Bitte ziehen Sie die Maske auf

Tatort Wer Ulrich Tukur beim Angeben mit seinen gesammelten Talenten gern zuschaut, ist hier richtig: Immer nur hereinspaziert in die Wiesbadener Fulda-Folge "Schwindelfrei"

Heavy User der beliebten Sonntagabendkrimireihe werden wissen, dass Selbstreferentialität im Tatort nicht erst auf den Namen Ulrich Tukur zu hören begann. Schon der allergrößte Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) schaute mit Platzwunde am Kopf in Jagdrevier gemeinsam mit der Dorfgemeinschaft im Schleswig-Holsteinischen, was der allergößte Zollfahnder Kressin im Fernsehen trieb. Und ein Fun Fact, der allen Hanne-Wiegand-Aficionados geläufig ist: dass in der Lederherz-Folge, in der Karin Anselm debütierte als Kommissarinnendarstellerin ein Tatort zu Ende ging im Fernsehen bei den Eheleuten, unter denen später ein Mord geschieht. Komischerweise an einem Freitag.

Bei Schwindelfrei, der neuesten, dritten Murot-Eskapade des Hessischen Rundfunks (Redaktion: Liane Jessen, Jörg Himstedt), wird noch mehr rumgespielt: Der Vorspann endet im Fernsehen, auf das Murotn (Ulrich Tukur) schaut in seinem Fuldaer Hotelzimmer. Thrilling, aber auch für die Galerie: Für das Innen und das Außen des Erzählens im Tatort, in das so eine Montage doch trennt, interessiert sich Schwindelfrei nicht. Man könnte in der Spielerei lediglich eine treffende, nicht aber sympathische Geste für das gesamte Murot-Kapitel sehen: dass die Folgen mit dem LKA-Beamten, der jetzt erstmal keinen Tumor mehr im Kopf hat, eben außerhalb der Tatort-Normalität stehen.

Und damit schalten wir zum Thema der Woche: Heike Makatsch ist verpflichtet worden oder soll verpflichtet werden für einen sogenannten Event-Tatort (denkwürdige Pressemeldung, in der gerade von der Anfrage die Rede ist). Wenn man in dieser Stelle dem Berliner Kurier glauben kann, der immerhin einen Makatsch-O-Ton zitiert, könnte solch eine Geschichte auch besser vorbereitet sein: dass der SWR etwa einen konkrete Idee für einen Stoff von bestimmtem Autor hätte, der Makatsch gefiele – und nicht nur eine gute Nachricht für Freiburg, die unter anderem als Kompensation für den Verlust des mit Stuttgart fusionierten Sinfonieorchesters interpretiert worden war, was immer daran Kompensation sein kann. Das letzte Mal, als gutgemeinte PR sich in einem schlechten Tatort verlor, liegt noch nicht zu lange zurück, die eine oder der andere wird sich erinnern.

Englische Wochen

Warum das alles erzählen? Weil es interessant ist für den Weg, den die Reihe nimmt. Wohin der führt, weiß keiner, und bekanntlich hält der Tatort viel aus. Andererseits gibt – nicht nur wegen des gesteigerten Arbeitsaufkommens hier – zu denken, dass in den kommenden 29 Tagen 8 Sonntagabendkrimis zu sehen sein werden (nach Tukur heute am 15., 22., 26., 29.12., 1. und gleich zweimal am 5.1.), englische Wochen also. Neben dem Vorspann ist der Wochentakt vermutlich der zweit valuableste Aspekt der Tatort-Gewohnheit. Verletzungsgefahr fürs Image, überspieltes Format? Man weiß es nicht, muss es aber beobachten.

Die Idee des Event-Tatort ist aus ARD-Sicht durchaus verständlich. Tatort ist ja nur deshalb sonntags, weil das in der Regel der Tag in der Woche ist, nach dem die Arbeit wieder losgeht. Da es aber auch ein paar Feiertage gibt, auf die am nächsten Morgen der Gang ins Büro folgt, kann diesen gefühlten Sonntagen eben mit dem special Tatort begegnet werden. Seuche ist nur, wenn innerhalb der ARD nun die sowieso schon völlig sinnlose Konkurrenz (etwa um Einschaltquoten) zwischen den einzelnen Sender in einer Event-Tatort-Überbieterey erster Kajüte gipfelte; dass also jeder Sender jetzt auch noch was Schick-Schräges für den Feiertag braucht – weil das ästhetisch vermutlich kaum zu bewältigen ist.

