Matthias Dell
Ausgabe 4413 | 31.10.2013 | 06:00 47

Total demokratisch

Verweigerung Der MDR zieht ein Interview zurück, das der „Freitag“ mit einer Redakteurin über den neuen „Tatort“ geführt hat. Warum diese Entscheidung symptomatisch ist

Total demokratisch

Ideale Zuschauer: Die MDR-Redakteurin Götz (l.), die MDR-Intendantin Wille (sitzend l.), die Ministerpräsidentin Lieberknecht (sitzend r.), der Produzent Smeaton (2. von r.)

Foto: imago / Viadata

Eigentlich sollte hier ein Interview mit der MDR-Redakteurin Meike Götz stehen. Das Gespräch fand am Dienstag vor acht Tagen in Berlin statt. Es dauerte 75 Minuten bei laufendem Aufnahmegerät und mindestens eine weitere halbe Stunde „off the record“. Anlass war der erste Tatort aus Erfurt, der am 3. November in der ARD ausgestrahlt wird und in dessen Credits Frau Götz an prominenter Stelle unter Redaktion ausgewiesen wird. Es wurden Fragen gestellt, die ich kritisch oder auch nur journalistisch nennen würde, der MDR nennt sie „tendenziös“. Eine Autorisierung hat der MDR, trotz anders lautender Ansagen, bis Redaktionsschluss hinausgezögert. Rechtlich besteht diese Möglichkeit; den Text trotzdem abzudrucken, obwohl er den Wortlaut der Unterhaltung wiedergibt, könnte indes Kosten verursachen, die für den Freitag zu hoch sind.

Soll man deshalb empört Zensur, Nordkorea oder Pressefreiheit rufen und zu journalismusperformativen Vergeltungsschlägen wie dem Abdruck der Fragen bei geschwärzten Antworten oder entsprechendem Weißraum übergehen? Oder ist die Reaktion des MDR der normale Gang der Dinge, weil ein Gespräch mit einer Verantwortlichen nicht der Ort ist für Kritik? Welche der beiden Fragen man auch mit Ja beantwortet – der Umgang des MDR mit dem Interview ist bezeichnend, und er stimmt traurig.

Denn der MDR ist weder Nordkorea noch ein ruchloser Investmentbanker, der nicht weiß, wie Gemeinwohl geschrieben wird, und als einzige Legitimation den Profit seines Unternehmens vorweisen muss. Der MDR gehört dem Wir dieses Landes, er wird finanziert aus den Gebühren der Bürger, und er ist, vor allem, als Medienanstalt eminenter Teil der Öffentlichkeit. In einer demokratisch organisierten Öffentlichkeit ist Kritik, so unangenehm sie im konkreten Fall sein mag, von Bedeutung; man verständigt sich im freien Streit der Argumente. Aber das sind Gedanken, wie sie nur in den Zoos der Sonntagsreden vorkommen. In der freien Wildbahn der täglichen Praxis einer MDR-Redaktion spielen solche Überlegungen offenbar keine Rolle. Und das eben ist das Traurige: Von dem stolzen Institut eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben die Leute beim MDR, die es für eine gute Idee halten, sich Kritik zu verweigern, keinen Schimmer.

Es ist, zugegeben, eine ungewöhnliche Idee, von einer Fernsehredakteurin in einem Interview wissen zu wollen, warum sie schlechte Filme produziert. Es macht auch keinen Spaß, zu freundlichen Leuten konfrontativ zu sein. Aber es ging in diesem Fall nicht bloß um Fragen des Geschmacks. Mir schien dieses Interview angebracht, weil ich die Geschichte des Erfurter Tatorts symptomatisch dafür halte, was falsch läuft im deutschen Fernsehfilmfördersystem, einem der reichsten der Welt.

Geste: Transparenz

Diese Geschichte beginnt mit einer Ausschreibung. Die einstige Justiziarin Karola Wille war nach einem beschämenden politischen Gerangel zur Intendantin gewählt worden in der Nachfolge von Udo Reiter. Zugleich musste sich der Sender mit den Korruptionsaffären beim Kinderkanal und um den einstigen Unterhaltungschef Udo Foht auseinandersetzen; gegen letzteren hat die Staatsanwaltschaft Leipzig Anfang Oktober Anklage erhoben.

Gute Nachrichten sehen anders aus. Der Tatort Erfurt sollte welche bringen – eine offene Ausschreibung, bei der jeder sein Konzept für einen neuen Schauplatz der beliebten ARD-Reihe einreichen konnte und bei der nur festgelegt war, dass sie in Thüringen spielen sollte, dem bis dato einzigen sonntagabendkrimilosen Bundesland. Total demokratisch, total transparent. Der MDR kann auch anders.

