Matthias Dell
Ausgabe 2317 | 17.06.2017 | 06:00 9

Suche nach der Schuld

Dokumentarfilm Die Dänin Signe Astrup spricht mit den Funktionseliten der DDR, um die sich niemand schert: „Die vergessene Armee“

Suche nach der Schuld

Frühere Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) beim Aufmarsch

Foto: Stephan Bögel

Am 5. März 2011 produzierten einstige Angehörige der Nationalen Volksarmee und anderer DDR-Sicherheitsorgane eine Meldung. 100 Leute hatten sich in den Uniformen der 1990 aufgelösten DDR-Streitkräfte zu einer Feier in der dafür angemieteten Cafeteria des Berliner Tierparks versammelt, vorneweg der vor einem Monat verstorbene Ex-Verteidigungsminister und -Armeegeneral Heinz Keßler. Anlass war der 55. Jahrestag der NVA-Gründung.

Das Schauspiel erregte kurz Aufmerksamkeit in Berliner Zeitungen, der Tagesspiegel schrieb etwa vom „Aufmarsch einer Geistertruppe“ – und dann herrschte wieder Ruhe. Für die dänische Filmemacherin Signe Astrup war die Meldung dagegen der Beginn eines langjährigen Projekts – in dem Dokumentarfilm Die vergessene Armee spürt sie den Funktionseliten der DDR nach, einer Gruppe von Menschen, die für die deutsche Gegenwart keine Rolle spielen, die unsichtbar sind, wenn sie nicht gerade NVA-Geburtstag spielen, die allenfalls Erwähnung finden, wenn DDR-Opferverbände zu einem Jahrestag reden dürfen.

Die vergessene Armee ist leider kein guter Film. Astrup schneidet hin und her zwischen den skurrilen Parade-Übungen und kurzen Statements, es gibt unzählige O-Ton-Geber, die man Protagonisten nicht nennen kann. Die Bilder sind wurschtig. Und es ließe sich durchaus darüber diskutieren, ob ein Dokumentarfilm Figuren wie das Ehepaar Fischer (er vormals bei der Marine, sie Ärztin), mit dem Die vergessene Armee beginnt, nicht schützen müsste in deren Interesse: Alte Leute, die sichtbar angefasst und im Stehen ihren Trotz in die Kamera hineinreden („Es geht ums Gedenken an die DDR“) gibt es unzählige. So qualifiziert sich niemand als Charakter für einen Dokumentarfilm.

In Astrups Film sind die Schwierigkeiten seiner Entstehung sichtbar. Die in zahlreichen Verbänden organisierten einstigen Funktionsträger sind Menschen, die Scheu haben vor der (medialen) Öffentlichkeit – weil sie nur Demütigung erwarten, mit Vorführung und Schuldzuweisung rechnen; vielleicht auch, weil sie diffus Angst haben davor, dass das Gespräch mit dem Draußen ihre Selbstverkapselung aufbrechen könnte. Womöglich ist auch der Kontrollverlust, plötzlich Objekt von Berichterstattung und nicht mehr Subjekt von Befehlsausgabe zu sein, schwer zu ertragen für Leute, die Kontrolle gewohnt waren.

Astrup, die Außenseiterin aus Dänemark, ist gescheitert beim Versuch, den von ihr Porträtierten näherzukommen. Es gibt immerhin Momente, in denen sich andeutet, was am Stoff interessant ist, wenn die Uniformität der Ex-Armisten und -Stasi-Leute andifferenziert, der Konflikt zwischen den „Radikalen“ und den „Legalisten“ innerhalb der Erinnerungsverbände angesprochen wird. Wenn ein Ex-Grenzer nach dem „Danke“ der Regisseurin nicht aufhören will zu reden und es plötzlich um Schüsse an der Mauer geht, die offenbar nicht so leicht zu verarbeiten sind, wie es das sonst produzierte hermetische DDR-Bild tut.

