Thriller ohne Thrill

Kino José Padilha verfilmt in „7 Tage in Entebbe“ bieder ein Stück Zeitgeschichte

Ein zentraler Satz des Films 7 Tage in Entebbe lautet: „Ich bin nicht hier, um Nazi zu spielen.“ Einerseits lässt der sich auf den Schauspieler Daniel Brühl beziehen, der das in seiner Rolle als Wilfried Böse sagt. Dann steckt darin das Credo von Brühls Filmografie: Der Schauspieler, der in Nichts bereuen (2001) auf sich aufmerksam machte, und mit Good Bye, Lenin! (2003) zum Star wurde (wenn man das im deutschen Film sagen kann), tritt mittlerweile vor allem in internationalen Produktionen auf.

Brühl ist eine Art Sondergesandter deutschen Fördergelds, die erste Wahl, wenn ein deutscher Schauspieler gebraucht wird. Und dabei fallen ihm zwar immer auch Rollen zu, die mit dem oft bearbeiteten dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte zu tun haben (etwa in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, 2009; als Bösewicht Helmut Zemo, dem Sohn eines Nazi-Wissenschaftlers in The First Avenger: Civil War, 2016, oder als Hitlers Chefzoologe in Die Frau des Zoodirektors, 2017). Gleichzeitig aber spielt Brühl im internationalen Kino nicht nur Nazis, sondern auch den Journalisten in Michael Winterbottoms Amanda-Knox-Fall (Die Augen des Engels, 2014), Niki Lauda in Ron Howards Biopic (Rush, 2013) oder das Crewmitglied in einer internationalen Raumstation (The Cloverfield Paradox, 2018). Seine freundliche Physis gestattet Brühl, nicht allein auf den Fiesling abonniert zu sein, sondern als Außenbeauftragter des deutschen Kinos in Erscheinung zu treten.

Das tut er mustergültig in 7 Tage in Entebbe, dem Film des Brasilianers José Padilha über die historische Flugzeugentführung 1976. Palästinensische und westdeutsche Terroristen kaperten eine Air France-Maschine auf dem Weg von Paris nach Tel Aviv, um von Uganda aus Forderung nach der Freilassung palästinensischer Gefangener in Israel zu stellen. Brühls Besetzung als Wilfried Böse dient auch dazu, auf der Ebene des Casts den deutschen Anteil an der Tat zu verbriefen: Seine Partnerin, Brigitte Kuhlmann, die wie Böse den Revolutionären Zellen (RZ) angehörte, einer Terrorgruppe neben der RAF, wird von der Britin Rosamunde Pike gespielt – was deren angelerntem Deutsch doch anzuhören ist.

Krustige Perücken

In dem historischen Setting von „Entebbe“ ist der eingangs zitierte Satz andererseits der entscheidende, weil er in die ausführliche Debatte zielt, die die Flugzeugentführung für die westdeutsche Linke bedeutet hat. Weil die Entführer Passagiere nach Israelis und Nicht-Israelis trennten (oder in Juden und Nicht-Juden – darüber geht der Streit), ist „Entebbe“ immer als Symbol für den Antisemitismus (oder Antizionismus) der Linken diskutiert worden – als Sündenfall von Kindern, die nach 1968 ihren Kampf doch eigentlich gegen die eigenen Nazi-Eltern führen wollten.

Padilhas Film ist geschichtspolitisch auf Versöhnung aus, weshalb Brühl als guter Deutscher Wilfried Böse kritisch und zweifelnd zeigen kann. Schon die Rahmung von 7 Tage in Entebbe durch eine Performance-im-Film der Batsheva Dance Company deutet des Interesse des Films, den Israel-Palästina-Konflikt mit den Mitteln der Kunst an eine Befriedigung zu erinnern. In diesem Sinne kann man die Inserts im Abspann als Erinnerung an die friedliche Lösung begreifen.

Mit Yitzhak Rabin (Lior Ashkenazi) als Premier und Shimon Peres (Eddie Marsen) als Verteidigungsminister müssen in 7 Tage in Entebbe nämlich zwei Politiker eine Krise bewältigen, die später als Architekten des Friedensprozesses den Friedensnobelpreis erhielten. Während die Spezialeinheit zur Geiselbefreiung in Entebbe von Yonathan „Yoni“ Netanjahu (Angel Bonanni) angeführt wird, dem bei der Aktion getöteten Bruder des heutigen israelischen Premier, dessen Politik von Friedensprozess und -nobelpreis so weit entfernt scheint wie das Jahr 2018 von 1994.

So spannend dieser im Abspann aufgerufene Moment personaler Verdichtung wirkt, so langweilig hat Padilha den Stoff inszeniert. Die historischen Kostümierungen und Perücken gehen ins Krustige und die Tage quälenden Wartens auf eine israelische Entscheidung (in Wahrheit: auf den Einsatz der Spezialtruppe) werden als quälendes Warten direkt ans Publikum weitergegeben.

Regisseur Padilha, der sich mit dem testerongesteuerten Spezialeinheitsschocker Tropa de Elite (2007) einen Namen gemacht hat, kriegt einfach keinen Thrill in seinen Politthriller. Das mag mit der historischen Ausgangslage zu tun haben. Der Einsatz der israelischen Spezialeinheit war zwar kühn geplant – unerkannt nach Uganda fliegen, mit einem Mercedes, der im ersten Moment an eine der Karrossen des Diktators Idi Amin erinnert, sich dem Flughafen nähern und dann die Entführer unschädlich machen. Die Aktion resultiert nur leider nicht in dem grandiosen Professionalismus, mit dem zuerst das amerikanische Kino Geheimdienstoperationen in hochgradig faszinierende Action auflösen kann (man denke an die Art, wie Kathryn Bigelow die Bin-Laden-Tötung in Zero Dark Thirty erzählt hat).

Und so erscheint das biedere Finale des Films, der – gemessen an der geringen Zahl der Todesopfer – letztlich geglückten Befreiung als etwas, das man im Kino schon tausendmal besser gesehen hat. Dass Padilha sich dafür Rhythmus und Wucht von der repetitiven Batsheva Tanzperformance leiht, die er parallel montiert, macht die ganze Sache eher anstrengender.

Info

7 Tage in Entebbe José Padilha GB/USA 2018, 107 Minuten

06:00 05.05.2018
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