Nicht mal vom HR, der, und damit sind wir dann bei Tukur, sich in den letzten Jahren doch immer für den internationalen Wettbewerb qualifiziert hatte, in der Tatort-Saison-Abschlusstabelle auf den obersten Plätzen einkam. Tukurs Murot ist das Rolemodel für Schweigers Engagement in Hamburg, für Furtholms neue Zurückhaltung in Hangover (nur noch einmal im Jahr), für Weimar mit Ulmen und Tschirner (26. Dezember) und dann eben auch für Heike Makatsch.

Inside Direx Raxon

Man kann Schwindelfrei natürlich loben, weil etwa Kamera (Karl-Friedrich Koschnick) und Musik (Stefan Will) wissen, was sie tun, wenn am Anfang der Zirkus in Fulda in knackigen Details establisht wird und nicht in unpassenden Totalen. Auch merkt man Justus von Dohnanyi (Buch und Regie) eine gewisse Lust an – hin zur Abweichung, ab ins Skurrile, Merkwürdige, Spielerische. Die mäandernden Monologe von Zirkusdirektor Raxon (Josef Ostendorf) hätten dabei noch subtiler inszeniert sein können in ihrer sympathischen Insuffizienz (wie so was präzise gemacht wird, kann man gerade bei John Goodmans Figur im Coen-Film "Inside Llewyn Davis" sehen). Auch hat die Folge ordentlich Text (wenn Murotn der Sekretärin Wächter, gespielt von Barbara Philipp, die lokale Küche beim Verlassen des Hotelzimmers erklärt, oder die alten Damen im Café ein wenig fantasieren dürfen) – und sie hält Erklärungen bereit für Leute, die auf Sinn Continuity achten. Dass etwa Murot einen Brief erst Sonntag, 20.15 Uhr öffnet, wenn doch sonntags gar keine Post zugestellt wird. Oder warum die Suchmeldung nach der Vermissten so früh kommt (Knochenmarkspende).

Aber, und das ist womöglich das upcoming Leid am Event-Tatort, Schwindelfrei besteht vor allem aus Ulrich Tukur. Wer den mag (aktuell auch im Kino mit Houston), bitte, geht's raus und schaut's Fernsehen. Wir würden aber anmerken, dass die Größe von Tukurs Spiel nicht durch den Luxus gewinnt, die eigene Eitelkeit ungebrochen ausleben zu können. Der Wiesbaden-Tatort ist nicht mehr als eine Filiale im Selbstentwurf eines Schauspielers, den man sich aus größeren Zusammenhängen leiht und deshalb dankbar sein muss. Man sieht in den stylish runtergedimmten Farben immer nur der Prätention des Darstellers zu. Der im Zirkus tapfer "Oh, mein Papa/war eine wunderbare Clown" singen muss (was er doch viel zu gut kann, als dass die Idee mit dem Niemand aus dem Publikum funktionierte – schon da sieht es aus wie die große 30th Anniversary Surprise Show von Tukurs Talenten aus), und danach auch noch mit der – eigenen Band – mucken darf als Undercovererklärung.

So sehr sich Schwindelfrei also Mühe gibt mit Details oder Erklärungen, so ungelenk ist dann wieder die Erzählung, wie der Event-Kommissar zu seinen Fällen kommt. Man muss das, wie gesagt, nicht nur doof finden, auch wenn die Geschichte dramaturgisch auch wegen Tukurs Solonummern hin und wieder hängt. Es ist nur etwas fad. Die Heraufbeschwörung des Budenzaubers und die Vorlagen für Tukurs Einlagen mögen hübsch (nostalgisch) sein – dass im toten Winkel dieser Anlage aber etwa die Frauenfiguren leben, die nur zum Gutaussehen, Tukurbewundern und Ermordet- beziehungsweise Gerettetwerden da sind, ist ein Indiz dafür, wie Selbstgefälligkeit den Blick aufs Ganze verstellen kann.

Ein Bekenntnis, das in der Chefetage noch an Verbreitung gewinnen kann: "Das will ich nicht allein entscheiden"

Etwas, das über Verdichefbsirske noch keiner gesagt hat: "Frank ist ein richtiges Zirkustier"

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Wenn's ein bisschen freundlicher geht, gerne"

21:45 08.12.2013
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