Im Prinzip wird das Problem, um das es mir im Gespräch ging, schon an der Ausschreibung sichtbar: Was macht eigentlich eine öffentlich-rechtliche Filmredaktion beruflich, wenn sie nicht in der Lage ist, einen solchen Überblick über die Fähigkeiten von deutschen Drehbuchautoren und Regisseuren zu haben, dass sie wissen könnte, von wem sie sich den ihren Vorstellungen adäquaten Film versprechen würde? Wie lieblos, leicht und unsensibel gegenüber den Arbeitsbedingungen der freien, tatsächlich Kreativen bei der Arbeit am Programm ist es, in die Welt hinauszuposaunen: Schickt mal? Wie will man vermeiden, dass die Leute, die die Vorschläge gelesen haben, Ideen von abgelehnten Konzepten nicht irgendwann für ihre eigenen halten, ganz ohne böse Absicht? Und wie will man ernsthaft zwischen den über 100 Einsendungen differenzieren, die es schließlich gegeben hat?

Aber gut, dem MDR ging es um eine Geste: Transparenz. Dass sich dahinter nicht mehr als ein Lippenbekenntnis verbirgt (oder ein ziemlich amateurhafter Spin), zeigt die Wahl des Siegers. Aus den über 100 Vorschlägen wurde mit dem Konzept von Thomas Bohn ein Filmemacher und Autor ausgewählt, der bereits 15 Tatort-Folgen gedreht hat, etwa in Ludwigshafen und maßgeblich in Hamburg mit Robert Atzorn als Kommissar Jan Casstorff (2001 bis 2008). Natürlich kann auch Thomas Bohn sich bewerben, wo eine Ausschreibung offen ist. Seine Wahl passt nur nicht zu dem, was der MDR vorgab zu wollen. Was heute aber weder dem MDR auffällt noch anderen Journalisten.

Eine offene Ausschreibung hätte zum einen gerade den Vorteil haben können, auf Leute zu stoßen, die man nicht kennt. Die Wahl eines – von der Zahl der Folgen her – Routiniers wie Bohn mit der nicht unbedeutenden Firma von Pilcher-Produzent Michael Smeaton im Rücken ist dagegen eher geeignet, das gegenteilige Signal auszusenden: dass am Ende doch die Altbekannten gewinnen, also das Gemauschel, nicht die Offenheit. Bohn passt zum zweiten nicht zur Idee, etwas Neues oder gar Freches zu machen, was gelegentlich auch als Ziel verlautbart wurde.

Vor allem aber ist es ein Armutszeugnis zu behaupten, dass der Vorschlag von Bohn der beste der über 100 sein soll. Wer Bohns Tatort-Folgen kennt (und das hätte der MDR durch einen Gang ins ARD-Archiv ja tun können), weiß, was ihn am Sonntagabend erwarten wird: lausige Dialoge, grundlos schlecht gelaunte Figuren, pseudocoole Sprüche, schlechtes Timing, ein grobschlächtiger Wirklichkeitsentwurf und ein paar technische Mätzchen zur Überbrückung des Nichts, das die Geschichte ist (eine ausführliche Kritik, wie immer, am Sonntag nach dem Tatort auf freitag.de). Selbst wer die Folge – mit dem schon nichtssagenden Titel – „Kalter Engel“ nicht so genau und informiert anschaut, wie Kritiker das tun sollten, wird sie unmöglich als herausragend in Erinnerung behalten.

Feige Verzögerungstaktik

Das alles hätte man vorher wissen können. Und das ist das Problem der MDR-Redaktion (und manch anderen Senders, worüber gerade der Tatort-Föderalismus wunderbar Auskunft gibt): Die gut bezahlten, quasi verbeamteten und mächtigen Redakteure in den Sendern, die über die Filme entscheiden, die entstehen, wissen nicht, was das ist – ein guter Film. Sie können die Kuh nicht vom Pferd unterscheiden. Sie sagen schon Konzept zu der Idee, in Erfurt „das jüngste Ermittlerteam“ seit Menschengedenken zu präsentieren.

Und die einzige Erklärung, die ihnen darüber hinaus einfällt – googlen Sie mal die Meike-Götz-Interviews, die freigegeben worden sind –, ist ödeste Presseheft-PR: Absichtserklärungen zu Figuren, die keinen interessieren und die man im Film nicht sieht.

