Matthias Dell
19.08.2009 | 17:00 8

Stirb langatmig

Kino Quentin Tarantino ­besiegt in seinem neuen Film die Nazis. Trotzdem scheitert „Inglourious Basterds“ ­an seinen ­Darstellern

Der Name Quentin Tarantino ist verbunden mit einem Versprechen. Er schürt Erwartungen, verspricht ungeahnte Freuden und hält einen riesigen Apparat an Gerüchten und Anekdoten am Laufen. Das Versprechen, das Quentin Tarantino gibt, handelt, grob gesagt, von einer Verdopplung des Kinos, das in seiner gewöhnlichen Form, als erstes Kino, eine wirtschaftliche Unternehmung, ein ästhetisches Vergnügen und eine intellektuelle Herausforderung ist, zuallererst aber eine Sehnsucht nach Unterhaltung, Ablenkung, Entdeckung von etwas anderem als dem, was das so genannte Leben tagtäglich an Wendungen und Wiederholungen für seine Darsteller bereithält.

Das Kino, für das der Name Quentin Tarantino steht, verdoppelt diese Sehnsucht, weil es eine Art Kino des Kinos ist: Es nimmt die Bilder, die es überall findet, wo die populäre Kultur sich welche gemacht hat, und am liebsten da, wo es mit dem Bildermachen dreckig, billig und schnell gehen musste, und zimmert aus diesen Bildern einen Kosmos neuer Bilder, die lustvolle Verweise, ernst gemeinte Hommagen und trotzdem immer auch ganz eigene Bilder sind. So ist in fast zwanzig Jahren ein überschaubares Oeuvre aus sechs Filmen (Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1 und 2, Death Proof) und einigen Fußnoten (Four Rooms-Episode, From Dusk till Dawn-Drehbuch, E.R.-Regie, usw.) entstanden, das zugleich unüberschaubar ist in seinen Verbindungen zur Film- und Bildergeschichte unserer Zeit.

Für die Aufnahme des neuesten, siebten Tarantino-Films Inglourious Basterds in Deutschland wurde das Versprechen Tarantino lange vor dem Filmstart in dieser Woche gegeben, weil Inglourious Basterds in Deutschland gedreht wurde und Nazi-Deutschland zum Thema hat. Also setzte die Verzauberung schon im letzten Jahr ein mit Berichten in Klatschspalten über Castings mit Schauspielern, die dem hiesigen Betrachter aus eher schlichten, lebenstristen Varianten des ersten Kinos vertraut sind, von Kneipenbesuchen in Berlin-Kreuzberg oder Filmvorführungen in Potsdam-Babelsberg bis hin zu den obligatorisch hymnischen Drehbuchrezensionen. Das war, neben dem Tratsch, der sich an ferner Berühmtheit labt, wohltuend schon deshalb, weil diese Geschichten die staatsbesuchshaften Geschichtsverhandlungen, die den Dreh des Tom-Cruise-Vehikels Operation Walküre ebenfalls in Berlin begleitet hatten, mit Lässigkeit schlug.

Noch einmal: Hitler spielen

Zur Geschichte der Vorfreude gesellten sich weiterhin Berichte von der Premiere aus Cannes, in denen sich die ganzen deutschen Darsteller noch ungewiss waren, ob ihre Szenen überhaupt in dem fertigen Film vorkamen, und aus denen schließlich der österreichische Schauspieler Christoph Waltz, dessen Potential zuvor das wache Betrachterauge und wenige Regisseure wie Oskar Roehler (Der alte Affe Angst) erkannt hatten, wie wiedergeboren als Preisträger hervorging. Die letzten Töne in diesem Crescendo größter Hoffnung bildeten schließlich Interviews mit Tarantino oder auch seinen deutschen Darstellern, die davon handelten, dass sie das, was sie nie mehr tun wollten, hier noch einmal taten (Martin Wuttke: Hitler spielen) oder das, was noch keiner von ihnen verlangt hatte, hier endlich einmal tun durften (Christoph Waltz). Die Lunte der Verheißungen glomm also bereits lichterloh, ehe sich das Versprechen von Tarantinos Kino in dieser Woche nun für alle Zuschauer aufs Neue materialisiert: Inglourious Basterds kommt in die Kinos.

Der Film ist langweilig.

