Alte Autos

Serienmörderserien Was "Mindhunter" mit dem spät gefassten Golden Gate Killer zu tun hat: Über mediale Rückkopplungseffekte
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Montage: der Freitag, Material: ZVG

Ende April machten auf US-amerikanischen Nachrichten-Websites zwei Meldungen die Runde, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten. Zuerst wurden neue Details über die zweite Staffel von David Finchers Netflix-Serie Mindhunter bekannt: dass der Beginn der Dreharbeiten bevorsteht, welches reale Verbrechen Gegenstand der Erzählung sein wird (die mindestens 23 „Atlanta Child Murders“, die dem Radiojournalisten Wayne Bertram Williams zugeschrieben werden, der 1982 für den Mord an zwei Erwachsenen verurteilt wurde).

Die erste Staffel von Mindhunter von 2017 gehört zu den Höhepunkten seriellen Erzählens der jüngeren Zeit; eine Art Meta-Geschichte zum Phänomen des Serienkillers und damit eine Reflexion über all die Filme und Serien, die den Verbrechertypus aus der realen Sphäre in die fiktionalisierte der Bewegtbildproduktion überführt haben.

Fincher selbst hat mit Zodiac (2007) einen paradigmatischen Film für den Komplex vorgelegt. Das Puzzle, das der Film inszenierte, ging nicht auf, die Suche nach dem titelgebenden Killer führte ins Leere (der echte Zodiac-Killer wurde nie gefunden). Das Kino konnte die Wirklichkeit von ihrer Sehnsucht nach Aufklärung nicht mit einem Ende der Geschichte erlösen.

Die Klugheit des Films zeigte sich auch daran, dass er offen war für die Rückkopplungseffekte zwischen Realität und medialer Verarbeitung derselben. In einer Szene geht Kommissar David Toschi (Mark Ruffalo), der – wie in Zodiac zu erfahren ist – als Vorbild für Steve McQueens Polizist in Bullitt (1968) diente, zu der Filmpremiere von Dirty Harry (1971). Der Thriller von Don Siegel mit Clint Eastwood in der Hauptrolle war, und das ist der Witz, bereits eine (vulgäre) Verarbeitung des Zodiac-Falls, an dem Kommissar Toschi zu diesem Zeitpunkt noch rätselt. Der Film-Kommissar schaut sich im Film also seine Arbeit in der Version eines anderen Films an.

Der leichte Schwindel, der einen darüber befallen kann, wird von Mindhunter geordnet. Der Serie gelingt es, die Grausamkeit der verhandelten Morde zum Verschwinden zu bringen, weil sie sich den verhandelten Verbrechen fast wissenschaftlich nähert: Der junge Holden Ford (Jonathan Groff) und der erfahrene Bill Tench (Holt McCallany) sind zwei Special Agents des FBI, die sich mit Serienkillern kriminalpsychologisch befassen. Zu sehen ist Büroarbeit, die Theorien über auffällige, wiederkehrende Verhaltensmuster diskutiert.

Private Investigationen

Die eingangs erwähnte zweite Meldung betraf die Verhaftung des mutmaßlichen Golden State Killers. Der 72-jährige Joseph James DeAngelo wird verdächtigt, zwölf Morde, mehr als 50 Vergewaltigungen und über 100 Einbrüche zwischen 1974 und 1986 begangen zu haben. Allein die Lektüre des Wikipedia-Eintrags bewirkt Gänsehaut, die Verbrechensserie wurde seinerzeit als „Terror“ gelabelt, weil sich Frauen in mittelständischen Wohngegenden des Sacramento County ob der zeitlichen Dichte der Taten nicht sicher fühlten.

Der nun wegen der mutmaßlichen Lösung wieder ausführlich beschriebene Fall zeugt von einer unheimlichen Bedrohung, von einem Täter, der die Orte seiner Verbrechen ausspionierte, der seine sadistische Gewalt genoss, seine Opfer fesselte, sich zwischendurch an Kühlschränken bediente, dem es auch um die Chaotisierung der familiären Ordnungen ging, in die er intervenierte.