Aus der – mir fällt kein besseres Wort ein – feigen Verzögerungstaktik des MDR, das kontrovers geführte Interview nicht freizugeben [Aktualisierung: am 29. Oktober um 17.11 Uhr hat die Pressestelle des MDR das Interview ohne Angabe von Gründen zurückgezogen], spricht eine Angst, die bezeichnend ist. Für unsere Gesellschaft, vor allem aber für hochkonformistische Systeme wie Investmentbanken oder Redaktionen öffentlich-rechtlicher Sender. Die eigene Meinung ist etwas, das man sich für „off the record“ aufhebt. Und die Sender-PR lässt sich nicht verteidigen, wenn mal ein Journalist nachfragt. Es sind aber nicht große Maschinen oder abstrakte Figuren wie die Märkte oder die Quote, die Entscheidungen treffen, sondern die Leute, die dort arbeiten. Und die scheinbar nicht wissen, was sie tun.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 44/13.

Kommentare (47)

Matthias Dell 31.10.2013 | 12:59

würde ich widersprechen: zur bewertung wäre es hilfreich, auch die antworten zu kennen. die fragen sind ja nicht die feststehenden stichpunkte eines multiple-choice-tests, sondern es ging ja gerade darum, ein gespräch zu führen, also auch auf die argumente der gegenseite zu reagieren. nur die fragen abzudrucken wäre nur die hälfte der geschichte - und damit nicht mehr als eine geste, die einem in der sache auch nicht weiterhilft

Sizwe 31.10.2013 | 13:43

Nicht einfach, das. Demokratie, freie Meinungsentfaltung (grundrechtlich garantiert), offene Debatte - all das endet doch meist an der Türschwelle des Betriebes, in dem man/frau arbeitet. Hinter dieser Tür gilt das Hausrecht und der Arbeitsvetrag mit allen seinen Loyalitäts- und Geheimhaltungsklauseln. Grundgesetz hin oder her. In öffentlich-rechtlichen Institutionen ist das nicht viel anders, wenn ich mich nicht irre.

Wie die Geschäftsführung solcher Institutionen in derartigen Fällen entscheidet, ist wahrscheinlich eine Frage der Auslegung, bzw. der persönlichen Nähe oder Ferne zu einer demokratischen Haltung. Ganz bestimmt gehört dazu der Mut des Citoyens, den die Redakteurin Götz bewiesen hat, indem sie die Fragen beantwortete. Eine demokratische Haltung, die der Geschäftsführung des MDR ganz offensichtlich abgeht. Das ist wahrlich ein trauriger Tatbestand.

daba 31.10.2013 | 15:36

Hart aber fair. Dieser Satz lässt auf weitere fundiertere artikel zum Thema hoffen: …."symptomatisch dafür, was falsch läuft im deutschen Fernsehfilmfördersystem, einem der reichsten der Welt."
Ich denke, Aufklärung und Debatte ist nötig. Solange ARD/ZDF sich keine strukturellen Veränderungen erlauben, bleibt der deutsche Film und TV-Markt im internationalen Wettbewerb um das beste TV und die größten Filme so abgehängt, wie er ist.




blog1 31.10.2013 | 17:16

Lieber Matthias Dell,

Sie sind nun mal ein Kenner der Tatortszene, schreiben Sie in einer atemberaubenden Geschwindigkeit nach jedem Tatort ihre Kritik im Freitag. Man könnte sie auch den "Tatortkritiker" bezeichnen, wenngleich ihr Bekanntheitsheitsgrad aufgrund der der geringen Abdeckung des Freitag eher gering ist. Die zuständigen Personen beim MDR haben ihre Kritiken zweifellos gelesen und waren insofern vorgewarnt.

Die Tatsache, dass man sie zwar das Interview hat führen lassen, die Veröffentlichung aber letztlich versagt hat, zeigt im Grunde genommen nur, dass Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Auch habe ich den Verdacht, dass Sie den verantwortlichen Redakteueren im MDR freihaus Anregungen und Ideen geliefert haben, die jetzt intern weiterverwertet werden können. Ganz ohne Risiko, man nimmt eben das, was man kriegen kann. Auch die eingereichten Konzepte erfüllen einen nützlichen Zweck. Hier geht es doch nicht um Personen, sondern um Ideen.

Alles Gute fällt auf einen "fruchtbaren Boden". Das Problem ist nur , dass derjenige, der sät, am Ende nicht erntet.

Achtermann 31.10.2013 | 19:39

@Matthias Dell

"Es sind aber nicht große Maschinen oder abstrakte Figuren wie die Märkte oder die Quote, die Entscheidungen treffen, sondern die Leute, die dort arbeiten. Und die scheinbar nicht wissen, was sie tun."