Dieses Urteil mag, angesichts der Erwartungen, spielverderberisch sein und, angesichts des Gegenstandes, geschmäcklerisch wirken. Denn naturgemäß lässt sich auch Inglourious Basterds mit Bedeutung aufladen allein durch die Zitate, die heavy user der Bildarchive nicht ohne distinktiven Stolz heraussuchen können. Denn naturgemäß ist die Idee bestechend, dass das Kino, diese Illusionsmaschine, sich um die historischen Gegebenheiten – mit deren scheinbar akkurater Rekonstruktion jede Zeitgeschichtsverfilmung in Deutschland für sich wirbt – einen feuchten Kehricht schert und das inszeniert, was der Wirklichkeit nie gelungen ist: ein Ende zu machen mit dem Nazi-Spuk, das Attentat auf Hitler und seine Entourage mit aller Lust zu planen und kunstvoll durchzuführen. Dazu in einem Kino, während der Projektion eines Nazi-Heldenfilms, in dem der gefeierte Soldat (Daniel Brühl) sich selbst spielt und plötzlich unterbrochen wird von einem anderen Film, einer extra angefertigten Low-Budget-Produktion, die beim Rollenwechsel eingefügt wird in die Heldenfiktion, und aus der die zu Beginn geflüchtete, aus ihrer Familie einzig überlebende, jüdische Filmvorführerin Shoshanna (Mélanie Laurent) den Besuchern mit Blick in die Kamera ihren Tod verspricht.

Die Langeweile erklärt sich etwa aus der ersten Szene, die genau das nicht ist: langweilig, die eine Spannung hält durch eine Langsamkeit, die Sehgewohnheiten zuwider läuft. Ein abgelegenes Haus in Frankreich 1941, eine SS-Einheit die anrückt und ein SS-Mann, Hans Landa (Waltz), der „Judenjäger“, der den ansässigen Bauer in vollendeter Höflichkeit verhört, der manieriert an den Handschuhen zupft und kultiviert um Milch bittet, und der an jede Frage einen Kommentar heftet, der alles, was er sagt, verdoppelt, indem er es erklärt: Christoph Waltz beherrscht diese Szene mit seinem filigranen Spiel und dehnt die Zeit zu etwas, das bei Hitchcock Suspense hieß. Aber Christoph Waltz spielt nur eine der Rollen in Inglourious Basterds, und die anderen spielen ihre Rollen anders. Brad Pitt etwa, der den Kommandanten einer von dem Film Inglorious Bastards von 1978 inspirierten Einheit von versprengten Nazijägern gibt, ist eine recht eindimensionale Figur, deren Dialoge eher an das Mackertum von gewöhnlichen Actionhelden erinnert als an kunstvolle Abschweifungen über scheinbare Lappalien wie Hamburger-Namen, Bibelzitate oder Superman-Paradoxien wie sonst bei Tarantino.

Tarantinos Filme waren immer langsam, und Tarantinos Größe bestand immer darin, Schauspieler (wieder) zu finden (John Travolta, Pam Grier, David Carradine), die diese Langsamkeit behaupten konnten. Bei seinen deutschen Castings ist er, von Ausnahmen abgesehen (Waltz, Wuttke, Sylvester Groth als Goebbels, August Diehl), auf Mittelmaß gestoßen. Es gibt eine Szene, in der Til Schweiger auf seine Befreiung aus einem Nazi-Gefängnis wartet, und Til Schweigers Fähigkeit, dieses Warten mit etwas anderem als einer plumpen Pose auszufüllen, erweist sich als außerordentlich limitiert. Es gibt eine andere Szene, in der eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten Karten spielt in einer Bar, und noch ehe man sich fragt, ob man den einen nicht aus zähen Sat1-Comedy-Formaten kennt, weiß man, dass er in diesem Film nichts zu suchen hat. Es gibt eine Frauenrolle in diesem Männerfilm, die Diane Kruger spielt, und wenn man bedenkt, was Frauenrollen in Tarantinos Männerfilmen an Glanz und Stolz verbreitet haben (Uma Thurman, Pam Grier, Maria de Medeiros), dann wähnt man sich angesichts von Krugers Blässe im falschen Film.

