Theater des Jahres

Kulturkommentar Das Berliner Theatertreffen zeigt die bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison. Das bemerkenswerteste Geschehnis der letzten Zeit wird aber nicht abgebildet

An diesem Donnerstag beginnt in Berlin das Theatertreffen. Gezeigt werden die zehn „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der letzten Saison. Das bemerkenswerteste Ereignis im Theater im zurückliegenden Jahr wird von dem Festival allerdings nicht abgebildet.

Dabei ist etwas Wunderbares geschehen, etwas, wovon das Theater träumt, wenn es den eigenen Sonntagsreden lauscht, um sich der Notwendigkeit seiner Existenz zu versichern. In diesen Reden ist das Theater ein Ort mit höchsten Ansprüchen, eine moralische Anstalt, die im Spiel die drängenden Fragen der Gegenwart verhandelt, ein kritisches Medium, das der Ideenproduktion einer gerechten Gesellschaft vorgelagert ist. Das Problem ist nur: Sonntagsreden lassen sich leicht halten, haben aber selten Auswirkungen.

Das ist hier anders: Es geht um die Anwendung der Sonntagsrede auf das eigene Handeln. Passiert ist das im Deutschen Theater in Berlin, wo eine Gruppe von Kultur- und Geistesarbeitern namens Bühnenwatch Protest geübt hat. Und zwar am Blackfacing, einem Bühnenmittel mit langer, unheilvoller, weil rassistischer Geschichte. Auch in Deutschland.


Der Protest war ein konstruktiver: In dem Stück Unschuld kommen zwei Flüchtlinge aus Afrika in Europa an, sie werden von weißen Darstellern gespielt – mit Blackfaces, also schwarz geschminkt, mit dicken, roten Lippen. Dahinter steckten beste Absichten, aber es mangelte an der Vorstellung, dass es nicht-weißen Menschen egal sein kann, ob sie aus lauteren oder fiesen Absichten verletzt werden, ob der pöbelnde Nazi-Rentner auf der Straße sie diskriminiert oder das kunstsinnige Theater.

Beim Auftritt der Blackfaces standen die Bühnenwatch-Leute auf und ver­ließen stumm den Saal – 42 Leute, die im Anschluss Flyer im Foyer verteilten mit Erklärungen für ihren Protest. Das Deutsche Theater reagierte sofort und bot ein Gespräch an.

Und dort geschah das Wunderbare. In einer anstrengenden Diskussion kam ein Prozess des Nachdenkens in Gang, der zu einem historischen Moment in der deutschen Bühnengeschichte führte: Das DT schminkt die beiden Schau­spieler seither weiß – und zwar nicht aus Opportunismus oder wegen Drucks (welchem auch?), sondern aus der Konsequenz eigener Reflektion.

Intendant Ulrich Khuon hat, stellvertretend für das Haus, die Größe gezeigt, das eigene Tun selbstkritisch zu hinterfragen und weiterzudenken. In der Presse ist er dafür als Umfaller beschimpft worden (einzig das Internetportal nachtkritik hat bislang medial Interesse an der Debatte gezeigt). Die Wahrheit ist aber eine andere: Das DT hat von seinem Selbstverständnis Gebrauch gemacht. Und es könnte sein, dass ein wachsendes Bewusstsein für rassistische Strukturen in unserer Gesellschaft hier einmal seinen Ausgang genommen haben wird: im Theater.

14:30 03.05.2012
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