Mich interessiert, weil ich's nicht exakt zu interpretieren weiß, ob Sie vermuten, die MDR-Leute wissen tatsächlich nicht, was sie tun. Oder ob sie nur vorgeben, nicht zu wissen, was sie tun.

oranier 31.10.2013 | 21:08

Achtermann, du Schlingel, trägst du hier Sprachritik in der Form einer scheinbar (!) harmlosen Frage vor? Du wirst hier doch einem Kulturredakteur nicht den umgangssprachlichen, aber falschen Gebrauch des Adjektivs „scheinbar“ und seine Verwechslung mit „anscheinend“ unterstellen wollen!

Die hochdeutsche Sprache lässt hier keinen Spielraum für exakte oder nicht exakte Interpretation, sondern nur für richtige oder falsche Anwendung: „anscheinend“ bedeutet danach „dem Anschein nach“, wobei offen bleibt, ob der Anschein trügt oder die Wirklichkeit widerspiegelt; „scheinbar“ heißt dagegen: es scheint nur so, ist in Wirklichkeit aber anders.

Der prägnante Merksatz dazu lautet: „Die Sonne dreht sich scheinbar um die Erde.“

Einen professionellen oder auch nur versierten Schreiber fragt man nicht, was er mit seinem Text meine, sondern man hat darauf zu vertrauen, dass er, was er meint, auch sprachlich „exakt“ auszudrücken weiß. Demnach sagt M. Dell, dass die MDR-Leute „nur vorgeben, nicht zu wissen, was sie tun“, sondern as scheint halt nur so.

Grüße

oranier

Berufsjugendlicher v2.0 31.10.2013 | 21:15

LOL, sehr gut, mal nachzufragen, wo das Gebührengeld versenkt oder verschenkt wird. Aber beim Thema Tatort würde ich bei anderen Sendern auch nicht mehr Substanz im Interview vermuten. Das hat wirklich Klasse, lieber Matthias Dell, eine derartige Reaktion zu dem Serienquatsch auszulösen. Ich schlage vor, den Grimme-Preis um eine Kategorie "Bestes Abwatschen einer ÖR-Sendeanstalt" zu erweitern und schlage Matthias Dell als ersten Kandidaten vor. Eigentlich sollte den zuerst der Vorsitzende der Partei, Martin Sonneborn, erhalten, der seinerzeit den WDR zur Nichtsendung von "Zimmer frei" provozierte, aber der spielt ja wirklich in einer eigenen Liga und wäre als Vorbild erdrückend. Deren Motto passt zu jedem Tatort: "Das Bier entscheidet."

luggi 31.10.2013 | 21:46

Es hat sich eine Fatalie mit diesen freigegebenen und redigierten Interviews entwickelt. Wenn jemand ein Interview gibt, dann sollte er den Arsch haben dazu zu stehen, was er sagte, oder für immer die Klappe halten oder vorher das Denkwerk einschalten, bevor sein Plapperwerk in Aktion tritt.

Seltsamer Kreislauf, ich bezahle Gebühren für einen Unsinn mit den sich totlaufenden Tatortfolgen ... und Herr Dell verdient Anerkennung und Geld mit seiner Kritik, die leider nicht zum finalen Abdreh der immer mehr unbeliebten Sonntagabendkrimibeliebigkeit bei der ARD führt.

weinsztein 01.11.2013 | 03:06

Lieber Mathias Dell,

ich vermute, dass das Interview nach der Erstausstrahlung dieses Erfurt-Tatorts am 3. November zur Veröffentlichung freigegeben wird. Es dürfte sich um eine panische wie dumme Reaktion der MDR-Presseabteilung gehandelt haben, als sie das Interview zurückzog. Man wollte sich den Start der Erfurt-Serie durch Sie nicht vermasseln lassen.

Der Freitag mag eine bescheidene Auflage haben, wird aber von vielen Medienmenschen beachtet und in den Redaktionen gelesen. Insofern greift sein Einfluss viel tiefer als die Druckauflage es ausdrückt.

Das weiß man natürlich auch beim MDR, der sich in diesem Fall so wenig souverän verhalten hat. Ich glaube nicht, dass das typisch ist für alle anderen öffentlich-rechtlichen Sender, im Gegenteil, dort dürfte über den MDR zur Zeit gekichert werden.

Achtermann 01.11.2013 | 08:23

"Einen professionellen oder auch nur versierten Schreiber fragt man nicht, was er mit seinem Text meine, sondern man hat darauf zu vertrauen, dass er, was er meint, auch sprachlich „exakt“ auszudrücken weiß. Demnach sagt M. Dell, dass die MDR-Leute „nur vorgeben, nicht zu wissen, was sie tun“, sondern as scheint halt nur so."

