Talent, Leidenschaft, Leistung

Medientagebuch Die EM ist vorbei und trostlos ist der Ausblick auf die WM: Wieder wird Oliver Schmidt Fußball im ZDF kommentieren, ohne dass man verstehen könnte, warum eigentlich
Talent, Leidenschaft, Leistung
Wer die Zeit ansagt, sagt nichts Falsches: Oliver Schmidt vom ZDF

Foto: ZDF

Nach der EM ist vor der WM. Im Fußball geht es immer weiter, die Enttäuschungen der Vergangenheit werden zu Hoffnungen auf die Zukunft: Wird der deutsche „Luxuskader“ das nächste Mal erfolgreicher sein?

Deprimierend ist mit Blick auf 2014 allein, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen einfach so weitermachen wird bis zur Rente. Und damit meinen wir noch nicht mal den falschen Enthusiasmus von Steffen Simon. Es geht um den ZDF-Kommentator Oliver Schmidt, und es geht um ihn als Symptom.

Auf Twitter stellte @DEmmerich während der EM die Frage, die uns umtreibt, seit Schmidt vor zwei Jahren bei der WM debütiert hat: „Was hat das ZDF bewogen, Oliver Schmidt vor das Kommentatoren-Mikro zu setzen? Leidenschaft & Talent waren es nicht.“

Der junge Mann

Oliver Schmidt ist 40, eine Nachwuchskraft. Er hat es geschafft, einen Platz am Mikrofon zu ergattern. Wir wissen nicht, wo das ZDF überall spart, aber wir wollen nicht glauben, dass es dort wie in irgendeinem Privatradio zugeht, wo man als Praktikant sofort mit dem Sportblock beauftragt wird. Es muss doch eine Ausbildung geben, Sprecherziehung, Beobachtungsschulung, Auswertungen, und es muss doch noch andere jüngere Kräfte geben, die davon träumten, einmal ein EM-Spiel für Millionen von Zuschauern zu kommentieren.

Und von denen darf dann Oliver Schmidt ran. Ein typischer Oliver-Schmidt-Satz lautet: „Macht in den ersten drei Minuten einen durchaus präsenten Eindruck, der junge Mann.“ Das ist sein karges Besteck: biederer Humor („der junge Mann“), eine möglichst vage Beurteilung der Lage („durchaus präsenten Eindruck“) und die Zeitangabe. Oliver Schmidt gibt so oft die Zeit durch, die doch mittlerweile dauerhaft eingeblendet ist, dass man selig an diese alte Telefonfunktion denkt, bei der man unter einer Nummer die aktuelle Stunde erfahren konnte. Das wäre Oliver Schmidts Bestimmung: Zeit ansagen.

Und das ist das Symptom: Da kommentiert ein neuer Mann in einer Zeit, in der sich die Wahrnehmung des Fußballs durch Jürgen Klopps ZDF-Analysen und diverse Blogs bis hin in Tageszeitungen professionalisiert hat. Aber der neue Mann vor dem Mikrofon kommentiert unberührt von jeder Ambition, von jedem Wunsch zu Differenz, von jedem Versuch, etwas anders zu akzentuieren als die Alten. Er leiert seine schwachsinnigen Statistiken runter, zählt die Zeit und versucht, nicht aufzufallen durch etwas, was andere Leute Subjektivität nennen könnten.

Leistungsgesellschaft, quo vadis?

Und damit nicht genug: Oliver Schmidt betont so falsch und hat eine so mittelmäßige Stimme, dass er zum einen quasi die Brücke zum Laienportal marcel-ist-reif.de bildet, und dass man zum anderen schlagartig alle Vorbehalte gegen Steffen Simon vergisst, weil der Enthusiasmus wenigstens vorgibt. Bei Schmidt dagegen hat man den Eindruck, die Länge eines Spiels bedeute für ihn Qual, weil er nicht weiß, was er sagen soll außer: bloß nichts Falsches.

Und dann liest man, dass Oliver Schmidt seit November 2010 Chef des Aktuellen Sportstudios ist. Wie geht so was? Wie kann jemand derart Lustloses, Ängstliches, Langweiliges und handwerklich schon Ungeeignetes solch eine Karriere machen? Das kann doch unmöglich etwas mit dieser Leistungsgesellschaft zu tun haben, von der die FDP immer redet.

Das Deprimierende ist: Oliver Schmidt wird seine Karriere machen, und wir werden ihn die nächsten 20 Jahre ertragen müssen. Als Trost bleibt nur die bittere Ironie von Alfred Kerr, mit der man in Abwandlung von dessen Urteil über einen unbedeutenden Schauspieler ätzen kann: Schmidt – ein Name, den man sich wird merken müssen.

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14:46 10.07.2012
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Ausgabe 39/2020

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