Trockenübungen im Titicacasee

Festival Das 56. Leipziger Dokumentarfilmfest erfreut sich großen Zuspruchs bei durchwachsenem Programm
Matthias Dell | Ausgabe 45/2013

Am letzten Montag, als die sogenannte Dokwoche in Leipzig gerade vorüber war, fand in Berlin der „Mainzer Mediendisput“ in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz statt. Es ging um einen „Erzählnotstand“ im deutschen Fernsehen, was sich irgendwann auch auf die Frage kaprizierte, ob zehn lange, künstlerische Dokumentarfilme, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen pro Jahr produziert, eine angemessene Zahl seien – etwa im Blick auf die Milliarden Euro an Gebühren, die ARD und ZDF zur Verfügung stehen.

Claas Danielsen, der im nächsten Jahr scheidende Leiter des Leipziger Festivals, würde diese Frage wohl mit Nein beantworten. Dabei zeigt sein Festival wiederum Produktionen, die nicht nur mit Fernsehgeld (ohne das in Deutschland kaum ein Film gemacht werden kann), sondern auch mit einer Kinoförderung entstanden sind, was Programmierung und Wertschätzung innerhalb der Sender nicht erleichtert.

„Warum hat es der erzählerische, künstlerische Dokumentarfilm dann jenseits der Filmfestivals so schwer? Warum erkennen nur noch so wenige Entscheidungsträger in den Fernsehanstalten, wie gut sie diesen Schatz nutzen könnten?“, fragte Danielsen in seiner Eröffnungsrede und deutete damit auf ein Dilemma – dass die bürokratische Trennung in künstlerisch (Kino) und formatiert (Fernsehen) beim Dokumentarfilm wenig Sinn ergibt. Er gehört ins Fernsehen, auch weil er gesehen werden will. Als hoffnungsvolles Zeichen kann man es nehmen, dass der in Leipzig ansässige MDR in diesem Jahr den Hauptpreis, die Goldene Taube, stiftete.

In Leipzig kamen am Ende über 40.000 Besucher, ein Rekordergebnis, das dafür spricht, wie es Danielsen und seinen Mitarbeitern seit 2004 gelungen ist, die Festivalmaschine flott zu machen – in diesem Jahr gab es unter dem Titel „DOK im Knast“ sogar Vorführungen in einer Jugendstrafvollzugsanstalt. Man kann das für Firlefanz halten, es trägt aber zweifellos zur Attraktivität des Gewusels bei, das ein Filmfestival als Kommunikationsbörse heute erzeugt.

Volker-Koepp-Land

Für den Zuschauer verknüpfen sich in dieser Ballung Sichtungen, beginnen die Filme, in engem Takt geschaut, miteinander zu reden. So kann man allein am Rhythmus dreier Gewässer basierter Erzählungen sehr schön den Unterschied zwischen fließend und stehend erkennen.

In Volker Koepps In Sarmatien und Bernhard Sallmanns Die Welt für sich und die Welt für mich geht es um Flüsse. Sallmann kartografiert einen Donauabschnitt, an dem August Strindberg einmal für kurze Zeit familiäres Glück suchte, und auch wenn die Aufnahmen häufig statisch sind, bewirkt allein der Strom der Strindberg-Texte, in denen es, überraschend modern, um Kinderbetreuung geht, einen Sog.

Der alte Fahrensmann Koepp wiederum reist wild durch ein Gebiet, in dem er nicht zum ersten Mal filmt. Man könnte gar den Eindruck haben, dass der antike Begriff Sarmatien für den Raum zwischen Wolga und Weichsel, Schwarzem Meer und Ostsee, den Memel und Dnister durchziehen, tatsächlich als poetische Bezeichnung für Volker-Koepp-Land erfunden wurde: Mittlerweile trifft der Filmemacher dort auf Leute, die ihm von Eindrücken erzählen, die frühere Filme bei ihnen hinterlassen haben. Auch die Tatsache, dass die Geschichte zweier Übersetzerinnen aus alten Werken im Zentrum von In Sarmatien stehen, zeigt ein gewisses Maß an Selbstreferenzialität an, wobei dem tendenziell unabschließbaren Film aufschlussreiche Begegnungen und lakonische Einblicke etwa in die elternlose Lebenswelt Moldawiens gelingen.

Verlorener Horizont der Filmhochschüler Emma Rosa Simon und Robert Bohrer entfaltete dagegen einen – im positiven Sinne – schläfrigen Duktus. Ironisch-wohlwollend schauen die Filmemacher auf die Trockenübungen am Titicacasee, mit denen sich die bolivianische Marine für die Wiedergewinnung des Meerzugangs bereithält, der seit mehr als 130 Jahren von Chile verstellt wird. Sehnsucht wird hier anders buchstabiert als bei Sallmann oder Koepp: Ein Land inszeniert sich permanent eine Erinnerung an seine Verbindung zur Welt.

Trotz solch interessanter Verbindungslinien erschien der Deutsche Wettbewerb von Leipzig in diesem Jahr in seiner Gesamtheit durchwachsen – inklusive seines diskussionswürdigen Gewinnerfilms The Special Need über den Autisten Enea, der eine Frau sucht. Neben Marc Bauders kühl-souveräner Investmentbanking-Geschichte Master of the Universe (siehe Seite 23) nahm sich der Rest des Programms formal mitunter zu vage aus – so aufregend und dringlich die verhandelten Themen etwa bei Thomas Lauterbachs Das kalte Eisen (Waffenbesitz), Yael Reuveny Schnee von gestern (Leben nach dem Holocaust) oder Land in Sicht von Judith Keil und Antje Kruska (Asylsuche) auch waren.

 

06:00 20.11.2013
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