Sobald ich was hab', habt ihr es auch

Tatort Man könnte "endlich" sagen: Köln legt mit "Der Fall Reinhardt" eine äußerst konzentrierte Leistung hin, die sich konsequent in ihren atmosphärischen Schluss ermittelt

Im etwas diffusen deutschen Starsystem ist Ben Becker ein Name mit Gewicht, aber kein Pfund, mit dem sich aktuell wuchern ließe. Komischerweise. Gefühlt gibt es mindestens fünf Kommentatorinnen, die allein wegen des Auftauchens von Becker im Kölner Tatort: Der Fall Reinhardt (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) sich bemüßigt fühlen könnten, hier drunter zu schreiben, dass ihnen Ben Becker auf den Docht geht. Bei seiner Schwester Meret, die bald in Berlin Kommissarin wird, ist das ähnlich, und hat vielleicht auch mit dem Phänomen des noch nie so genannten Katja-Riemann-Überdrusses zu tun – dass man beide in den neunziger Jahren zu oft gesehen hat. Wie auch immer.

Der Fall Reinhardt ist ein Highlight der laufenden Tatort-Saison, uneingeschränkt erstligatauglich, wie das adäquate Etikett zum realen FC lauten würde, ein Lichtblick gerade nach den nickligen, anstrengenden letzten Spieltagen – und das lässt sich auch daran zeigen, wie sich Geschichte (Dagmar Gabler) und Inszenierung (Torsten C. Fischer) Ben Becker zurechtlegen. Die erste Hälfte verbringt der Topstar wie guardiolabefohlen auf der Ersatzbank, die im Fall Reinhardt in Maastricht steht, um erst gegen Ende der Partie eingewechselt zu werden. Allerdings nicht auf der angestammten Position in der Zentrale als Rambo seiner gewaltigen Stimme und seines nicht minder präsenten Körpers, sondern ziemlich runtergefahren in der Defensive.

Es ist ein schöner Witz, dass sich der Tatort für die Rolle des krisenhaften Mannes, der Statusdruck, Rollenerwartung und Selbstbildpressure nur in Cholerik und Flucht in ein neues Leben (das immer schon faul ist von der Lüge, es gäbe einfach keine Vergangenheit), ausgerechnet eine Wuchtbrumme wie Ben Becker wählt. Der ist in so semi-realistischen Kontexten wie diesem schon deshalb schwer vermittelbar, weil Beckers membranbeutelnder Bass für Bibel-Performances im Stadion gemacht ist – also für größere Bühnen als die eigenen vier Wände, in denen Gerald Reinhardt hier nicht ein noch aus weiß.

Out of Kontext

Der Clou des Tatort besteht in der einfachen Idee, Betroffenheits-Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Fab Five Freddy (Dietmar Bär) mal nicht Verdächtigenbingo spielen zu lassen und ihnen alle Viertelstunde einen neuen Kandidaten aus der Trommel zu ziehen, der's dann auch nicht war, wenn's vor 21.25 Uhr ist. Sondern den Ball zu halten in den eigenen Reihen und tatsächlich nur an dem Fall zu ermitteln, in dem's mal steil nach vorn geht und mal hintenrum, in dem Figuren wie Hausmeister Heller mit dem Keller (der große Steffen Scheumann) auftauchen beziehungsweise sich die Aussagen der zerzausten Pushermutter (Susanne Wolff) widersprechen, und man das nicht aufgelöst kriegt wegen ihrer plausiblen Krankengeschichte. Der Fall Reinhardt geht tiefer, was etwa bedeutet, dass die Ermittler nicht nur an den Standardsituationen der Informationsvermittlung Text aufsagen, sondern Dialoge mit Tempo und Resonanz sprechen dürfen ("Das ist jetzt nicht ihr Ernst." – "Nein, das ist mein Beruf").

Büsschen schade ist nur, dass Kontext fehlt. Man kann die Ansätze des Films ("Sie wollte auf unseren Lifestyle nicht verzichten") durchaus als leicht variierte Illustration zu der Titelgeschichte lesen, die die bürgerliche FAS heute ihrer Leserschaft reinzwiebelt ("Eltern auf Genie-Trip. Angebliche Hochbegabung: Kinder leiden unter Leidensdruck"): als Sittenbild einer Mittelschicht, die Heiner Müllers wegweisendes Kapitalismusdiktum ("Für alle reicht's nicht") in das permanente Hühnerfell ihrer Abstiegsangst übersetzt, das sich dann nicht mehr von dem scheinbarlässig-gut gemeinten FAS- oder, klassischerweise, Zeit-Ratschlag wärmen lässt, die ganze Chose mit dem Druck auf sich und die Kleinen mal etwas entspannter anzugehen – das ist doch gerade der Horror!

Nur fehlt dem Film dafür Umgebung oder auch nur Vorlauf: Hier merkt man mal konkret, wie unkool der Tatort-Standard ist, dass gleich nach dem Anpfiff die erste Leiche vorliegen muss. In den siebziger Jahren hätte man da mindestens eine Viertelstunde Eindruck kriegen können vom dysfunktionalem Miteinander einer Familie, in der die Arbeitslosigkeit des Vaters die hochfliegenden Pläne von der Superduperbildung nicht mehr finanziert.

Großer Mann

Aber wir wollen nicht undankbar sein, zumal sich der Film seinen atmosphärischen Schluss in den Klängen von Ben Howard sichtlich erarbeitet hat: Der Fall Reinhardt ist uff jedesten ein Kandidat fürs internationale Geschäft. Schon auch, weil der hinzugezogene Kollege Uwe "Hinten ohne i" Schatz (Roland Silbernagl) eine Entdeckung als straighter Wasserträger ist. Und Tobias "The Hell" Reisser (Patrick Abozen) in der Franzi-Nachfolge mal eine überraschende Wahl darstellt: Man überlegt die ganze Zeit, welche Rolle der in einem dieser Pixar-Disney-Animations-Tier-Filme spielen würde, was ja grundsätzlich hochinteressante Modelle der Weltbeschreibung sind.

Reisser überzeugt durch eine sehr genau verdruckste Anlage (wobei wir die ganze Zeit schon auch fasziniert waren von der akkuratest frisierten Frisur, bei der ziemlich deutlich ist, dass sich die vorderste Haarfront bald an die Mittellinie des Haaransatzes zurückziehen muss). Großer Mann, man muss ihm wünschen, dass er nicht durch unnötige Probleme versaut wird (wird er natürlich).

Gesprächsthemen, die auf Stehpartys selten erschöpfend diskutiert werden: "Sexueller Frust, Demütigung"

Eine Frage, die sich im Sommer stellen könnte: "Aber warum Holland?"

Ein Auftakt, aus dem noch Literatur werden könnte: "Ungefähr eine Woche zuvor war ich im Garten und harkte das Laub"

Ein Verhörer, der nach Magdas Gusto sein dürfte: "Heller ist jetzt pfennig"

21:45 23.03.2014
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