Sympathie für Dirk Niebel

Medientagebuch Wer sich politische TV-Unterhaltungssendungen ansieht, bekommt immer häufiger Mitleid mit den Politikern. Sie wollen über Politik reden, die Journalisten bloß tratschen

Als Frank Plasberg auf der Bugwelle der Begeisterung über seine Sendung Hart, aber fair, die, wie es seinerzeit scheinen wollte, nach all den Jahren mit Sabine Christiansen, die Akzente in der politischen Unterhaltung wieder verschoben hatte – weg von der unterhaltenden Show, hin beziehungsweise zurück zur politischen Ernsthaftigkeit –, als Frank Plasberg also vor etwa vier Jahren als Gast in der Sendung von Harald Schmidt saß, erzählte er gut gelaunt (Schmidt hatte ihn als den besten Moderator des besten Politmagazins im deutschen Fernsehen vorgestellt), wie Kurt Beck, der damals noch nicht SPD-Vorsitzender war, aber offenbar schon eine Witzfigur, sich einkleidet. Der Zuschauer konnte das unpassend finden oder besser vulgär, wie Plasberg im intensivsten Moment seines Hypes sich lieb Kind machen wollte bei Schmidt und dem Publikum, indem er herablassend Interna über Mode und Einkaufsverhalten von Kurt Beck preisgab, was für Leute, die das lustig finden, Leute wie Plasberg, naturgemäß an sich schon ein lustiger Zusammenhang ist: Mode, Kurt Beck, Einkaufsverhalten.

Dass etwas nicht stimmt im Verhältnis von gewissen politischen Journalisten zu den Politikern, konnte man schon damals ahnen. Ein Kanzlerduell später ist fast eine Debatte entstanden darüber, dass Politiker inhaltlich argumentieren, wo Moderatoren eitel Tratsch suchen, dass für die schnell beklagte Entpolitisierung der politischen Fernsehsendungen nicht die Dampfplauderer aus den Fraktionen verantwortlich sind, sondern die sich selbst als seriös schätzenden Vorsteher der Redaktionen.

Der Sender Phoenix hatte diese Verschiebung registriert und im Frühjahr eine Reihe namens Macht trifft Meinung ins Leben gerufen, in der ein Politiker dem Journalisten, der kritisch über ihn geschrieben hatte, gegenüber saß. Daraus ist nicht viel geworden. Die Gespräche zwischen Gregor Gysi (Linke) und Matthias Matussek (Spiegel) oder auch zwischen Gabriele Pauli (Freie Union) und Hans Peter Schütz (Stern) gerieten zur Verlängerung des Hin-und-Her von Vorwurf und Rechtfertigung. Dass aber auch hier die so genannten Journalisten die schlechtere Figur machten, weil sie das Ansinnen der Sendung offenbar nicht verstanden hatten und sich unhinterfragt und heroisch als vierte Gewalt auf zwei Beinen begriffen, stimmt nachdenklich.

Man muss sich ­fragen, was es für Gewaltenteilung und Öffentlichkeit bedeutet, wenn man Mitgefühl empfindet selbst mit irrlichternden Vertretern des politischen Betriebs – wenn einem, mit anderen Worten, Dirk Niebel sympathisch wird.


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16:38 21.10.2009
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Ausgabe 42/2021

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