Spiegeln ohne Brimborium

Medientagebuch Regelmäßig kutschiert Arte zwei Prominente eine Nacht durch eine Stadt. Dirk von Lowtzow und René Pollesch zeigen, wie so ein Abend auch ohne Knallchargen funktioniert

Wer spiegelt am besten? Die psychoanalytisch inspirierte Vokabel trifft den Reiz der Arte-Reihe Durch die Nacht mit... durchaus. Seit fast zehn Jahren und mehr als 80 Folgen kutschiert der Kultursender zwei Prominente in einer Limousine durch einen gemeinsamen Abend. Ohne Moderator, für das Gespräch müssen beide sorgen, was Beobach­tungen über den „echten“ Menschen hinter der Prominenz zulässt.

So wirkte etwa die legendäre Folge Durch die Nacht mit Christoph Schlingensief und Michel Friedman (2003) wie ein Vorspiel, ohne das der „Paolo-Pinkel-Skandal“ um Friedmans Drogenkonsum und Sexarbeitinvestments nicht zu erzählen gewesen wäre: Friedmans groteske Großkotzigkeit („Dr. Arsch, bitte!“) wurde von Schlingensiefs lausbubenhaftem Staunen in Höhen getrieben, von denen ihn der folgende Fall erst herunterholen konnte.

Knallchargen bringen Stimmung

Das boulevardeske Format scheint also am besten mit professionellen Selbstdarstellern zu funktionieren (der in dieser Kunst unerreichte Christoph Schlingensief nahm allein drei Mal teil). Und so setzt Arte immer wieder auf Knallchargen, von denen, wenn nicht „Eklat“, so doch „Stimmung“ zu erwarten war. Zuletzt spiegelten sich Henryk Broder und Kai Diekmann gegenseitig: Broders pseudokritische Fragen an den „Bild“-Chef hatten naturgemäß nichts mit Kritik zu tun, sondern nur mit der scheinbar dissidenten Selbstverliebtheit, in der Broder sich gefällt. Der krampfhaft um gesellschaftliche Anerkennung bemühte Diekmann scheiterte derweil daran, in der Unterstützung eines in jeder Hinsicht prekären Malerfreundes so etwas wie Kunstsinnigkeit oder soziales Engagement zu inszenieren, und es einmal nicht wie Herablassung aussehen zu lassen.

„Wer spiegelt am besten“, sagt der Theatermacher René Pollesch nebenbei, in der aktuellen Folge von Durch die Nacht mit... Begleitet wird er vom Toco­tronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Dass diese Paarung vor allem Einigkeit verspricht, mag Befürwortern von „Stimmung“ als Beleg für die Notwendigkeit von Broderdiekmannfriedmans taugen.

Tatsächlich kann man in der Pollesch-Lowtzow-Nacht von Pollesch und Lowtzow aber auch das Modell einer zeitgemäßen Kritikerattitüde ent­decken, die für die Vermittlung ihrer Position des Brimboriums nicht bedarf. Das trifft auf Pollesch stärker zu als auf Lowtzow, von dem als Tocotronic-Frontmann ein gewisses Bühnenimage existiert, das hier variiert werden kann. Bei Lowtzow kann man nicht immer sagen, ob es zarte Eitelkeit oder schüchterne Unsicherheit ist, die seinen angenehm ungelenken Konfirmanden­körper durch die Berliner Nacht zwischen Studio, Rambazamba-Theater, Volksbühne und globalisierungs­kritischer Kunstausstellung treibt. Das Faszinierende an Polleschs Präsenz besteht an dem Nebeneinander von scharfer Theaterkritik und einem ungemein freundlichen Umgang: Statt Lowtzow mit der Frage nach einem Aschenbecher zu unterbrechen oder achtlos auf den Boden zu aschen, öffnet er im Studio die Hand, um die Asche seiner Zigarette abzuklopfen.

Am Ende bleiben von der Sendung auch die eingängigen Sätze, die jeder über die Kunst des jeweils anderen äußert. Pollesch beschreibt den Eindruck von Tocotronic treffend als den einer Band, bei der weder Text noch Musik irgendeine Form von Autorschaft beansprucht. Und Lowtzow sagt den schönen Satz, dass ausgerechnet die einstündigen Inszenierungen Polleschs die einzigen Theaterabende sind, „die ich mir stundenlang an­gucken könnte“.

Durch die Nacht mit René Pollesch und Dirk von Lowtzow Dienstag, 5. April 0.30 Uhr, Arte

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

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