„Tübingen berührt“

Im Gespräch Der malische Filmemacher Souleymane Cissé über seine Sozialisation durch das Kino, alte deutsche Städte und den Unfrieden in der Heimat
Matthias Dell | Ausgabe 47/2013 1

Der Freitag: Sie sind ein Kind des Kinos im besten Sinne des Wortes – Sie haben früh angefangen, hinzugehen.

Souleymane Cissé: Meine älteren Brüder haben mich mitgenommen, 1946/47 ging das los. Das Kino war der ideale Ort für junge Leute, um sich zu treffen. Ich war dem Kino in diesen Jahren verbunden, ohne es zu wissen. Erst in der Zeit der Unabhängigkeit Malis, um 1960, hat sich für mich entschieden, dass ich im Kino arbeiten würde.

Inwiefern?

Ich arbeitete als Vorführer und musste Wochenschauen zeigen, malische und ausländische. Eine handelte von der Verhaftung Patrice Lumumbas, des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo, das war ein Schock. Das Kino hatte enormen Einfluss auf uns. Ich habe angefangen, mich für das Machen zu interessieren.

Sie haben am Filminstitut in Moskau studiert, am WGIK.

Ich war schon für Praktika in Moskau gewesen, sprach aber kaum Russisch. Wieder zurück in Bamako bin ich zum Bildungsministerium und habe ein Stipendium bekommen. Ich bin dann sechs Jahre in Moskau geblieben, im ersten habe ich nur die Sprache gelernt.

Hat die Verbindung zur Sowjetunion überdauert? Gibt es diesen Kontakt zwischen Mali und Russland noch?

Das war eine Folge der Unabhängigkeit 1960. Die Sowjetunion und Mali nahmen diplomatische Beziehungen auf. Und die SU unterstützte Mali bei seiner Entwicklung, das war in den sechziger Jahren wichtig. Dazu gehörten diese Stipendien, davon gab es damals Tausende, für alle Uni-Fächer. Nach dem Staatsstreich 1969 ist das weitergegangen, aber immer weniger geworden. Heute ist der Studienaustausch nur noch Makulatur.

Ich nehme an, dass Sie in Bamako durch französische Filme sozialisiert wurden.

Nein, durch amerikanische. Auch wenn das paradox klingt: Die Franzosen haben uns kolonisiert, aber der Großteil der Filme, die wir gesehen haben, kamen aus den USA. Ich kann mir das bis heute nicht erklären. Die Filme waren französisch synchronisiert, vermutlich hat das den französischen Verleihern schon gereicht als kultureller Einfluss. Die restlichen Filme waren französische, arabische, indische.

Dann stand Ihre Sozialisation im Gegensatz zu dem Kanon, auf den Sie beim Studium in Moskau gestoßen sind?

Ich bin nach Moskau, um alles über das Kino zu lernen, ich habe da etwa erst verstanden, wofür es einen Regisseur gibt. Ich dachte in meiner kindlichen Wahrnehmung immer, es wären die Schauspieler, die Kino machten. Ich habe die Sprache des Kinos gelernt. Und dafür hatten wir beste Bedingungen, wir konnten alle wichtigen Filme der Welt schauen in unserem Kino, ohne Zensur, ohne Vorbehalte.

Lernen die Kinder in Bamako die Welt noch durchs Kino kennen?

Das Kind von heute guckt fern.

Existieren die Kinos noch?

Es gibt keine Kinos mehr. Entschuldigen sie das Wort, aber ich sage, dass die Demokratisierung des Landes nach 1991 dafür verantwortlich ist. Die Kinosäle, die lange staatlich waren, wurden privatisiert, verkauft, in Kaufhäuser umgewandelt. Es gibt noch ein Kino in Bamako, das aber geschlossen ist, eines in Ségou, das kaum was zeigt, eins in Sikasso, eines nahe Mopti und eines in Kayes im Westen. Das war’s.

Wenn hier von Mali die Rede ist, dann nicht vom Kino. Wie beurteilen Sie die Lage des Landes?

Die Malier haben jetzt verstanden, dass sie in einem zerbrechlichen Staat leben. Deshalb bedarf es fähiger Leute, um dieses Land zu restrukturieren. Das alte Regime basierte auf Korruption und Ungerechtigkeit, das konnte nicht funktionieren. Der Norden des Landes ist delikat. Da gibt es Erwartungen an Selbstbestimmung, die älter sind als die Unabhängigkeit, die waren immer da und sind weiter gewachsen. Schwierig ist das geworden, als wir den Dschihadisten gestattet haben, sich dort festzusetzen. Das ist auch der Irrtum der Tuareg, die sich mit den Islamisten verbunden haben und gegen die malische Armee kämpfen.