Opfer und Täter brauchen sich

Wenn Bernd L., der aus Phantomschmerz wie eine Christian-Ulmen-Figur Streife läuft am Alexanderplatz und die richtigen Polizisten von heute auf „Unfallquellen“ hinweist, durch den Film in seiner Stasi-Akte liest und ein paar Sätze lang eine krasse Biografie auftaucht: der unbekannte leibliche Vater, die misshandelnde Mutter, das Heim, die Arbeit, die er dem Leben mit der Frau vorzieht, die dann doch schockierende Entdeckung, dass er, L., der 24-Stunden-Schichten für seinen Staat geschoben hat, von diesem selbst überwacht wurde durch einen Spitzel, dem er viel anvertraute. Wenn eine Gruppe von Ex-Armisten Christian Petzolds Film Barbara (Freitag 10/2012) guckt, in dem eine Inhaftierte aus dem Jugendwerkhof Torgau flieht.

„Das grenzt schon an Hetze“, sagt einer. „Mein Schwiegervater war der Leiter“, ein anderer, und danach müsste das Gespräch losgehen, das sich für die körperlich spürbaren Widerstände interessiert, die der Film bei diesen Zuschauern auslöst, für die Tiefe der Verletzung, die dort aufbricht.

Natürlich gibt es wichtigere Probleme, als sich um die Funktionseliten der DDR zu kümmern. Und damit sind nicht die Opfer des DDR-Regimes gemeint, für die sich auch keiner interessiert. Jochen Hicks Film über Mario Röllig (Der Ost-Komplex, Freitag 45/2016) hat das anschaulich gemacht, wenn sich homosexuellenfeindliche CDU-Kreisverbände den schwulen Zeitzeugen einladen, um sich für einen Jahrestagstermin besser zu fühlen als die DDR.

Zugleich konnte man bei Hick schon erkennen, wie sehr sich Opfer und Täter von einst brauchen, weil keiner von beiden seine DDR und die damit verbundenen Gefühle loslassen kann, weil die jeweils andere Seite die einzige ist, die noch weiß, wovon man überhaupt spricht.

Astrups Film deutet also gerade in seiner ästhetischen Hilflosigkeit auf einen blinden Fleck im deutschen Bezug auf die DDR-Geschichte. Es gibt hierzulande keine Idee davon, wie in einer „christlich-abendländischen Kultur“ (Thomas de Maizière) Versöhnung oder wenigstens Vermittlung versucht werden könnte. So regieren die Reflexe wie zuletzt in der Debatte um Andrej Holm als Staatssekretär in Berlin. Dabei ist es eine interessante Frage, ob es für das gesellschaftliche Miteinander nicht hilfreich wäre, einen anderen Umgang mit der Schuld von damals zu finden.

Wie nah alles beieinander liegt, zeigen die Auftritte der Ex-NVA-Soldaten im Film bei einer Kranzniederlegung in Uniform am Sowjetischen Ehrenmal: Die Zeremonie wird von den umstehenden Touristen eifrig gefilmt, weil sie sich kaum unterscheidet von den Schauspielern, die am Checkpoint Charlie für Geld auf Fotos posieren. Die um ihren Stolz ringenden DDR-Eliten sind die Kasperles im Besuchsprogramm.

Info

Die vergessene Armee Signe Astrup Deutschland 2016, 88 Min.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/17.

Kommentare (9)

luddisback 17.06.2017 | 14:12

ich hörte mal einen professor im d-radio sagen, dass es seit dem römischen reich keinen umsturz/machtwechsel gegeben habe, bei dem eliten/funktionsträger in dem ausmaß ausgetauscht wurden, wie nach der wiedervereinigung. es berührte mich sehr, das miterlebte aus dieser perspektive zu betrachten. man weiß ja auch, wie es nach 45 lief. wer genau also sägte hier was ab?

und ich denke gerade, vielleicht sind auch deshalb solche filme, ob gut oder weniger gut, wichtig/wertvoll. sie filmen etwas ab, das in der siegergeschichtsschreibung hinter dem post-it mauerschütze/stasispitzel eine simple schurkenrolle spielen muß, vielleicht ist das auch die ganze motivation, echte schurken hautnah! aber ein späterer, nichtkonditionierter zuschauer wird vielleicht eine ganze generation von funktionsträgern eines untergegangenen landes in den bildern erkennen können. eine wahrheit, im prinzip aus der offiziellen erzählung herausgeschnitten. der brüllende offizier bei meiner musterung. der war dann nett, als ich wegen zivildienst nochmal dort hin mußte. sah ihn nochmal, zivilist, da soff er ein bißchen, ein alter gebrochener mann. gab's viele in der zeit.

