kam, waren die Kulissen schon wieder abgebaut.

Ich hatte keine Kultur, sagt Marceline Loridan-Ivens, ich wusste nicht, was aus mir werden sollte, es war schwer, sich wieder zu finden, die Menschlichkeit in sich wieder zu entdecken, zurückzukommen zum Leben. Selbst heute noch, es ist schwer, zurückzukommen aus den camps.

Sie sagt camps, das französische Wort für Lager. Deutsche Worte gebraucht sie auch, es sind die Vokabeln der Erniedrigung, Stück, Lumpen, Schmattes, und sie klingen kalt und grausam in den Sätzen unter den benachbarten französischen Wörtern. Camps sagt Marceline Loridan-Ivens oft, das ist der Bezugspunkt für alles, was ihr Leben danach ausgemacht hat, und sie sagt es nicht verbittert und nicht anklagend, es ist eine Realität, ihre Realität. 2003 hat sie einen Film darüber gemacht, der im französischen Original La petite prairie aux bouleaux heißt, in der deutschen Fassung Birkenau und Rosenfeld. Ein Spielfilm, paradoxerweise, wie man meinen möchte, denn ihr Leben lang hat Marceline Loridan-Ivens als Dokumentarfilmerin gearbeitet. Aber sie hat sich, anders als Rouch, nie Illusionen über die Künstlichkeit, das Subjektive, das Inszenierte noch am direktesten dokumentarischen Zugriff auf die Wirklichkeit gemacht. Die Fiktion kann an der Seite des Realen leben, sagt sie über die Erfahrung, die sie beim Drehen gesammelt hat; schon in Joris Ivens´ filmischem Testament, Une histoire de vent, deutsch: Die Geschichte des Windes, hatten sie beides gemischt, Spiel- und Dokumentarelemente.

Als La petite prairie aux bouleaux in die Kinos kam, hat Marceline Loridan-Ivens viel über den Entstehungsprozess erzählt: dass sie Zeit brauchte, den Tod von Joris zu verschmerzen; dass sie den Film aber erst machen konnte, als Joris nicht mehr war; dass sie eine Schauspielerin brauchte, um sich ihre eigene Geschichte vom Leib halten zu können durch Übertragung. La petite prairie aux bouleaux ist die Essenz eines Lebens in und nach den camps, und vor allem ist er die Verteidigung einer Biografie; wenn man als Enkelkind aus dem Land der Täter diesen Film schaut, dann begreift man, dass Überlebende wie Marceline Loridan-Ivens in erster Linie nicht Angestellte der Zeitgeschichte sein wollen, sondern Verleger ihrer eigenen Geschichte. C´est chez moi, sagt Anouk Aimée im Film einmal, und sie meint das Lager. Das ist mein Zuhause.

Hat der Film etwas verändert an der Erinnerung? Dadurch, dass etwas das über 40 Jahre erzählt werden wollte, schließlich eine Form gefunden hat?

Nein, antwortet Marceline Loridan-Ivens ganz entschieden: Es gibt keinen Exorzismus des Leidens, der Wunden, der Erniedrigung. Das bleibt immer da.

