So sind wir nicht

Tatort Es ist vorbei, bye, bye, Conny Mey oder fünf Folgen für die Ewigkeit: Nina Kunzendorfs epochale Kommissarin verabschiedet sich in "Wer das Schweigen bricht" standesgemäß

Die Elogen haben wir zum Glück schon zu Lebzeiten verfasst: Nina Kunzendorf scheidet aus ihrer Rolle als Conny Mey im Frankfurter Tatort, und fast wünschte man sich, es herrschten noch die siebziger Jahre, in denen Tatort nur einmal im Monat war. Dann nämlich ließen sich die epochemachenden fünf Folgen mit der feschen Conny auf fastfinkehafte fünf Jahre addieren und wir könnten guten Gewissens von einer Ära sprechen.

Finke ist sowieso ein guter Anknüpfungspunkt: Überblickt man die Tatort-Geschichte flink und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, fallen einem nicht viele Schauplätze neben Conny-Mey-Fränki-Steier-Bankfurt ein, die ästhetisch ähnlich geschlossen erzählt wurden wie "Finke County" (René Artois) dereinst um Kool Kiel herum. Was mit der relativen Konstanz im Team zu tun hat: Die Vorlagen in Frankfurt orientierten sich an den "wahren" Geschichten aus dem Berufsleben des Profilers Axel Petermann, die Bücher stammten immer von Lars Kraume, der dreimal selbst Regie führte, in Es ist böse war es Stefan Kornatz, bei Wer das Schweigen bricht ist es nun Edward Berger (der vor zwei Wochen in München Drehbuchbearbeiter war). Als Kameramann fungierte immer Armin Alker, die Musiker Julian Maas und Christoph Kaiser waren nicht nur in dieser Folge dabei, Katharina Schnelting hat nicht nur einmal das Kostümbild besorgt, das im Fall der feschen Conny neue Fields of Style entdeckte. Man könnte noch weiter Namen aufzählen.

Nachteil von so was: eher kleinere Variationen, was, ganz vielleicht, Nina Kunzendorf schneller zum Ausstieg bewegt haben könnte, aber wirklich nur ganz vielleichtest, eigentlich also eher unwahrscheinlichst – denn welche Form der Abwechslung hat man bei den mittelmäßigen random Geschichten, die einem anderswo unterkommen? Vorteil von so was: die, sagten wir das schon, Geschlossenheit. Wer im Frühling sät, darf im Herbst ernten, oder wie der adäquate Agrarprotestantismus auch immer heißt, für den es in dieser Folge zwei hübsche Belege gibt.

I like Mädchengemüse

Der erste: Fränkie (Joachim Król) zeigt noch mal seinen – einzigen – Freund "Eddy" Edgar (Vilmar Bieri) vor, der schon in Es ist böse Fränkis Soziabilität bezeugen musste, und das man sich an den noch erinnert, spricht für die Seriosität, mit der die Figuren in Frankfurt entworfen sind. Darüberhinaus lässt sich durch Eddy nun endlich Fränkis Gebrochensein und der damit verbundene Zug zum Alkoholism verstehen – was in dieser überaus zarten Atmosphäre nicht so standardisiert wirkt, wie die Brüche von der Stange gemeinhin geordert werden (man erinnere sich nur an die mühsamen Reenactments von Lannerts Familienverlust dereinst in Stuttgart).

Der zweite (der dritte wäre: Connys Schnarchen): die finale Blumenmetapher Fränkis angesichts des zurückgebliebenen Straußes der feschen Conny ("Mädchengemüse"). Hätte, nach unserem Geschmack, noch nicht mal gesagt werden müssen, um erinnert zu werden – der Begriff war damals so eindrücklich (was, again, für die Konturen der Figur und die Ausdruckskraft des Drehbuchs spricht), dass die High Pros unter uns wohl automatisch dran gedacht haben werden, als Fränki versonnen auf den Strauß schaute.