Gerade deshalb bin ich irritiert, weil Matthias Dell weiter oben schreibt:

"Die gut bezahlten, quasi verbeamteten und mächtigen Redakteure in den Sendern, die über die Filme entscheiden, die entstehen, wissen nicht, was das ist – ein guter Film. Sie können die Kuh nicht vom Pferd unterscheiden."

Daraus schließe ich, Matthias Dell ist der Meinung, dass die MDR-Redakteure tatsächlich nicht wissen, was sie tun. Andererseits bescheinigt er ihnen mit dem letzten Satz seines Artikels den Besitz professioneller Fähigkeiten. Sie seien aber nicht willens, diese für gutes Fernsehen einzusetzen.

Gruß Achtermann

Matthias Dell 01.11.2013 | 10:21

und @oranier

hach, das sind ja leser, wie man sie sich nur wünschen kann - zielsicher auf der problematischste, kopfzerbrecherischste wort zugesteuert, das in der tat widersprüchlich ist oder scheint und an dem ich lange rumüberlegt habe (wenn man das in dem relativen druck der zeit, in dem der artikel dann geschrieben werden musste, sagen kann). was ich damit - durchaus in der schiefen kürze, widersprüchlichkeit, in der das wort da steht - andeuten wollte, dass, grob gesagt, die redakteure im mdr aus der perspektive, die uns zuschauer hier interessiert (gute filme), nicht wissen, was sie tun, wenn sie bohn zum besten küren. dass aber natürlich der apparat weiß, was er tut, in seiner apparatslogik, dass es also für den mdr gar nicht um gute filme gehen muss, sondern um etwas, dass die quote nicht gefährdet, das budget nicht überzieht usw. - ist etwas viel verlangt, diesen gedanken durch das scheinbar schiefe wort repräsentiert wissen zu wollen, aber dank aufmerksamer leser stößt man dann ja drauf.

und wegen der unschärfe der mutmaßung wäre es eben um so wichtiger, dass die fernsehleute einmal reden, sich erklären und ihre maßstäbe und motivationen über die presseheft-mantras hinaus

adam 01.11.2013 | 10:24

Der Artikel spricht mir aus der Seele. Gutes braucht Zeit und kritische Geister. Und die werden immer rarer. 2008 hätte das (Banken) System in der uns bekannten Form (nach seinen eigenen Marktregeln) zusammenbrechen müssen. Schwupp wurden es für systemrelevant erklärt. Monopoli Hoch 3 hat uns eine Welt ewiger Wiederholung aufgenötigt. Und weil man im Internet noch in hundert Jahren nachlesen kann, wer was gesagt hat, wird die Kontrolle erhöht. Geld lässt Leute bekanntlich Dinge sagen und tun, für die sie sich normalerweise entweder schämen würden oder die sie nie geschrieben hätten. Darum auch bin ich konsterniert über die meisten Kommentare hier.

Matthias Dell 01.11.2013 | 10:38

vermutlich (diese rumgerate nervt) ist es so, dass da gedacht wird, mit diesem interview kommen wir nicht gut weg, das autorisieren wir nicht (es gab ja auch keine angabe von gründen). wobei mir nicht klar ist, was "vermasseln" heißen soll in diesem kontext - ihre natürlich völlig richtige beschreibung der geheimen wirkungsmacht des freitag in ehren, lieber weinsztein, aber dass dieser text/das interview irgendwelche gravierenden auswirkungen auf den quotenerfolg des tatort haben könnte, halte ich für eine abwegige vorstellung.

im gegenteil könnte man sagen, gucken die leute nach diesem text hier (bzw einem interview, in dem aussage gegen aussage über die qualität des films argumentiert) erst recht, um zu schauen, ob das grauen wirklich so groß ist, wie vom autor behauptet. was aber auf die quote ja sowieso keinerlei auswirkungen hat, weil dazu jemand von uns hier so einen komischen apparat zuhause stehen haben müsste, der irgendwelche einschaltbewegungen registriert, aus deren hochrechnungen sich der mdr dann sein weltbild bastelt.

es wird am sonntag 8,72 prozent geben oder 9,02 oder 8,54 oder 9,13 und dann werden am montag beim mdr alle alles richtig gemacht haben und die mediendienste etwas von "tagessieg" schreiben

klonkifanko 01.11.2013 | 17:11

Schön zu lesen, dass sich in Deutschland manchmal Journalisten noch etwas trauen und sich nicht den Ton verbieten lassen.

