Sprache ist ein Geräusch

Kino Auf den dritten Blick haben sie tatsächlich etwas gemeinsam: Tom Hoopers kalkuliert-perfekter Oscar-Kandidat "The King's Speech" und Harmony Korines "Trash Humpers"

Auf den ersten Blick haben die beiden Filme The King’s Speech von Tom Hooper und Trash Humpers von Harmony Korine nicht mehr miteinander zu tun, als dass sie beide in dieser Woche ins Kino kommen – wobei der Oscar-Kandidat The King’s Speech mit weitaus mehr Kopien an den Start geht als der Independent-Film Trash Humpers, der in wenigen Städten (etwa Berlin, München, Bochum) zu sehen und alsbald als DVD erhältlich sein wird.

Auf den zweiten Blick nehmen die Gemeinsamkeiten nicht zu. Mit The King’s Speech erzählt Hooper, der bislang vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat, ein Historiendrama von kühler Perfektion. Es geht um ein Krisenmoment im englischen Königshaus, das Jahr 1936, das Hooper mit einigem Vorlauf und am Los des stotternden Prinz Albert schildert: Nach dem Tod von George V. übernimmt der Erstgeborene, der filouhafte Edward VIII. (Guy Pearce) das Zepter, dankt nur wenig später ab, um eine zweimal geschiedene Amerikanerin zu heiraten. In die Verantwortung gedrängt, folgt ihm Albert, der als König George VI. bis 1952 amtiert, ehe seine Tochter Elisabeth II. den Thron besteigt.

Mit den Fakten nimmt es Hooper nicht zu genau: Die Angst vor der Ansprache muss der stotternde George VI. im Film erst in dem Moment bewältigen, in dem es ums Nationale geht – die Einschwörung der Bevölkerung auf den Krieg gegen Deutschland; tatsächlich hatte Albert/George VI. seine Probleme schon früher mit Hilfe des unkonventionellen Logopäden Lionel Logue therapiert.


Interessant an The King’s Speech ist dreierlei: die Subjektivität der Kamera, die sich vagere Weitwinkel-Einstellungen erlaubt, als man das von majestätischen Historienpanoramen gewohnt ist; das Bewusstsein von der Monarchie als Rollenspiel fürs Volk, das seine Erwartungen erfüllt sehen will, was gerade durch das Zaudernde an Albert/George VI. offenbar wird; und vor allem die Leistung der Schauspieler. Helena Bonham Carter gelingt eine prägnante Darstellung der „Queen Mum“, Jeffrey Rush spielt Lionel Logue als selbstbewusst-gewitzten Demokraten und Colin Firth (Foto) brilliert als verhinderter Dandy des Maliziösen, dessen Mimik kunstvoll ist, ohne manieristisch zu sein.

Das hat mit Harmony Korines antinarrativer Videofilmhommage Trash Humpers auf den dritten Blick doch etwas etwas zu tun, insofern The King’s Speech das Historiendrama öffnet und modernisiert in einer Weise, die den Raum für Gegenentwürfe eng macht. An The King’s Speech kann man sehen, dass die Linie zwischen Mainstream- und Independentkino so einfach nicht zu ziehen ist – weshalb Korine, der durch seine Zusammenarbeit mit Larry Clark (Kids, Ken Park), vor allem durch seine Filme Gummo und Julien Donkey-Boy der ästhetisch aufreizendste Außenseiter des amerikanischen Kinos war, in Trash Humpers in eine konzeptionelle Radikalität flüchtet.

Auf den flächigen, grellen Bildern seiner Heimvideo-Ästhetik sind drei junge Menschen mit Alte-Leute-Masken zu sehen, die allerlei Unsinn machen (Mülleimer begatten, daher der Titel, Fernseher zerstören, ekliges Essen kochen) und dabei vor allem über wortferne Geräusche kommunizieren. Interessant daran ist wiederum, dass Korine damit ein Leben in seiner Heimatstadt Nashville erschließt, für das die Kamera, die eine Geschichte erzählen will, nur Sozialromantik oder Verachtung übrig hätte. Das Problem von Trash Humpers ist zugleich seine Stärke: eine Konsequenz, die letztlich aber auch als Weigerung zu verstehen ist.

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16:00 16.02.2011
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Ausgabe 38/2020

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