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Polizeiruf Der Vom Von in Verständnisnöten: Der Münchner "Polizeiruf: Schuld" führt Meuffels (Matthias Brandt) in oldschool Dorfhändel, bei denen Dialekt zum Einsatz kommt

Im real existierenden Mjunik, das im Kriminalfilm Hometurf von marvellous Meuffels, dem Ivo und dem Franz und, latürnich, des Allergrößten ist, feierte zuletzt ein neues Pollesch-Stück Premiere. Das nun allein für den Sonderforschungsbereich (SFB) "Titelästhetik" in unserer beschaulichen Runde hier von Interesse ist, insofern der Titel des Abends auf verschmitzte Weise ein Unbehagen zum Ausdruck brachte: "Eure ganz großen Themen sind weg".

Es ist nämlich so, dass wir uns in Zeiten von totalflachen Hierarchie durch Titel, wie dieser Polizeiruf 110 einen trägt, Schuld, unangenehm berührt fühlen – also als ob da the cold hand of Autorität einem in den Nacken greift und daran erinnert, dass die Hausaufgaben noch nicht gemacht sind. Wir wollen mitnichten mit dem Problematischen an einer Kindheit langweilen, aber diese Großtitel, so was wie Schuld eben, die tragen ihre Beeindruckungsskills einfach so monstranzant vor sich her, die legen einem ungefragt den bleischweren Sonntagsanzug ihrer selbstempfundenen Generalwichtigkeit raus, dass man am liebsten sich im löchrigen Schlafanzug seiner Partialwahrnehmungen noch einmal umdrehen würde mit den Worten: "Och, nö." Wir jedenfalls würden eine Folge, die sich Ein Playboy segnet das Zeitliche nennt so etwas Schuld immer vorziehen. Schuld – in der Liga spielen doch höchstens noch fünf andere Begriffe, und mit Humor haben die alle nichts am Hut, dabei sind die Zumutungen des modernen Lebens doch ohne Humor überhaupt nicht zu ertragen.

Es ist aber Sonntag, und auf dem Programmzettel steht Schuld, und Hans Steinbichlers Film (nach einem Drehbuch von Stefan Kolditz) geht dahin, wo das Unbehagen seine Blumen auf die Fensterbank stellt. In die bayrische Provinz, in der gnadenlos Dialekt gesprochen wird, was sehr schön ist und marv Meuffels (Matthias Brandt) hübsche Fremdheitsinszenierungen gestattet ("Ich habe nix verstanden"); wo oberflächlich betrachtet aber eben auch ein Atavismus herrscht, der dem 19. Jahrhundert gut zu Gesicht gestanden hätte. Vielleicht ist diese Form der Folklore der in der Gegenwart einzig denkbare Hort eines Großbegriffbeeindruckungswesens, vermutlich schleppen diese Dorfgemeinschaften so viel Tradition und Weltenferne mit sich rum, dass man da keine Einzelhandelstragödien of our days erzählen könnte.

Hin und her

Wahrscheinlich ist das aber ein Klischee. Und das ist etwas, was an Schuld im ganzen etwas nervt – dass dieser Komplex so sehr Geste ist. Auch wenn die Traktoren vor dem Haus des zum Lynchen vorgesehenen Xaver (Daniel Christensen) putzig an Transformers erinnern und der 1999 ermordete Wirtshausfilius mit seiner Entenschwanz-Tolle einen jugendsubkulturellen Style der fünfziger, beziehungsweise als Revival: der achtziger Jahre performt.

Die Dramaturgie erinnert ein wenig an die zurückliegenden Halbfinals der Champions League: In der ersten Hälfte geht es rauf und runter, hin und her zwischen Gegenwart und Flashback, dass man nicht recht weiß, wer jetzt gerade am Drücker ist. In der zweiten Hälfte dagegen regiert der Kampf, der erträglich ist durch die Aussicht auf eine Entscheidung: Am Ende muss Meuffels wie Schweini einen reinmachen, im besten Fall den Schuldigen. Erzählökonomisch hätte man das Grätschen des Mobs vor der Tür versus die dauernde Traineransprache durch den Ermittler in der Kabine, die das Haus von Xaver ist (in tiefster Nacht rotgefärbt durch die Vorhänge wie die Allianz-Arena beim Heimspiel), zügiger verhandeln können. Aber Steinbichler geht es um Atmo, und man kann ihm zugutehalten, dass der Polizeiruf dadurch zu einem eigenen Ausdruck findet.

