Matthias Dell
29.02.2012 | 11:30

Triebe sehen dich an

Kino Geschmackvolle Bilder, die bürgerliche Vorstellungen von Erotik bedienen und einen sexsüchtigen Menschen zeigen: Steve McQueens ziemlich zielloser Film "Shame"

Michael Fassbender ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Über Schauspieler sagt sich das leicht und über Schauspieler wie Michael Fassbender noch leichter, weil Michael Fassbender zu den wandelbaren Schauspielern gehört, zum Colin-Firth-Club, wenn man so will. Zu den Schauspielern, die aussehen wie ihre jeweilige Rolle, anstatt ihre jeweilige Rolle aussehen zu lassen wie sie selbst.

Im Spielfilmdebüt Hunger (2008) des Künstlers Steve McQueen spielte Michael Fassbender den IRA-Häftling Bobby Sands, der sich für die Anerkennung als politischer Gefangener Anfang der achtziger Jahre zu Tode hungerte: haarbewuchert, eingefurcht, großäugig. In McQueens zweitem Film Shame ist er nun ein New Yorker Gutverdiener in irgendeinem Büro, gepflegt, diskret, eindringlich. Dieser Brandon ist eine eigenartig gesichtslose Gestalt, er verschwindet hinter dem Antlitz, das er wie eine Fassade trägt. Brandon ist ein passives Geschöpf, in leicht veränderter Lesart eines Wortes des Schriftstellers Thomas Melle könnte man sagen, Brandon ist „selbst ganz Auge“, ein ungerührter Mensch, der nur aus den Blicken besteht, die er auf die Welt wirft.

Diese Blicke haben in Shame vor allem ein Ziel: einen unstillbaren Hunger nach sexueller Erregung. Brandons Leben kreist um die permanente Suche nach Erfüllung eines Begehrens, das auf Autopilot geschaltet immer unerfüllbar bleibt. Anders als sein Vorgesetzter David (James Badge Dale) verliert sich Brandon nicht in ungelenken Anmachen, sondern bleibt sympathisch im Hintergrund, um am Ende des Abends mit der Adressatin von Davids Bemühungen Sex zu haben. Prostituierte stehen zu Brandons ständiger Verfügung genauso wie die Bilder im Internet.

Ein Indiz, das ins Leere führt

Steve McQueen folgt in Shame einen, im Wortsinn, Getriebenen durch einen Film, der sich nie so recht entscheiden kann, was er eigentlich sein will. Dass man in Fassbenders Gesicht auch die kaputte Raubtierhaftigkeit von Christian Bales Patrick Bateman aus der Verfilmung von Bret Easton Ellis Roman American Psycho entdecken kann, ist kein Zufall, aber auch nur ein Indiz, das ins Leere führt. Wo Ellis mit bösem Humor die Auflösung von Realität in eine amoralische Zeichenwelt durch die Augen eines Wall-Street-Yuppies beschreibt, der zwischen kranker Fiktion und gewalttätiger Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann und darüber unbehelligt bleibt, gibt es in Shame einen Bezug zur Realität als moralische Welt. Brandons Schwester Sissy (Carey Mulligan), eine erfolglose Sängerin, quartiert sich in der leeren Wohnung Brandons ein und versucht, an familiäre Bindungen zu appellieren, von denen ihr Bruder sich abgekoppelt hat.

Der Film kokettiert mit der Bekehrungsgeschichte, die im Auftritt der Schwester oder der Entdeckung von Brandons durch Sex-Websites verseuchte Festplatte im Büro angelegt ist. Gleichzeitig ist alles von dumpfer Konsequenzlosigkeit, die ermüdend wird nicht wegen des redundanten Begehrens von Brandon, sondern dem geschmackvollen Ästhetizismus der Bilder. Shame entwirft die Überfülle von Reizen immer nur als reizvoll ausgestattete Welt. Brandons krankhafter Sexismus kommt zu stimmungsvoller Musik in Bildern daher, die ausgedruckt als coffee table book bürgerliche Vorstellungen von Erotik bedienen könnten. Daher hat der Film seine metonymische Szene in einem ziellosen Jogginglauf Brandons, bei dem ihm die Kamera durch die Kulisse von New Yorks begleitet. Sieht elegant aus, auch wenn man nicht weiß, wozu.