Matthias Dell
Ausgabe 5116 | 30.12.2016 | 06:00

Toni Morgenröte

Bilanz Zwischen Filmwirtschaft, Feuilleton und dem interessierten Kinogänger: Die Wahrheit ist aufm Platz oder die Zahlen des Jahres

Die Frage, was vom Kino bleibt, ist eine der Perspektive. Beliebt ist, sich am Jahresende zu erinnern; Kritikerinnen tun das in veröffentlichten Listen, wohingegen Charts die Filme nach Zahlen sortieren. Der Ton von Bilanzen, die sich an die Filmwirtschaft wenden, unterscheidet sich folglich von so was wie dem Feuilleton, das natürlich auch eine heterogene Angelegenheit ist. Und irgendwo dazwischen steht die interessierte Kinogängerin und versucht sich zu verorten mit dem eigenen Geschmack.

Für das deutsche Kino hielt das Jahr 2016 den seltenen Fall parat, dass mit Maren Ades Toni Erdmann (Freitag 28/2016) ein Film im Programm auftauchte, auf den sich alle einigen konnten. Eine Vater-Tochter-Geschichte, die zugleich darüber handelt, wie sich das abstrakte Wissen um globale Ungerechtigkeit in konkrete Lebensentwürfe integrieren lässt (was der Film aber viel direkter vermittelte, als dieser Satz es tut), eine Komödie, die ihren Humor auf eine sehr besondere Weise einsetzt – kurz, ein Film, der nicht leicht in Schubladen ablegbar oder über die Ähnlichkeitsindices des Internets („Wenn Ihnen X gefällt, könnten Sie auch Y mögen“) zu verlinken ist.

Risiken minimieren

Und der durch die Länge von 162 Minuten äußerlich nicht als Hit zu erkennen war; ein anderthalbstündiger Film kann öfter programmiert werden an einem Tag, verdient also schneller Geld. Der ursprüngliche Verleih ist deswegen sogar abgesprungen vor Cannes, Länge und Eigenwilligkeit von Toni Erdmann schienen einer erfolgreichen Vermarktung im Wege zu stehen. Schienen. Mitte Dezember hat Ades Film nicht nur angefangen, lauter Filmpreise zu gewinnen (zuletzt: fünf Europäische), sondern ist nach einem halben Jahr immer noch in Kinos zu sehen und kann bislang 740.000 Besucher vorweisen.

Kunst ist kein Sport, die Qualität eines Films lässt sich nicht an der Laufzeit abschätzen. Und dass Toni Erdmann zwar schwer einzuordnen, rubrizierbar, vergleichbar ist, aber gleichzeitig offenbar vielen Menschen etwas sagt, ist eine hübsche Pointe in Zeiten, in denen das Blockbusterkino mit seiner Superhelden-Sequel-Monokultur alle Risiken des Filmemachens zu minimieren versucht. Für Leute, die nur einmal ins Jahr ins Kino gehen (der Mittelwert in Deutschland liegt ja etwa bei zwei Besuchen), der hat sich 2016 vermutlich Toni Erdmann angeschaut.

Zumindest war das der Film, der einen Sog erzeugte, den raren Sozialdruck, diesen Film gesehen haben zu müssen, um zu wissen, wovon die anderen sprechen. Also so etwas wie eine Wahrheit: Es gibt auch Leute, die mit Toni Erdmann nichts anfangen können, aber dass Maren Ade mit dem Film etwas ziemlich gut gelungen ist, lässt sich nicht bestreiten.

Ein anderes, ähnliches Beispiel wäre Maria Schraders Stefan-Zweig-Biopic Vor der Morgenröte (Freitag 22/2016), den über 220.000 Menschen gesehen haben. Ebenfalls ein Film, der glücklicherweise alle Erwartungen ans Wie-es-immer-gemacht-wird, die Vorstellungen der gängigen Lebensgeschichtserzählung unterläuft, weil er das Dichterleben in sechs Szenen auflöst (Pro- und Epilog plus vier Tableaus). Und darauf vertraut, dass diese genau inszenierten Fragmente die Zuschauerin so interessieren, dass sie sich von unbekannten Namen, nicht weiter kontextualisierten Orte und Lücken in Zweigs Leben zwischen den sechs Stationen nicht stören lässt. Vor der Morgenröte hat sich erfolgreich gegen das Ahnungslosigkeitskalkül der filmischen Nahverkehrsaficionados („Zuschauer da abholen, wo er steht“) gewehrt – nur so konnte es ein Erfolg werden. Auch deshalb ist eine spannende Frage für die nächsten Jahre, ob das hiesige Filmfördersystem etwas lernt aus dem Eigensinn, mit dem Ade, Schrader oder auch Nicolette Krebitz (WildFreitag 15/2016) arbeiten. Gleichzeitig kann selbst die fieseste Filmförderbürokratie nicht pausenlos Meisterwerke verhindern; dass es 2016 die Filme von Ade, Schrader, Krebitz gab, hat in erster Linie mit Ade, Schrader und Krebitz zu tun.

Höherer Unsinn

Der den Zuschauerzahlen nach erfolgreichste deutsche Film (bislang: 2,5 Millionen) in einem den Zuschauerzahlen nach schwächeren Jahr ist Simon Verhoevens Komödie Willkommen bei den Hartmanns (Freitag 44/2016). Das hat mit der prominenten Besetzung für die verschiedenen Generationen (Elyas M’Barek, Palina Rojinski, Florian David Fitz, Senta Berger, Heiner Lauterbach, Uwe Ochsenknecht) und der reichlichen Werbung zu tun. Es ist aber trotz der Rassismen, Lahmheiten und Dauerbeschallung mit schrecklicher Musik, die zu dem Film auch gehören, ein gutes Zeichen. Denn die Münchner Komödie verwurstet ein aktuell-politisches Thema (die sogenannte Flüchtlingskrise) als Krise eines wohlständig-bürgerlichen Milieus mit erstaunlichem Witz. Und vor allem ohne Ressentiment – Verhoevens Film würde immer für Angela Merkel stimmen und nicht für Horst Seehofer.

Dass die deutsche Komödie gesellschaftliche Fragen für sich entdeckt, die über regressive Männerbilder hinausgehen, ist zu begrüßen. Auch wenn Willkommen bei den Hartmanns verglichen mit dem italienischen Hit dieses Jahres, Checco Zalones Der Vollposten (im Original: Quo vado? Freitag 05/2016), doch wesentlich ungelenker wird. Der Vollposten handelt von Arbeitsmarktflexibilisierung und der Modernisierung des italienischen Mannes auf eine ziemlich amüsante Weise. In Deutschland wollten den Film allerdings nur gut 30.000 Zuschauer sehen, was schade ist, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig permanent in den Franzosenkitsch à la Birnenkuchen bei Monsieur Henri oder Lavendel zum Frühstück gerannt wird. Insofern zeigt sich an dieser Schieflage, wie fern dem deutschen Markt der italienische Film heutzutage ist. Oder umgekehrt – auf welch traurigen Begriff („Arthouse“) die permanenten Idyllen das einst stolze französische Kino bei uns gebracht haben.

Andererseits spielt die Kritik für gewisse Bereiche des Kinos eben keine Rolle. Der Anfang Dezember gestartete Werner-Herzog-Film Salt and Fire, der hier als höherer Unsinn mit Veronica Ferres geschätzt wurde, hat nach der ersten Woche 2.000 Zuschauer.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/16.