Fränki, überhaupt, stabilisiert sich, was an der Erklärung für die dreitagebärtige Suffräudigkeit liegen mag (herrlich, wie da am Anfang bei der Einfahrt in die JVA die Bierbüchsen vom Beifahrersitz in den Fußbereich vom Fond verfrachtet werden – by the way: es handelt sich, von außen, um die JVA Butzbach, unter uns Freitag-Kennern – den Arbeitsplatz von Götz Eisenberg). Und es mag daran liegen, dass Fränki diesmal das Spiel machen darf, den Trupp in der JVA befehligt, die Fäden in der Hand hat. So macht der Mann doch Sinn bis hin zum berührenden Eingeständnis, in der Alten Oper bei einem Konzert von Chris de Burgh gewesen zu sein. Chris de Burgh – sehr geil.

Sidewalk Empress

Wer das Schweigen bricht nimmt sich Pausen für solche Geschichten – das ist der Unterschied zur Informationslogistik andernorts, die am Ende nur dafür gelobt werden will, dass sie richtig aufgeräumt hat. Die Stadt (etwas das in Tatort-Folgen aus Kostengründen selten zu sehen ist) ist hübsch eingefangen (diese dicke, fiese Betonbrücke in ihrer ganzen städtebaulichen Schuldhaftigkeit!), die Leere, durch die der Krankenwagen rast.

Kraume versteht sich auf die vielleicht etwas gefälligen, diesigen Gefühle von Kater, Müdigkeit und Melancholie, weil er sie nicht nur durchblättert, sondern eben füllt mit dem Leben seiner Geschichte. Schöne Details: wie sinnlos nervtötend-provokant der verhörte Jürgen (Andreas Helgi Schmid) auf den Boden ault; dass die Kommissarin abends im Büro auch einmal einen Befund per Mail bekommt. Solche Sachen. Der Fall ist darüberhinaus originell, weil er beim zweiten Mal, der Lösung, einfach neu interpretiert, "gegen den Strich" gelesen werden kann. Das meint die Literaturwissenschaft, wenn sie von Relektüre spricht.

Und Conny Mey? Wie sie da durch die Flure und über den Bürgerstein schlenkert: Sidewalk Empress. Vor allem aber, dass mit Nina Kunzendorf so eine sehr eigene Laune in den Tatort, vielleicht auch in dieses sogenannte Fernsehdeutschland eingekehrt war – jemand, der zuerst einmal gut drauf ist, Spaß hat an der eigenen Freude, der Kommunikation mit den anderen, dieses staunend-gutzuredende "Na, Herr Steier", unverstellte Nähe, große Augen, souveränes Strahlen, und das immer ohne dickes Ende, Problem oder Erklärung dran, sondern: einfach so. Der Reiz, der Charme von Conny Mey: dass sie mit den Worten flirtet, die sie spricht, die manchmal rauskommen aus diesem Mund, als ob sie sich, im Wissen um die eigene Attraktion, um eine Pole-Dänce-Stange schlängeln aus Spaß. Dass aber auch hochgeschaltet werden kann, in den fünften Gang der Begeisterung, wenn die fesche Conny Fränki den Wechsel nach Kiel an die Polizeischule erklärt, der komplett verständlich wird so wie der schöne Idealismus der Figur, der als Glauben an irgendeine Form von besserer Welt nie verraten werden muss. Auf jeden Fall ein wegweisender Charakter in der history of Tatort: We'll miss you, Conny Mey.

Und dann ist Wer das Schweigen bricht eine der besten Abschlussfolgen ever, weil in Abschlussfolgen normalerweise die Blumensträuße des Realen hineinreichen wie in Tagesthemenverabschiedungsbilder, wo dann Intendant oder Chefredakteur und Team um Ulrichwickertgabibauerannewill herumstehen und zeigen, dass das alles nur gemacht ist. Auf den Tatort gemünzt: Dass am Ende von Halle vor kurzem dieses effektmäßig derbe hochgetunte Sonnenuntergangskapitänsbild stehen muss oder bei Stoever und Brocki damals die – natürlich armselige, weil finanziell schlecht ausgestattete – Vaudeville-Nummer. Hier bleibt alles Film. We like.

Willkommen in der Martin-Brambach-Johann-Bülow-Arnd-Klawitter-Liga: Sylvester Groth in kurzer Folge dreimal im Tatort

Eine Frage, die auch aus der DFB-Geschichte stammen könnte: "Ist Völler jetzt da?"

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21:45 14.04.2013
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