Helmut Eckert 18.06.2017 | 12:24

Diese NVA war eine Ansammlung von Duckmäusern und Menschenschindern. Nach Oben Kratzbuckeln, nach Unten Treten. Ich wurde einmal in die Kaserne der NVA in Schwerin Buchholz eingeladen. An der Torwache holte mich der Offizier ab. Wir gingen in das Offizierscasino des Standortes. Unterwegs bat mich mein Gastgeber, bestimmte Themen nicht zu erwähnen! Es gab „Lübser Bier“ und“ Halberstädter Würstchen“. An den Tischen saß die Elite der SED. Vom Unterleutnant bis zum Oberst.

Im Speisesaal der Soldaten ( ohne Offiziersrang ) gab es Brause Schweriner Brauerei und Ko0missbrot mit Margarine und Rotwurst. Zwei kleine Stücke der Wurst- das war das Abendbrot für die Mannschaft.

Im Casino wurden die Offiziere bedient und sie tranken, mehr als eine Flasche Bier.

Alles erinnerte mich an Militärfilme aus der Nazizeit. Es fehlten nur die Abzeichen der Wehrmacht. Ich kannte die Filme: 08/15.

Viele Erzählungen von früheren Wehrdienstsoldaten der NVA bestätigten mir meine Feststellungen. Dort herrschte immer und überall der Geist von vor 1945! Die Suizidrate der NVA war streng geheim und für eine sogenannte Volksarmee sehr hoch.

Nach der Wende arbeitete ich nebenberuflich für eine Versicherungsgesellschaft in Mecklenburg, auf Grund meiner früheren DDR Kontakte. So besuchte ich eine Familie, wobei der Ehemann noch als NVA Offizier tätig war. Ein gebrochener Mann saß mir gegenüber. Nichts mehr von seinem Auftreten vor der Wende. Klein und mickrig erschien mir dieser Major der Grenztruppen. Ein Häufchen Elend! Ich erkannte ihn wieder. Vor 1989 tat er seinen Dienst im Gr3enzübergang Schlutow. Da war er die Macht der SED Diktatur. Dieses Häufchen von Mann hätte mich ohne Wenn und Aber abgeknallt wie einen Hasen. Das war sein Befehl und seine Weltanschauung……

Kein Mensch in der DDR wurde gezwungen Offizier der NVA zu werden. Es soll keiner dieser Menschen behaupten, sie hätten nicht gewusst, an wen sie sich verkaufen. Die DDR und ihre SED nannte sich selbst Diktatur des Proletariats!

Das Drama DDR hätte es so nie gegeben, wenn nicht so viele Menschen aktiv für diese Ideologie beteiligt gewesen wären. Ulbricht und seine Kumpane konnten sich 40 Jahre auf ihre Mittäter, Mitläufer und Dulder verlassen!

bernhard441 20.06.2017 | 10:51

Dieser Kommentar hat nichts, aber auch gar nichts mit

der Realität zu tun. Aber alles mit einer Haltung, die darin zum Ausdruck kommt, daß eben in der BRD/alt noch 2012 "Kameradschaftstreffen" ehemaliger Ritterkreuzträger inBuWe Kameradschaftstreffen stattfinden könnten.

Das beginnt doch schon mit den Fakes, indem Offizierskasino und Soldatenspeiseraum gedankenlos (oder absichtlich?) durcheinandergeworfen werden. Natürlich gab es im Offizierskasino Bier (und nicht nur Lūbzer), ABER auch im Soldatenkasino. Und natürlich gab es im Soldatenspeiseraum (pfui, wie eklig) nur "Brause" oder Tee, keinen Alkohol, aber im Offiziersspeiseraum AUCH NICHT!

Und ja, ich habe meine NVA als Major beendet.

Und nein, ich gehöre nicht zu den Nostalgikern.

Und da auf einen groben Klotz auch ein grobes Beil gehört. Von 1991-2013 habe ich mehr für den Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland getan, als vermutlich der Verfasser dieses unsäglichen Kommentars. 30jährige wurde ich nämlich von den örtlichen Volksvertretern (parteiübergreifend!) für würdig befunden, als Schiffe "im Namen des Volkes" Recht zu sprechen. Und würde dazu auch 3x auf die Bundesrepublik vereidigt. Deshalb maße ich mir auch solch ein Urteil über ewig Gestrige an!