Für den 24. November sind Parlamentswahlen angesetzt, der neue Präsident ist seit knapp einem halben Jahr im Amt. Macht das Hoffnung?

Die Wahlen werden stattfinden, da bin ich mir sicher. Und sie werden helfen, Mali Frieden zu bringen. Die Probleme, die wir jetzt haben, müssen gelöst werden. Und das werden sie.

Steckt im Einsatz der französischen Armee eine koloniale Geste? In Deutschland ist solches Engagement umstritten.

Das kann man nicht behaupten. Mali war in Gefahr und hat die Partner nach Hilfe gefragt. Erst wollte keiner reagieren, doch die Bedrohung war ernsthaft, vor allem überstieg sie unsere Möglichkeiten zur Verteidigung. François Hollande hatte den Mut zu handeln. Und das war richtig.

Worin liegt die Hoffnung auf Frieden begründet?

1995 habe ich einen Film gemacht, in dem es schon um die Konflikte ging, mit denen wir heute leben. Das hat man damals nicht gesehen. Waati (Le Temps), verhandelt das wahre Problem Afrikas von Südafrika bis in den Norden Malis. Ich habe damals versucht, einen Dialog herzustellen. Mali allein ist ein Land verschiedener Ethnien, verschiedener Kulturen, verschiedener Geschichten. Aber das ist ein Reichtum Malis, nicht der Grund, sich zu bekämpfen.

Wie verhindert man, dass Hass entsteht, der über Generationen trägt?

Hass ist das Mittel der Radikalen, die das Land in Flammen setzen wollen, damit sie es steuern können. Wir haben kein Problem zwischen Schwarz und Weiß oder Hellhäutigeren und Dunkelhäutigeren. Dass diese Unterschiede Menschen dazu bringen, jemanden zu töten, ist nicht Teil der malischen Tradition. Das wird von bestimmten Leuten forciert.

Sie waren gerade in Tübingen, dann in Berlin. Wie nehmen Sie Deutschland wahr?

Tübingen hat mich sehr berührt (lacht), weil ich glücklich bin, wenn ich in einer alten Stadt weile. Das erinnert mich an meine Jugend, an das Viertel in Bamako, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Das ist auch ein altes Viertel, Bosola. Das ist wie Tübingen. Und ich habe die Vorführungen mit dem Publikum gemocht, das war interessant und aufschlussreich. Die Leute haben aufmerksam geguckt und gefragt, sie wollten den anderen kennen lernen.

Ihre Filme machen es dem Zuschauer hier auch leicht, sie erzählen moderne Geschichten.

Ich war jedenfalls zufrieden. Und gestern habe ich Berlin entdeckt. Als ich 1978 mit Baara auf der Berlinale war, habe ich fast nichts gesehen. Ich bin kaum ausgegangen, weil es so kalt war. Das war damals das erste Mal, dass die Berlinale im Februar stattfand. 1970 war ich auch schon mal hier, da hatte ich bei der DEFA in Potsdam einen Film geschnitten.

Wie hieß der?

Biennale 70, das war in der Zeit, als ich beim Informatonsministerium angestellt war. Sie können den Titel gern aufschreiben, finden werden Sie den aber nicht. Die Kopie ist leider verschwunden.

Wie findet man überhaupt Ihre Filme? Drei gibt es auf Youtube.

Ohne mein Einverständnis. Ich freue mich natürlich, dass die Filme gesehen werden können. Wer Filme macht, will, dass sie gesehen werden. Aber ich bin auch dafür, dass die Kontrolle über meine Filme bei mir bleibt. Deswegen führe ich Gespräche darüber, wie ich alle meine Filme selbst zugänglich machen kann.

Zur Lage der Filme: Den Muso (Das Mädchen, 1975), Finye (Der Wind, 1982) und Yeelen (Das Licht, 1987) sind auf DVD bei trigon-film.org erschienen. Baara (Der Lastenträger, 1978) und Min Yé (Sag mir, wer du bist, 2009) kursieren aktuell bei Youtube

Souleymane Cissé, geboren 1940, ist der Altmeister des afrikanischen Kinos. 1987 gewann er die Goldene Palme von Cannes für Yeelen (Das Licht). In Tübingen war ihm nun eine Retrospektive seines schmalen Werks gewidmet. Dort lief auch ein Film seiner Tochter Soussaba: N’gunu N’gunu Kan (Gerüchte vom Krieg)

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11:12 20.11.2013
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