Nur: Was sind eigentlich die Umstände, unter denen ein solches Interview einfach unterm Teppich verschwinden kann? - Mir scheint diese Tatsache vor allem zu verraten, wie gewöhnlich Interviews mit Medien-Oberen in Deutschland geführt werden: nämlich gefällig. Will sagen, dass die Mehrheit der Medien-Journaille wohl das Spiel mitmacht und sich mit Kritik und "tendenziösen" Fragen lieber zurückhält.

Am Ende dieser kleinen Affäre stehen also zwei bittere Erkenntnisse: 1. Eine Verbesserung des Tatort durch Kritik ist nicht zu erwarten. 2. Eine Kritik zur Verbesserung des Tators ist in größerem Maßstab ebenfalls nicht zu erwarten.

In der Folge stehen Sie, geschätzter Herr Dell, alleine da und alle anderen schauen fleißig MDR- und Schweiger-Tatorte und erfreuen sich des kaum erreichten Mittelmaßes.

lebowski 01.11.2013 | 19:38

Das zurückgezogene Interview ist auch Thema bei SPON

http://www.spiegel.de/kultur/tv/kalter-engel-neues-tatort-revier-erfurt-mit-alina-levshin-a-929518.html

"Besonders diskussionsfreudig ist der Sender trotz inszenierter Offenheit jedenfalls nicht: Ein kritisches Interview zum neuen Erfurter "Tatort"-Revier mit dem Fernsehkritiker des "Freitag", Matthias Dell, zogen sie jedenfalls während des Autorisierungsprozesses komplett zurück. Der Autor machte den Vorgang in einem Artikel öffentlich - ironischerweise ist das genau die Art von Transparenz, die sich der MDR auf die Fahnen geschrieben hat. Doch der Druck, Erfolge vorweisen zu müssen, ist offensichtlich zu groß, um offen mit dem neuen Film umgehen zu können, so wie es sich für ein öffentlich-rechtliches Produkt gehört."

Georg von Grote 02.11.2013 | 11:00

Ich find es gut, dass Dell den Vorfall hier thematisiert hat. Auch wie er es thematisiert hat, bis auf den letzten Absatz, der mir ein wenig überzogen erscheint, auch wenn ich zugebe, dass es einem gewaltig stinkt, wenn aus fadenscheinigen Gründen plötzlich ein Interview, das man selbst auch noch für wichtig, gelungen und vielleicht auch entlarvend empfindet, kurz vor Drucklegung zurückgezogen wird.

Passiert einem immer wieder mal. Entweder es wird komplett zurückgezogen oder es kommt so verfälscht zurück, dass man es selbst nicht mehr wieder erkennt und deshalb auf Veröffentlichung verzichtet. Meistens erfährt der Leser auch gar nichts davon. deshalb gut, dass es hier einmal zur Sprache kommt und offenbar auch anderweitig aufgegriffen wird.

Allerdings ist es müßig, darüber zu diskutieren, welche Beweggründe den MDR dazu verleitet haben mögen, so zu handeln. Wir kennen das Interview nicht. Weder die Intention, weder die Fragen, noch die Antworten.

ceebee 02.11.2013 | 13:47

Herr Dell trägt lediglich zur Meinungsbildung bei. Gibt er ein Urteil ab, hat er die Kriterien der Beurteilung offen zu legen. Das hat er für in der Beurteilung von Tatort-Folgen bislang nie getan. Solange er dies nicht tut bleiben seine Urteile belanglos. Gerne würde ich mich mit ihm "im freien Streit der Argumente" auseinandersetzen, allein entzieht er sich einer solchen Auseinandersetzung systematisch. Und -natürlich - ist es mir auch nicht angenehm den netten Herrn Dell so zu konfrontieren.

Tad Baste 02.11.2013 | 14:58

@Matthias Dell

Danke für den Hinweis „googlen Sie mal die Meike-Götz-Interviews, die freigegeben worden sind“. Hätten Sie den doch mal für sich selbst beherzigt, denn ich habe auch sogleich und ohne Mühe Erbauliches gefunden. Das hat mir dann doch zu Denken gegeben - über Sie!

Ein kleiner Auszug gefällig?

Wie hat Ihnen persönlich Erfurt gefallen?

“Ich war vor den Dreharbeiten noch nie in Erfurt und ich finde die Stadt wunderschön und hab mich richtig in Erfurt verliebt, das können Sie gern schreiben (lacht). Ich finde die Stadt total süß, wie ein kleines Venedig mit den vielen Flüsschen und den wunderbaren, sehr höflichen Menschen.”

Wie Sie sehen, Herr Dell: Wer schöne Fragen stellt, bekommt von Meike Götze auch schöne Antworten für ein insgesamt schönes Interview und kann dabei wunderbare und ganz persönliche Informationen erhaschen!