Was aus der Wundertüte der Investigation dann gezaubert wird – die Vergewaltigung von Xavers Schwester (what a name: Sarah-Lavinia Schmidbauer), der Benny (Peter Dennett) als Sohn dieses Wirtshausfiliuslumichs allerschlimmster Kajüte –, ist nichts, was aufmerksame Kampfrichter als breathtaking Twist mit Höchstnoten belohnen würden. Immerhin zeigt sich hier slighte Modernisierung, wenn der Xaver-Schwester-Mann (Sigmar Solbach in jüngeren Jahren, wenn er massiger gewesen wäre: Michael A. Grimm) den Hustle des Buben über die Entdeckung des Erzeugers mit den Worten befriedet: "Ich hab' dich lieb, alles andere ist egal." So sieht es doch mal aus.

Frau Klein?

Für sich einnehmen kann Schuld durch gewisse Freiheiten im Spiel nach vorn. Die Autofahrten in Meuffels schauem Cabrio ("Der ist von 1976, Respekt bitte") durch diese bezaubernste bayrische Provinz sind von hinten oben (Kamera: Christian Rein) markant eingefangen, dazu überzeugt die Musik (Hans Wiedemann) mit Abstraktion ins Dissonante. Größtes Pfund vons Ganze bleibt indes die Meuffels-Figur, die immer mal wieder in schönster Naivität nach dem verschwundenen Hund des Vaters ruft (what a name: "Frau Klein" – wir kennen, wo wir heute so privatös drauf sind, einen real existierenden, der mit Spitznamen Frau Meier heißt), dessen mieser Tod durch diesen gefühllosen Mob dann auch der Moment war, an dem uns das Herz brach – das kann man doch nicht machen, wo zu gibt's denn Anger-Management-Seminare, da mal hingehen, ist besser, echt.

Lobenswert ist auch, wie Meuffels die in diesem Fall – versuch's nicht mit Realismus – höchst insuffiziente Auszubildende Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) zusammenfaltet, weil sie aus privatem Interesse – der Hochzeitsverhinderung ihrer Schwester mit dem Xaver – sämtlichen Anstand des Polizeiberufs vermissen lässt. Wobei in diesen Moment des Schimpfens der Theaterschauspieler aus Brandt ein bisschen zu weit rausguckt; ein Highlight im Zusammenhang ist allerdings der Einsatz des Richters (der allergrößte André Jung). Und wobei auch noch einmal darauf hinzuweisen wäre, dass der DNA-Beweis mittlerweile als eine Art Supertechnologie zur Täterfindung firmiert – dabei braucht auch der DNA-Beweis eine Geschichte um sich herum, die eventuelle Antithesen ausschließt (eine Bierflasche können viele anfassen), damit er überzeugen. Der DNA-Beweis ist kein Täterfindungssupergerät. Hier zeigt sich eine gewisse Ungenauigkeit des Buchs, die unlängst schon in der Köln-Leipziger-Doppelfolge zu erkennen war – dass eine Spur schon dann den Weg zum Täter weist, wenn sie nur zu jemandem führt.

Einen Narren scheint Steinbichler, der schon die letzte Meuffels-Folge Denn sie wissen nicht, was sie tun inszeniert hatte, am Pförtner Stab (Sigi Zimmerschied) gefressen zu haben, der hier erneut und großräumiger als Orakel sämtlicher Lebensweisheiten auftritt, die zwischen bedeutungsvollem Raunen (finden wir nich' so: "Ein Gericht kann einem Gerücht nichts anhaben, das bleibt ewig") und heiterer Serialität (finden wir besser: "Obacht geben, länger leben") schwanken. Immerhin verdanken wir Stab zwei Apostrophierungen Meuffelsens, die Schule machen könnten: Weniger der "Baron" (weil der uns an eine real existierende Figur aus der Uelzener Szene erinnert, den "Barone"), eher den "Vom Von", den wir marv Meuffels künftig nur noch nennen werden.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Sie schwänzen einen anderen Beruf!"

Ein Dialog, dessen Style uns so was von aus dem Herzen spricht: "Der Edlinger himself"

Ein Befund, der zum Nachdenken anregt: "Eine Prinzessin geht nicht in den Stall"

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21:45 29.04.2012
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