Die zeitliche Koinzidenz zwischen Neuigkeiten zur zweiten Staffel von Mindhunter und der Verhaftung von Joseph DeAngelo weist dabei auf einen größeren Zusammenhang hin: das mediale Dispositiv, in dem reale Verbrechen in Amerika verhandelt werden. Der Fall des Golden State Killers wäre durchaus geeignet als Material für eine dritte oder vierte Staffel der Serie. Oder umgekehrt: Das Wissen über kriminalpsychologische Ermittlungen, das Mindhunter auf hochstehende Weise dramatisiert, findet in den Berichten über den Golden State Killer Bestätigung. Zugespitzt ließe sich behaupten, dass fiktionalisierte Formen wie die Serie von David Fincher das Aufspüren des Golden State Killers erst möglich gemacht haben.

Die weit zurückliegende Verbrechensserie galt lange Zeit als cold case. Fahrt nahmen die Ermittlungen erst wieder durch die privaten Investigationen von Michelle McNamara auf, einer 2016 verstorbenen Autorin, deren Recherchen unter dem Titel I’ll Be Gone in the Dark in diesem Frühjahr postum erschienen und zum „#1 New York Times Bestseller“ avancierten. Es mag für den Erfolg nicht nebensächlich gewesen sein, dass McNamaras Witwer, der Comedian Patton Oswalt, half, das Buch herauszubringen.

McNamara betrieb als, wie sie selbst schrieb, „stay-at-home mom“ einen Blog namens TrueCrimeDiary.com. Sie beschäftigte sich obsessiv mit den Taten und Spuren des von ihr so genannten Golden State Killers (in früheren Berichten firmierte der Täter als East Area Rapist, EAR, oder, in Abgrenzung zu Richard Ramírez, als Original Night Stalker, ONS) und veröffentlichte 2013 einen Text im Los Angeles Magazine.

In dem Artikel heißt es über die nächtlichen Nachforschungen am Computer, die McNamara ohne Auftrag anstellte: „Nimmt man als gegeben an, dass Serienmörder Gegenstand von einem halben Dutzend Prime-Time-Sendungen sind, bin ich offensichtlich nicht allein.“ Schon in Finchers Zodiac wird Schwarmintelligenz selbstverständlich als Teil der Ermittlung erzählt: Ein Rentnerpaar knackt den Code, in dem der Killer seine verschlüsselten Botschaften an die Polizei sendet.

In dem Los Angeles Magazine-Text liefert McNamara eine interessante Erklärung für ihre ehrenamtliche Forschungstätigkeit: „Technologie hat das möglich gemacht.“ Das Internet, die Digitalisierung erscheinen in dieser Perspektive als tools, mit denen gewöhnliche Leute sich an der Aufklärung ungelöster Fälle versuchen. Die fiktionale und reale Sphäre vermischen sich: Es geht darum, das Ende der Geschichte zu finden (das McNamara nicht mehr erlebte) – die Identifizierung des Täters.

Faszinierend zu lesen ist, welche Energien dafür mobilisiert wurden. Ein „The Kid“ genannter junger Mann, der nach dem Ende der Verbrechensserie geboren wurde und fernab des Sacramento County lebt, wird in McNamaras Text zum wichtigsten Co-Ermittler. Der junge Mann scannt Datensätze aus historischen Telefon- und Highschool-Jahrbüchern, um den für die Täterschaft in Betracht kommenden Personenkreis auf eine immer noch zu große Zahl von Leuten einzuengen.