Das hätte dF nicht nur in time drucken, bloggen und wohl (wenn auch auf eigene Kosten) plakatieren dürfen. Ich vermute vielmehr, Sie hätten sich so auch einen guten Namen bei den Verantwortungsträgern erworben, nicht nur beim MDR, sondern auch bei den Anstalten darüber hinaus! Und weil man Sie dann gekannt hätte, hätten Sie mit der Zeit auch mal den einen oder anderen Preview erhalten, und später vielleicht sogar mal mit Anreise, Kost, Logis und persönlicher Betreuung einen Blick hinter die Kulissen werfen dürfen. Welche Zukunft!

So bleibt nur festzustellen: Chance vertan, Herr Dell! Falsche Fragen heißt keine Interviewfreigabe, und Ihr Name ist jetzt notiert. Das nächste Mal reichen Sie Fragen daher bitte rechtzeitig vorher schriftlich ein.

Nach etwas Selbstreflektion werden Sie vermutlich wissen, dass Sie selbst schuld sind. Sie werden auch weiterhin jeden Sonntagabend (an Ostern und Pfingsten natürlich Montagabend) keine Zeit für Ihre Familie, Ihre Freunde oder sich selbst haben, erst hastig telekonsumieren müssen, um dann hier unter ärgster Zeitnot zu bloggen!

Dabei hätte alles so schön werden können…

Horge 02.11.2013 | 15:29

Alles gelesen und sage, wenn es stimmt, das der Tatort insgesamt Zuschauer "verliert" spricht das für mich für die Qualität der Zuschauer, die einer evtl. sinnstiftenderen Beschäftigung nachgehen. Wenn wir jetzt noch die "Haushaltsabgabe" auf "on demand" stellen, hurra. Das ein Interview nicht authorisiert wird, ist doch bei "Anstalten des öffentlichen Rechts" nichts neues. Die interviewen doch am liebsten selber und zwar hauptsächlich den, der auf Linie wandelt, um Fragen nach dem Weg des Geldes in der Anstalt möglichst aus dem Weg zu gehen. Nützlich hierbei: http://www.otto-brenner-stiftung.de/otto-brenner-stiftung/aktuelles/

Wie schon früher an anderer Stelle geschrieben wäre für mich der Hype der genau dies, was hier passiert, als Drehbuch zu nehmen und eben geistreich irgendwo ein paar schmuck gschminckte Untote zu platzieren. Mich langweilt am Tatort seit Jahren nichts mehr, als die immergleichen Thematiken rund ums große Nichts des alltäglichen und der Bewusstlosigkeit gegenüber der politischen Inquisition durch täglichen Schuldenbergbau. Hätte der Tatort nicht immer wieder tolle Schauspieler im Spiel, es wäre gar nicht mehr anzuschauen.

Achtermann 02.11.2013 | 17:10

Ein interessantes Interview. Die Befragte gibt Einblick in ihr Denken:

"Wir versuchen natürlich wirklichkeitsgetreu zu sein, aber manchmal gewinnt die Dramaturgie vor der Logik. Aber wir wollen möglichst realistisch erzählen."

Ob ihre Schlichtheit eine scheinbare ist, kann Matthias Dell besser entscheiden. Aber der Satz: "Wir drehen in Erfurt, das ist schonmal MDR pur!", deutet darauf hin, dass Borniertheit in diesem Sender Regie führt.

Matthias Dell 03.11.2013 | 10:58

was den letzten absatz angeht: mir ist dieser punkt tatsächlich wichtig und mir geht es da gar nicht darum, dass mir was persönlich stinkt - ich finde es einfach verheerend, wenn der spielraum von kritik/kommunikation so eingeengt wird, wenn es nicht mehr möglich ist, so was auszuhalten. das sind aktionen, die dann zu dem bild vom öffentlichen diskurs führen, dass tad baste weiter unten ironisch zeichnet. und ich mag nicht glauben, dass das gut ist für das miteinander. in der aktuellen süddeutschen ist ein text über die gefahr, die "schleimer", als konformismus in unternehmen verursachen können. hier nur der anfang: http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/SZ/20131102/klasse-boss/A55780503.html

Matthias Dell 03.11.2013 | 11:31

der produzent in dem interview ist aber auch nicht von schlechten eltern. auf die frage nach dem unterschied, die da knallhart investigativ gestellt wird:

Es ist das jüngste Kriminal-Team, das wir überhaupt im deutschen Fernsehen haben. Auch wenn junge Leute um die 30 durchaus so eine Karriereleiter erklommen haben können. Das ist realistisch. Es sind ganz normale junge Leute, die als Polizisten arbeiten.

und weiter oben die toperklärung:

Alina Levshin spielt eine angehende Staatsanwältin, die freiwillig ein Polizeipraktikum absolviert, um alles von der Pike auf zu lernen. Und so eine Konstellation gab es meines Wissens beim Tatort noch nicht.


sie nannten es originalität. in solchen kategorien gedacht, gab es auch noch keinen kommissar, der nachts im zoo den elefanten knoten in die rüssel macht oder nur grüne lebensmittel ist. alles konstellationen, die wir meines wissens noch nicht hatten im tatort.