Inglourious Basterds scheitert am Gros seiner Darsteller, die in ZDF-Fernsehfilmen ihre Bestimmung finden könnten. Er leidet aber auch unter seinen, für Tarantinos Verhältnisse, wenig originellen Dialogen, dem unterkomplexen Plot und seiner Konzeption: Dass Tarantinos Kino die Wirklichkeit bezwingt, die es entwirft, ist mittlerweile eine eben so tautologische Aussage wie die, das Steven Spielbergs Kino nach einem Vater sucht, den es nicht hat. In Inglourious Basterds wird dieser Zug von Tarantinos Kino mit einer Deutlichkeit inszeniert, die den Betrachter verstimmt, wenn ausgerechnet ein englischer Filmkritiker, der deutsches Kino liebt, ein Attentat auf Hitler in einem Kino plant.

Die Enttäuschung über Inglourious Basterds liegt möglicherweise auch am Stoff. Der Nazi als Kinofigur ist ein Bild, das seit 70 Jahren derart penetrant wiederholt wird, dass seine spielerische Verdopplung bei Tarantino in Wirklichkeit eine Verflachung ist. Böse gesprochen: Der Trash der Vergangenheitsbearbeitung, also Filme wie Inglorious Bastards (1978) oder Shock Waves (1976), die sich seit je eigene Vorstellungen von der Geschichte gemacht haben, sind in ihrer Unfertigkeit und Abwegigkeit womöglich inspirierender als Tarantinos handwerklich hochprofessionelle, reanimierende Bedeutungshuberei.

Kommentare (8)

Mikael Krogerus 24.08.2009 | 17:56

"Death Proof" muss man, wie übrigens auch "From Dusk till Dawn" und den wirklich fragwürdigen "The Hostel", ausserhalb der grossen Tarantino-Filme verstehen, glaube ich. Denn Tarantinos Tick ist ja: Dekor und Ausstattung, Popmusik und Dialog, Zitat und neue/alte Darsteller. Und weil das aufwändig ist, macht er das nur alle paar Jahre. Die Zeit dazwischen vertreibt er sich, indem er mit seinem prolligen Buddy Rodriguez absolut schmerzfrei brutale Filme deht. Das muss man ihm nachsehen. Mein Problem ist, dass er bei "Ingl. Bastards" offensichtlich zum ersten Mal trotz grossem, ernsthaftem Aufwand danebenliegt.

Cabal 27.08.2009 | 01:59

dieser Artikel hat mich in der Auffassung bestätigt, Film-, Buch- oder sonstige Kritiken erst dann zu lesen, wenn man sich selbst eine Meinung gebildet hat. Denn in diesem Fall lässt sich die Meinung eines bis auf den letzten Platz ausverkauften Kinosaals so beschreiben: Das Publikum hat einen Tarantino-Film genossen und am Ende - Achtung! - auch noch applaudiert. Über die "Langatmigkeit", "wenig originellen Dialoge" oder "Enttäuschung" scheint also noch nicht das letzte Wort gefallen zu sein ;) In jedem Fall behaupte ich: die Mehrzahl dieser Besucher (mich eingeschlossen) kann sich der Kritik von Herrn Dell nich anschließen.

mfg

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mkeipert 01.09.2009 | 01:42

Gute Kritik, die die Schwachstellen wie die Stärken von I.B. gut auf den Punkt bringt. Ich habe den Film durchaus genossen, und zwar wegen teilweise grandioser Schauspielerleistungen (C. Waltz), teilweise absolut fesselnder Szenen, in denen Witz, Langsamkeit und Suspense richtig dosiert waren (Kapitel Eins), wegen einer ästhetischen Qualität, die man von Tarantino ja erwartet. Gleichzeitig blieb aber das große Kino-Erlebnis aus. Auf die Frage, wie Brad Pitt war, fällt einem nicht fiel ein; die Probleme des Drehbuchs und der Umsetzung hat M. Dell gut erfasst.
Würde mich nicht auf eine "ethische" Diskussion einlassen, dafür ist der Streifen gar nicht angreifbar genug. Ein schöner Film, dem die Qualität zum Kino-Klassiker fehlt.
Nach dem Film die - in der Regel sehr jungen - Zuschauer auf der Straße: das ist halt Tarantino, cool... In dem Sinn wird der Nazi-Film entnazifiziert, was bleibt, ist ein weiterer popkultureller Tagesordnungspunkt, nicht mehr, nicht weniger.