Tücken der Erinnerung

DDR Wie man sich mit der Vergangenheit versöhnt: „Kundschafter des Friedens“ und „Der Ost-Komplex“
Matthias Dell | Ausgabe 04/2017 2

Zwischen den Geschichten, die das Leben schreibt, und den Geschichten, die das Kino erzählt, gibt es Abstand. In der letzten Woche ist Andrej Holm als Staatssekretär in Berlin und als Angestellter der Humboldt-Universität entlassen worden. Holm hatte 1989 als 19-Jähriger eine Laufbahn als Offiziersschüler bei der Stasi begonnen, die nach fünf Monaten endete, weil es die Stasi nicht mehr gab. Im Umgang mit dieser Geschichte, der von Seiten der Linkspartei, die Holm für den Posten ausgewählt hatte, politstrategisch naiv bis dilettantisch war, ist von Erinnerungslücken die Rede gewesen.

Ob man das glauben will oder nicht – dass es mit der Rekonstruktion von Erinnerung so eine Sache ist, davon handelt ausgerechnet Jochen Hicks Dokumentarfilm Der Ost-Komplex, der nach einem Berlin-Start im vergangenen Herbst (Freitag 45/2016) seit letzter Woche bundesweit zu sehen ist. Nämlich am Beispiel einer Opfer-Geschichte, der von Mario Röllig, der nach einem Fluchtversuch über Ungarn 1987 Jahre im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen saß, ehe er nach Westberlin freikam.

Hicks Beobachtung von Röllig aus einer ziemlich einmaligen intimen Distanz perspektiviert die immer gleiche Geschichte neu, mit der der Zeitzeuge Röllig tourt. Der Film will Abstand zu der durchgeformten Erzählung, die er deshalb nie in Gänze hörbar macht, sondern in Tonschnipsel auflöst. Und Der Ost-Komplex macht Zweifel sichtbar an dem Absolutheitsanspruch, wie am Ende in Ungarn, wenn Mario Röllig den Verräter von einst nicht als denjenigen wiedererkennt, der er laut Akte sein soll und der nun vor ihm sitzt. „Ja, dann sind alle versöhnt“, resümiert der Filmemacher aus dem Off. „Zumindestens hier“, sagt Röllig.

Jochen Falk

Um Versöhnung geht es in Kundschafter des Friedens von Robert Thalheim. Für eine brenzlige geheimdienstliche Operation im fiktiven Katschekistan wird der gewesene MfS-Mitarbeiter Jochen Falk (Henry Hübchen) vom BND reaktiviert – in Gestalt von Antje Traue, die schon in dem in seinem Marktkalkül nicht unähnlichen Petersen-Film Vier gegen die Bank die weibliche Hauptrolle spielte (Freitag 01/17).

Falk trommelt seine Kollegen von einst zusammen, was dazu führt, dass den älteren Zuschauern („Best Ager“), auf die der Film zielt, weil die noch Kinokarten kaufen, ein Wiedersehen mit Michael Gwisdek, Thomas Thieme und Winfried Glatzeder beschert wird. Der Film selbst ist reine Mechanik, Erfahrung wechselt sich mit Veraltetsein ab, und wenn man das dritte Mal die Straßenrandbodenperspektive auf einen vorbeiholpernden Jeep gesehen hat, weiß man, dass diese Mechanik besser geölt sein könnte.

Sonst ist Kundschafter des Friedens versöhnlich, ein Film, mit dem, man weiß es nie, vielleicht Hubertus Knabe leben könnte. Gwisdeks Figur sagt: „Da mussten wir jetzt 25 Jahre drauf warten, dass die endlich angeschissen kommen und begreifen, dass wir der bessere Geheimdienst waren.“ Daraufhin wird im Brunnen hinter ihm das Wasser abgestellt, der BND hört mit.

Die MfS-Figuren von einst sind also lächerlich genug, um nicht gefährlich zu werden. Einen Typen wie Ernst Jürgen, den Bruno-Ganz-Charakter aus Jaume Collet-Serras Thriller Unknown Identity von 2011, wird man in hiesigen Produktionen kaum finden: ein alter Stasi-Mitarbeiter, der wie Falk noch wertvoll ist aufgrund früherer Kontakte und der Liam Neesons Protagonist helfen will. Ernst Jürgen wird geopfert, aber er bekommt den Respekt seines einstigen, triumphierenden Gegenspielers – ein Akt der Ritterlichkeit unter den Agenten des Kalten Kriegs nach dessen Ende.

Joachim Gauck

Im deutschen Film steht neben dem Rückzug in harmlose Witzigkeit noch der Kitsch als Option von Versöhnung zur Verfügung. Das Musterbeispiel dafür ist Florian Henckel von Donnersmarcks Melodram Das Leben der Anderen von 2006. Hier gibt es einen guten Stasi-Mann, den Ulrich Mühe als einsamen Grübler spielt. Mühes Figur verliert ihren Klassenstandpunkt, weil durch die Objekte ihrer Observationen die schöne Literatur in ihre karge Neubauwohnung Einzug hält.

Der Bürgerrechtler Werner Schulz hatte seinerzeit den Film kritisiert mit dem Argument, dass die Geschichte, die alle Donnersmarck-Freaks für die adäquate DDR-Beschreibung halten wollten, ohne historisches Beispiel gewesen sei. Der Fall Holm hat nun auch hervorgebracht, dass Holms Vater wohl als Vorbild für die Mühe-Figur diente. Und das macht die festgefahrene Auseinandersetzung über den Umgang mit fünf Monaten Stasi-Ausbildung vor 27 Jahren noch mal merkwürdiger: Im richtigen Leben kann man jemandem nicht vergeben, um über dessen Kinoverkitschung Rotz und Wasser zu heulen. Joachim Gauck dichtete damals: „Was noch bleibt: eine tiefe Wahrheit. Menschen haben eine Wahl.“

Info

Kundschafter des Friedens Robert Thalheim Deutschland 2017, 90 Minuten

06:00 08.02.2017
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