Georg von Grote 03.11.2013 | 16:49

Okay, dann habe ich das wohl ein wenig anders interpretiert. Und im Prinzip sind wir da ja einer Meinung. Das ist alles andere als gut.

Allerdings ist das eine Entwicklung, die sich schon seit längerem abzeichnet, was man ja auch an diversen Interviews sieht, egal um welche spezielle Branche es sich dabei dreht. Es stellt sich kaum mehr einer einem kritischen Gespräch, bzw. läßt Kritik an seiner Arbeit zu.

Ich kann wenig dazu sagen, wie es sich dahingehend im Bereich Politik, Wirtschaft verhält, im Medienbereich, vor allem bei Film und TV hat die Tendenz zum Konformismus, zur Kritikvermeidung und zum Opportunismus schon Ende der 90er eingesetzt. Vor allem bei deutschen Gesprächspartnern, Ob Redakteure, Regisseure, Produzenten oder Schauspieler. Während man sich mit Franzosen, Engländern oder Amis über Qualität von Produktionen, Filmen noch trefflich fetzen konnte, war in Deutschland wohlfeile Berichterstattung angesagt. Und das ging nicht nur von den sogenannten "talents" aus, sondern auch von den Redaktionen. Kritische Artikel, Interviews wurden entweder geglättet oder gar nicht erst gedruckt, weil man es sich nicht verderben wollte. Ausnahmen gab es zwar immer, aber insgesamt wurde und wird nach wie vor extrem nivelliert. Die Verursacher dieser Entwicklung logieren aber auf beiden Seiten, in den Redaktionen der Zeitungen, wie in denen der Sender.

Insoweit hätte mich Ihr Interview schon sehr interessiert, zumal ich die banal bis peinlichen PR-Aktionen des MDR zum Tatort teilweise verfolgt habe.

Ich gebe auch zu, mir hat es jedes Mal gestunken, wenn ein Interview aus solchen "Gründen" unterdrückt wurde.

oranier 03.11.2013 | 19:03

Ach wissen Sie, lieber Dell, mein Problem ist, dass ich keineswegs zielsicher auf problematische Wörter zugehe, sondern dass solche mich, vielleicht wegen der zwei außergewöhnlichen Sprachzentren in meinem Gehirn, permanent beim Texte-Lesen schmerzhaft belästigen, ohne dass ich bewusst auf sie zuginge. Bei einem Satz, wie „… etwas, dass die quote nicht gefährdet …“ z.B. komme ich sofort ins Grübeln über das „dass“.

Dem Tatort gehört nicht gerade mein Interesse, ich finde aber auch, dass der MDR besser Sie damit betrauen sollte. Was ich empörend finde, jenseits jeder Spekulation über mögliche Bewusstheit der Verweigerung, ist die umstandslose Missachtung der Arbeit, die Sie für das Interview geleistet haben.

Zu dem Film lese ich in der heutigen Programm-Ankündigung:

„Nur nett und jung hat noch nie gereicht“

„Ja, die Darsteller sind sympathisch und talentiert, doch das Action-Intro (eine Flucht im Parkourstil samt sinnlosem Salto), der Slang der Ermittler und studentischer Leistungsdruck als Thema wirken weniger modern als anbiedernd. Der Film ist schnurrig, aber eher nachlässig und bieder inszeniert als dicht erzählt. Trotz netter Ansätze und Typen mit Potenzial ist das Endprodukt nie originell. Der Drehort Erfurt spielt kaum eine Rolle.“

(„TV-Spielfilm“, mit dem Daumen, wie selten beim Tatort, zur Seite statt nach oben, ).

ZDF („Beste Freundinnen“) erscheint mir, trotz des Daumens nach oben, auch nicht besser. Bewertungs-Kommentar dazu: „Durchsichtige Schnurre - kurzweilig bis rührig“.

Fällt es eigentlich nur mir auf, dass hier wohl „rührig“ das problematische Wort ist und es stattdessen „kurzweilig bis rührend“ heißen sollte?

So oder so, mein Fernsehtipp für heute: „Lösegeld“ auf 1 Festival