Und jetzt?

Tatort-Wiederholung Köln ist wie die SPD: Im Grunde okay, aber auch immer zu gemütlich. Dabei könnten Schenk und Ballauf in "Unter Druck" den Medienberatern ordentlich heimleuchten
Und jetzt?
Das Problembewusstsein stimmt, die Kommissare sind Sympathieträger, aber die Ausführung ist immer sozialdemokratisch

Foto: daserste.de

Köln ist die Tagesschau unter den Tatort-Revieren. Hier werden die großen gesellschaftspolitischen Fragestellungen mit einem Ernst und einer Ausführlichkeit bearbeitet, dass man von der Klassik des Formats sprechen will. Wo andere Lagen gewisse Probleme nur andeuten geht's in Köln zur Sache. Das heißt in Unter Druck: um das Beraterunwesen und die Medienkrise.

Wobei letztere genau genommen zu kurz kommt; man denkt heuer lediglich immer an Krise, wo ein Medienhaus im Bild zu sehen ist. Dass die Mordsache, die Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ermitteln müssen, sich in einem Verlagshaus ("Abendblatt") ereignen, wo gerade ein Kommando slicker Berater zur Effizienzsteigerung eingefallen ist, könnte man Zufall nennen: Es hätte genauso gut irgendeine andere Branche treffen können, die im globalen Wettbewerb "Fit für Fusion" sein will. Und Hinweise auf real existierende Kölner Verleger wie die Denver-Clan-eske Familie DuMont sucht man vergebens.

Das Beratergewerbe ist zweifelsohne die Furunkel am Arsch des Turbokapitalismus, soll heißen, sie hat alle Kritik schon immer verdient. Leider produziert die Offensichtlichkeit dieser Anlage zu billige Gags, auch wenn man die über das permanente Gut-drauf-Sein, Businessgetue und Englischgespreche nicht oft genug machen kann. Claudia Michelsen als tighte Senior Beraterin Rita Landmann hat etwas für sich, sie könnte aber auch mehr Gas geben in Richtung "Hi, how are you?"-Telefonate oder Sätzen wie: "Und es ist definitely nicht für die Öffentlichkeit bestimmt."

Energy-Drinks für Franzi

Das Problem des Kölner Tatorts tritt hier – wo nach den Husarenritten des letzten Jahres die Spannung nicht die erste Geige spielt – offen zutage. Das Problembewusstsein stimmt, die Kommissare sind Sympathieträger, aber die Ausführung ist immer sozialdemokratisch. Man will es allen Recht machen, der Ernst ist heiliger als der Witz, wiewohl der bei dieser Branche (Berater!) die einzige Möglichkeit wäre, um Kritik überhaupt noch üben zu können – mit Vernunft oder Moral ist da nichts zu holen. Dabei könnten der kritischere Schenk und der liberale und privatinstabile Ballauf (what a Flirt!) kraft ihrer Darsteller, Erfahrung, Souveränität doch durchaus als Gegenpole zum Optimierungsterror der "Beraterschweine" (ein Graffito) fungieren. Sich also nicht nur über den Slang mokieren und ab und zu mal lässig sein: "Kriminalbeamte, klingt einfach schöner" (Drehbuch: Dagmar Gabler).

Sondern sich vor allem nicht immer infizieren lassen von dem, was gerade verhandelt wird. Wenn es um prekäre Erziehung geht, durchlebt Franzi (Tessa Mittelstaedt) eine halbe Schwangerschaft, und wenn es um "Kontrollfotzen" (ein weiteres Graffito) geht, dann arbeiten die Kommissare plötzlich auch rund um die Uhr und reichen der übermüdeten Franzi dieselben Energy-Drinks, mit denen sich Senior Rita pimpt: "Den schenk ich dir, ist ganz lecker." Viel "hilfreicher" (Angela Merkel) wäre es doch, Dienst nach Vorschrift zu machen, um 18 Uhr fällt der Hammer, und den Bösewicht kriegen sie eh. Gerade weil Ballauf, Schenk und Franzi gestandene Fernsehnasen sind, wirkt es überflüssig, sich von jedem Fall derart beeindrucken zu lassen, als ginge es darum, Heisenbergs Unschärferelation in vulgärphilosophischer Übersetzung anschaulich zu machen.

Zur Kölner Beeindruckstendenz passt das Kippen ins Private, das ungefähr ab der Mitte von Unter Druck plötzlich verschmähte Liebe als Motiv wahrscheinlich erscheinen lässt – so sehr uns jede echte Kriminalstatistik sagt, dass Mord am häufigsten aus emotionalen Gründen vorkommt. Zum Glück reißt es der Geschäftsführerfrisör mit dem sprechenden Namen Fraude (Johann Bülow) wieder raus, weil der wenigstens noch Angst um seinen Job hatte. Was es aber wirklich bedeuten könnte, den Druck der Optimierungsbranche – nach außen wie nach innen – auszuhalten, das erfährt man in diesem Tatort leider nicht; da kann der jungfrisörhafte, spielsüchtige Beraterbubi Alex bekloppt dancen, bis er schwarz wird.

Etwas ganz Besonderes

So bleibt es in Unter Druck bei guten Ansätzen: dem partiellen Witz von Schenk und Ballauf, die ihr Statler-und-Waldorftum stärker pflegen könnten; dem Beraterschwachsinn; den abgedrehten Zeichnungen des toten Carsten "Er-war-was-ganz-Besonderes" Moll, dem "Zauberlehrling"-Schicksal vom Geschäftsführerfrisör. Um dem Irrsinn, um den es dabei geht, wirklich beizukommen, müsste dann aber steil gegangen werden – wie weiland, haben wir das schon mal gesagt, bei unserem geliebten Schweighöfer-Tatort.

Ein Wort, das man sich merken sollte: wartungsresistent

Eine Tätigkeit, die Freddy Schenk öfter ausführt: Papierkörbe durchwühlen

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21:45 09.01.2011
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Ausgabe 42/2021

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