Helmut Eckert 21.06.2017 | 19:36

1. Hohe Scheidungsrate innerhalb der NVA Offiziere und UOz.

2. Sehr hohe Suiizdrate in der NVA

3. In jder Kaserne der NVA war die Stasi vwertreten. Oft in einem speziell abgesicherten Bereichm des Gebäudes- zusätzlich waren viele Ofiziere im besonderen Einsatz verdeckt tätig. Jeder NVA Angehöriger wurde vom MfS bespitzelt und überwacht!

4. Alkoholmissbrauch war in der NVA überdurchschnittlich gegeben. Bis in die höchsten Ränge.

5. Kessler und seine offiziere ließen sich direkt Frauen ranschaffen. da hatte die soziaslistische Moral eine andere Wertigkeit.

6. Leuteschinderei und Menschenverachtende Rituale gehörten zur NVA wie das Komisssbrot vom Konsum!

Alles nur Lügen vom bösen Klassenfeind? Genosse Major, Sie leben Ihre Vergangenheit im Rotlicht der SED!

Übrigens : Natürlich hat nie ein NVA Angehöriger je einen Mnschen an der Grenze ersdchossen. Die todesopfer starben im Kindbett!

Das war meine Antwort auf Ihre Glorifizierunjg dieser sogenannten Volksarmee. Übrigens: Goebels gebrauchte diesen Begriif schon in den 30er Jahren. Selbst dieses Wort klauten die Kommunisten !

apatit 26.06.2017 | 21:04

Die NVA war und ist eine ehrenwerte Armee! Warum: Nie hat sich diese Volksarmee an einen Kriegseinsatz beteiligt! Und ja - die Stasi gab es – kann mich noch gut erinnern, als ein Leutnant zum Gefreiten degradiert worden ist, wegen Nazimüll den er vor der Truppe abgelassen hatte. Man konnte mit den richtigen Arsch in der Hose auch widersprechen und das Gehirn brauchte man auch nicht in der Diktatur an der Wache abgeben! Die Fakten sollten stimmen, wenn man etwas vorgebracht hat und nein sagen wegen IM konnte man auch! Hört auf mit diesen Gruselgeschichten! Gesoffen wird auch heute noch und bei meiner Grundausbildung die über Monate ging, gab es jeden Morgen 5 Kilometer Frühsport bevor es zum Frühstück ging. Oft noch mit “Badeeinlage“ und wenn der Feldwebel schlechte Laune hatte noch zwei Runden über die Sturmbahn mit und ohne TSM! Geschadet hat das nicht und keiner ist zum Rechtsanwalt gerannt …

Jeder Krieg ist eine Niederlage. Denn Krieg vernichtet Leben.

Kurt Tucholsky

UND so wurde ich und viele anderen erzogen, ich weiß nicht in welcher Einheit Sie waren?!

MiG-21. NVA DDR. Auf dem Wächter der Eroberungen des ... - YouTube▶ 9:48https://www.youtube.com/watch?v=cSIiuDv2Fl011.07.2011 - Hochgeladen von yolkhereGerman Democratic Republic Air Force Mikoyan-Gurevich Mig-21 Fishbed Nationale Volksarmee (NVA ...

apatit 26.06.2017 | 21:55

“Alles erinnerte mich an Militärfilme aus der Nazizeit. Es fehlten nur die Abzeichen der Wehrmacht. Ich kannte die Filme: 08/15.

Viele Erzählungen von früheren Wehrdienstsoldaten der NVA bestätigten mir meine Feststellungen. Dort herrschte immer und überall der Geist von vor 1945!“

Das macht mich (diplomatisch) gesagt wütend!

Schnitte wurden freilich übernommen, da wir keinen Marshallplan hatten. Da musste das genommen werden was da ist! Stichwort: Scharnhorst, Schill usw. UND Ja ... es stimmt - bezüglich ...

Reichspatent 706467 Stahlhelm NVA und warum? Weil das deutsche Ingenieurkunst war und die Ballistik kein Marmeladeneimer! Beim Strichtarn war das ähnlich ( Optik & Photonik ) ... Bitte erkundigen Sie sich bevor Sie hier in die Tasten hauen...!