Drittes Kapitel: Joris und Rückschau

Man hat eine gewisse Scham, mit Marceline Loridan-Ivens über Auschwitz zu sprechen, genauso wie man eine gewisse Scham hat, mit ihr über Joris Ivens zu sprechen. Aus Sorge, das Leben eines Menschen zu reduzieren auf das einer Lagerinsassin oder auf das einer Frau an der Seite eines berühmten Mannes. Dabei macht sie es einem leicht: Natürlich habe ich in seinem Schatten gestanden, sagt sie. Aber sie sagt auch: Ich habe nicht auf Joris gewartet, um Filme zu machen. Die Chroniken interessieren sich immer nur für Männer, eine Frau muss sich ihre Credits erkämpfen, und wie man sich das vorstellen kann, erzählt Marceline Loridan-Ivens in einer schönen Anekdote: Hier, in dieser Wohnung, in die sie 1962 mit Joris gezogen ist, die erste und einzige gemeinsame, dahinten in der Küche haben sie gesessen, sie, Joris und Franca Rame und Dario Fo, die zum Frühstück gekommen waren, 1970, ´72, ´75, ich weiß es nicht mehr. Franca Rame war in totaler Revolution gegen Dario Fo: Ich helfe dir, ich mache Theater mit dir, ich spiele für dich, ich schreibe Stücke mit dir - und du behandelst mich wie eine Schauspielerin. Da hat Joris gemerkt, bei mir ist das doch auch so, er war schließlich ein intelligenter und sensibler Mann. Danach hat sich etwas entwickelt. Sie lacht das große Lachen. So sind Männer, das findet man heute immer noch.

Wie glücklich der Mann, von dem die Frau, die er geheiratet hat, so spricht, mit dieser Sanftheit und diesem Eigensinn. Der DDR hat das Probleme bereitet: 1968, Dokfilmwoche in Leipzig, der große Joris Ivens ist eingeladen mit seinen Vietnamfilmen, und seine Frau schmuggelt im Koffer Studentenfilme aus Paris, mietet Vorführkabuffs und sorgt für einen Eklat. So geht das doch nicht, denken die Offiziellen, aber Joris sagt nur, Marceline ist ein freier Mensch. Und sie lacht, wenn sie erzählt, wie sie von der Stasi behandelt worden ist als kleiner Spion des Kinos. Danach ist sie nicht mehr nach Leipzig gefahren, bis zur Wende, als das Festival um seine Existenz bangte und Unterstützer brauchte.

Marceline Loridan-Ivens ist das Gegenteil einer Parteigängerin, sie ist eine selbstbewusste Tänzerin zwischen den Frontverläufen des Kalten Kriegs, kurz nach dem Krieg hat sie es für sechs Monate in der kommunistischen Partei ausgehalten. Sie muss sich nicht über Gebühr aufregen über die Ressentiments, die es noch immer gegenüber Joris Ivens gibt, er sei Stalinist gewesen, das ist Unsinn. Sie hat Filme über Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt gedreht, aber sie hat deswegen nicht geglaubt, dass etwa die DDR ein besseres Land sei, nur weil sie mit diesen Befreiungsbewegungen sympathisiert hat. Einen DDR-Kulturminister hat sie einmal gefragt: Wie können Sie mit mir über Freiheit reden, wenn Sie keinen Ausdruck von individuellem Denken zulassen? Der Kulturminister: Sie müssen verstehen, die Politik ..., die üblichen Ausflüchte.

Was ist geblieben? Ich glaube nicht mehr an die universalité. Ich bin kein Reaktionär, ich denke nur nicht mehr, dass ich die Welt ändern kann. Diese Obsession, Menschenrechte um jeden Preis, das ist eine Dummheit. China interessiert mich heute wie jedes andere Land auf der Welt, die Hoffnungen, dass China eine andere Gesellschaft hervorbringen würde als die Sowjetunion, haben sich nicht erfüllt. Die Menschen können sich nur selbst befreien, nicht wir sie.

Epilog

Eine letzte Frage: Sind Sie glücklich? Das große Lachen. Nun, ich bin nicht unglücklich, ich bin allein, was manchmal hart ist, wenn man 30 Jahre mit jemandem zusammen war. Ich gebe Interviews über die Probleme von Juden, den Antisemitismus. Ich arbeite, wenn nicht an meinem Buch, dann spiele ich in Filmen von Freunden, das macht mir Spaß, ich bin gern Schauspielerin.

Erinnern Sie sich an diese Frage, an den Mann mit der Hornbrille aus Chronique d´un été, der damals so alt war, wie Sie heute sind? Er war älter, das kann ich Ihnen erklären, zu dieser Zeit war man mit 79 Jahren älter als heute. So gesehen habe ich ein paar Jahre gewonnen.

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