Spaß

1968 André Müller sen. macht einen schönen Witz

Man kann etwas müde werden, wenn man betrachtet, was "1968" allein in diesem Jahr alles nachgerufen wurde. Dennoch sei hier noch einmal der Versuch gewagt, im Hin und Her von wärmenden Erinnerungen und heißen Beschimpfungen auf einen außerordentlichen Beitrag zum Thema zu verweisen. Es handelt sich um den Roman Am Rubikon und das Schicksal seiner Nichtbeachtung. 1969 als Idee gereift, 1975 fertig und hernach in Kleinstauf­lagen kaum wahrgenommen, ist Am Rubikon jetzt wieder erschienen.

Die Erklärung für die Nichtbeachtung ist so einfach wie verzwickt und überdies ungerecht. Am Rubikon macht sich aus der APO kühl einen Spaß. Der Autor ist André Müller sen., ein Dramatiker, Shakespeare-Forscher und DKP-Mitglied aus Köln, der im großen Chor der Linken seine eigene Stimme singt. Diese Tonlage hielt sonst nur noch Peter Hacks, mit dem Müller eng befreundet war und das Ideal einer sozialistischen Klassik teilt. In letzten Jahr veröffentlichte Müller den Roman Anne Willing oder Die Wende vor der Wende, der in der Linie Hacksens das Ende der DDR auf den Sturz Ulbrichts terminiert. Der Bericht über den entscheidenden Parteitag ist die ungemein atemlose Beschreibung eines bühnenreifen Spektakels; es geht um die Ostberliner Künstlerszene jener Jahre und die RAF, vor allem aber um die Liebe, die ein seltsames Spiel der Geheimdienste ist, was dem dicken Buch erquickliche Spannung verleiht.

Spannend ist auch Am Rubikon, und man schätzt den Roman, der in seiner staunenswerten Perfektion durchgestalteter wirkt als Anne Willing, nicht gering, wenn man zu dem Schluss kommt, dass sonst nur Johannes Mario Simmel auf die Idee von so viel doppeltem Spiel hätte abheben können (um im flachen Flussbett des Melodramatischen zu landen). Bei Müller ist dagegen jeder Witz ein politisches Statement, seine Verachtung für die Bürgerkinder, die 1968 den Aufstand proben, streicht die Satire, in die er sie steckt, lustvoll heraus: in einer Sprache, die in ihrem gezierten Stolz lässig die Nase rümpft über Aktionismus und Akademismus der 68er. Wo heute noch Filme oder Bücher, die 1968 nie erlebt haben, sich an der Abenteuerromantik des Revolutionären laben, steht Müllers Protagonist Stefan Heyer in der ersten Szene des fulminanten Eingangskapitels unbeteiligt am Rande einer Straßenschlacht, um sich von seinem NPD-Cousin erklären zu lassen, dass der eigentliche Feind einer nationalen Gesinnung die CDU/CSU sei. Heyer ist der gröbste Scherz, den Müller sich erlaubt: ein Gelegenheitszuhälter ohne Nachtlager, ein Frauenbetörer, der seine unbedeutende Zeit am Berliner Ensemble zur Neudeutung des Theaters umdeklariert. Ein charmanter Schwätzer, der sich das Leben so inszeniert, dass die Hauptrolle immer ihm zufällt: Erst richtet er die Rettung zweier Kommunardinnen vor der Polizei in einem Café so ein, dass er seine Rechnung nicht bezahlen muss. Später macht er aus der Kommune die Druckerei, die ihm der Cousin nicht finanzieren wollte. In der Kommune wie im wahren Leben schläft er mit allen Frauen, was erst durch die aberwitzig protokollarische Herleitung eines Trippers offenbar wird. In der Kommune lebt übrigens auch ein Denunziant aus Anstand, der gemeinsam mit einem frustrierten Polizisten (dessen Name Biermann kein Zufall ist) am bewaffneten Kampf arbeitet.

Wer solchen satirischen Defätismus ablehnt, übersieht zum einen, dass der Roman sich weiter verbreiteten Kritikpunkten an 1968 (etwa der Ambivalenz der Promiskuität) so wenig entziehen kann wie einem beinahe versöhnlichen Schluss - weil es der klassischen Ästhetik, der sich Müller verpflichtet fühlt, nicht um die Feier eines negativen Helden geht. Und zum anderen: dass Am Rubikon ein intelligenter Spaß ist, selbst wenn man weder Müllers politische noch ästhetische Ansichten teilt.

André Müller sen. Am Rubikon, VAT, Mainz 2008, 300 S., 14,90 EUR

Anne Willing. Das Neue Berlin 2007, 462 S., 19,90 EUR

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00:00 18.12.2008
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Ausgabe 39/2020

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