Blutige Verwandtschaft

Ermittelt wurde Joseph DeAngelo – eine Ironie auf die freiwillige Preisgabe von persönlichen Daten im Zeitalter von Facebook und Google – schließlich durch die ethisch diskussionswürdige Suche in einer der „Genealogie“-Datenbanken in den USA, die Privatpersonen nutzen, um Aufschlüsse über ihre Herkunft zu finden. Die Polizei stellte DNA-Material des Täters ein, stieß so auf Familienmitglieder, deren Proben dort gespeichert waren, und lokalisierte dank aller bekannten Indizien über diese Verwandtschaftsverhältnisse schließlich Joseph DeAngelo in Citrus Heights, einer Stadt nahe Sacramento.

Diese Pointe zeugt von den verfeinerten Möglichkeiten, die durch die Digitalisierung bei der Aufklärung von ungelösten Verbrechen entstanden sind. Dahinter steht aber, wie McNamaras Selbstauskünfte belegen, eine eigenartige Erregung, die das Lösen der Fälle eben nicht allein als Resultat von Polizeiarbeit erscheinen lässt. McNamaras Getriebenheit lenkt den Blick vielmehr auf einen größeren Zusammenhang, das Wechselspiel zwischen Wirklichkeit und Mediatisierung. Von Serienkillern geht dabei eine besondere Faszination aus, weil deren Taten wie gemacht sind für den Erscheinungstakt von Zeitungen, das Dauergelärm der News-Shows, die wiederkehrende Ausstrahlung von Serienfolgen. Sowie für die mediale Bereitschaft, Sex and Crime auszuschlachten und zu überhöhen.

So hat die Autorin Ginger Strand in ihrem im Jahr 2012 erschienenen Buch Killer on the Road, einer bemerkenswerten Kulturgeschichte der Gewalt auf dem US-amerikanischen Interstate-System, dem Fernstraßennetz des Landes, auch ein Kapitel über die Entkoppelung des Kinobildes vom realen Serienkiller verfasst. Jonathan Demmes Thriller Das Schweigen der Lämmer von 1991 markiert darin den Höhepunkt einer Entwicklung in Filmen seit den 70er Jahren, indem Anthony Hopkins die Figur des Hannibal Lecter zum Ästheten stilisiert, zu einem kunstsinnigen, geschmackssicheren, ja intellektuellen Mörder, der von den historischen Vorbildern denkbar weit entfernt ist.

So gesehen besteht das Projekt von Mindhunter in einer Rejustierung des Blicks auf den Serienkiller im Film. Ähnlich wie McNamara widmet sich die Serie cold cases – denen der Bewegtbildproduktion. Mindhunter geht zurück hinter die Romantisierungen, um die Psychologie von Mördern wie Ted Bundy oder Jerry Brudos zu fokussieren.

Und deshalb ist die Serie am besten über die zahllosen historischen Autos zu verstehen, mit denen Holden Ford (ein Name aus zwei Automarken!) und Bill Tench zu den Interviews mit ihren Studienobjekten durchs Land reisen. Der Kritiker Jason Torchinsky hat auf jalopnik.com eine beeindruckende Liste mit allen identifzierbaren Wagen aus Mindhunter erstellt, bei denen es sich, die Serie spielt zu Beginn der Globalisierung, fast ausschließlich um amerikanische Modelle handelt. Eine beredte Metapher für die Innenrevision an den Traumata der Gewalt, die die Serie betreibt: Hier ermittelt Amerika noch selbst, ohne Toyotas oder Kias. Vor dem Hintergrund von Strands Buch über die Verbindung von Serienmord und der Mobilität, die die Interstate-Highways ermöglichen, lässt sich das dauernde Autogefahre in Mindhunter zudem als subtile Inszenierung der genretypischen Annäherung von Jägern an die Gejagten lesen.

Für die zweite Staffel wurde Anfang des Jahres zum Casting eigens für solche alten Fahrzeuge aufgerufen. Und für eine künftige Befassung mit dem Fall des Golden State Killers in Mindhunter spricht, dass der Verbrechenszeitraum der Taten in der Ära liegt, aus der die Serie die Schönheit ihrer Ausstattung mit alten Autos bezieht.

06:00 21.05.2018
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