Sonntags Milchreis mit Pistazien

Tatort Eigentlich, aber – so richtig große Gefühle lassen sich für den letzten "Tatort" des Jahres nicht mehr aufbringen. "Der Weg ins Paradies" mit Cenk Batu ist so: mittel

Vorletzter Fall mit Undercover-Cenk (Mehmet Kurtulus) in Hamburg, ehe der da uns in tiefe Depressionen stürzen wird. Ob es im Zeitalter von Til "Ich bin total gegen die FDP" Schweiger noch eine Sprache geben wird, um den Tatort, diese stolze Reihe der gesellschaftlichen Verständigung, überhaupt beschreiben zu können, darüber zerbrechen wir uns frühestens ab Cenks Finale den Kopf.

In Der Weg ins Paradies kommt, was kommen musste, wenn es schon eine Undercoverfigur auf der Suche nach Geschichten in der Gegenwart gibt: islamistischer Terror. Und dabei zeigt der Tatort, dass es Formen der Gewöhnung gibt, die das Undenkbare dann doch wieder zivilisieren: Dass der Vorwurf an den dereinst ins Spätprogramm verschobenen Münchner Polizeiruf vorgeschoben war, konnte man sich auch so denken – dass so ein outstanding Thema wie ein Anschlag mit islamistischem Background jetzt wiederholt als Fiktion gedacht werden kann, das hat aber vielleicht auch sein Gutes, weil es der nebulösen Bedrohung, von der Wolle Schäuble, als er noch Innenminister war, im Konjunktiv II gesprochen hat, etwas Angstmachendes nimmt.

Eigentlich ist Der Weg ins Paradies ganz hübsch erzählt. Zwischendurch ahnte uns, dass die Geschichte gut auch darin hätte bestehen können, allein Cenks mühsamen Weg in die Terrorzelle zu zeigen: Diese Undercover-Arbeit eignet sich ja auch deshalb so schlecht für den Sonntagabendspielfilm, weil die Einführung in die jeweiligen Milieus normalement Jahre dauert, während so ein Krimi immer gleich Fall haben muss.


Da wird sich hier aber Zeit genommen, und diese Prolepsen, bei denen Cenk schon kostümiert gezeigt wird, während sein Führungsoffizier Uwe Kohnau (Peter Jordan) ihm die Lage noch erklärt, das ist ein hübsches Erzählprinzip, das auch den ganzen Film hätte durchgehalten werden können. Zumal es uns, wenn diese Abschweifung gestattet ist, an den legendären Aufsatz von Gabriele Brandstetter über die Anekdote als Form der Bühnenerzählung des nachdramatischen Theaters (vgl. hierzu Brandstetter, G.: Geschichte(n) Erzählen im Performance/Theater der neunziger Jahre, in: TdZ (Hg.): Transformationen. Theater der neunziger Jahre, Berlin, 1999, S. 27) erinnert.

Sind Sie noch wach? Es gibt – so kurz vor Jahresende, der letzte Sonntagabendkrimi 2011 – gewisse Ermüdungserscheinungen, weshalb uns stärkere Gefühle für diesen Tatort schwer fallen. Was auch daran liegt, dass er so mittel ist. Am Anfang, dicke Hose, jamesbondesk, exotischer Schauplatz, aber schon da stimmt das Timing nicht so ganz, in dem diese Polizisten den jungen Stutzer mit der Handgranate auf dem richtigen Klo finden. Und so isses dann die ganze Zeit – eigentlich schöne Entwicklung, aber diese Terrorzelle schwankt zwischen eben wieder nur zwischen Ernstfall und Parodie. Die Zweifel etwa bei Akbar (Murali Perumal) scheinen für die Vorstellungen, die wir von total convinceten, der Realität abgeschworen habenden Selbstmordattentätern haben, jedenfalls etwas zu groß zu sein. Mag sein, dass unsere Vorstellungen falsch sind, aber der gesprengte Bus am Ende ist wohl eher wegen des Pyro-Effekts drin, als dass er der Logik auf die Sprünge helfen wollte. Ob man Fundamentalisten tatsächlich mit einer elaborierten Koran-Lektüre kommen kann, so wie Cenk das probiert? Doubt it.

Dass sich die Zelle so halbdämlich anstellt, legt Verbindungen zu der Islamistic-Terror-Parodie Four Lions nahe, die aber naturgemäß nicht konsequent verfolgt werden. Dabei ist das Superbrain Christian Marshall (Ken Duken), das mal so eben den Sprengstoff aus der elterlichen Garage abholt, ein schöner Witz. Dieser Tatort (Regie und Buch: Lars Becker) pendelt einfach zu sehr zwischen genauer Erzählung und hanebücheskem Kram, wozu auch die Sonntagspredigt von Vater Marshall gehört. Und warum die Attentäter die große Nummer bei den Afghanistan-Veteranen im Hotel nur für den längst durchschauten Cenk inszenieren, damit dann irgendein Bus hochgeht, das erschließt sich nicht so recht. Der immer wieder inszenierte Dissens zwischen Kohnau und Cenk wirkt etwas albern, wo man doch nach einem guten halben Dutzend Folgen weiß, dass die beiden im Grunde "so" sind.

Martin Brambach forever!

Ein schöne Pointe ist immerhin, dass ausgerechnet der Super-Cenk-Body am Ende die Zweifel an seiner Rolle befördert: Gerade weil der so makellos ist (niemand darf einen tieferen V-Ausschnitt tragen als Cenk!), kann er nie ein syrisches Gefängnis von innen gesehen haben. Die Liebesgeschichte mit Boutiquen-Gloria (Anna Bederke) hat etwas; fast möchte man hoffen, dass das Cenks way out aus dem Tatort beim nächsten Mal sein wird – nach all den Umzügen, dem unsteten und einsamen Undercoverleben hätte er sich das verdient. Den großen Martin Brambach (hier als BK-LKA-Chief) sehen wir immer wieder und in jeder Rolle gern ("Cenk Batu, endlich mal live, klasse"), und nach allem, was man von übergeordneten Behörden im Rahmen der Zwickauer Nazi-Zelle erfahren hat, wird das Kompetenzgestümper, das auch hier performt wird, von uns fortan nur noch als ungemein glaubhaft und realistisch betrachtet.

Joyeuses fêtes. Weiter geht's hier am 1. Januar mit Ludwigshafen: "Tödliche Häppchen".

Ein religiös motivierter Kalenderspruch, dem man dringend Erfüllung wünscht: "Wer seinen Verstand nicht gebraucht, auf den wird Schlechtes niedergehen"

Ein Satz, der die Schärfe rausnimmt: "Das macht er immer" (Kohnau auf die Frage der BK-LKA-Psychologin, warum Cenk so böse gucke)
 

21:45 18.12.2011
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