Unhappy mit Papi

59. DOK Leipzig Die Welt ist mitunter so anstrengend, dass man sie filmisch gar nicht erkunden will: Lehrer, Ukraine, Thailand, Prekäre
Matthias Dell | Ausgabe 45/2016

Warum wer Filme macht, ist manchmal nicht so leicht zu sagen. So konnte man in der von großem Publikum mit einiger Anspannung erwarteten Premiere des Films Neo Rauch – Gefährten und Begleiter bei der Dokwoche in Leipzig dem Eindruck erliegen, die Macherin des Films sei Katja Wildermuth – so oft wurde der Name der MDR-Redakteurin genannt, deren Karriere sich bald in Hamburg fortsetzt als Programmbereichsleiterin Kultur und Dokumentation in der Programmdirektion Fernsehen des NDR.

Natürlich kann man jede Regisseurin und jedes Festival verstehen, Dankbarkeit über Zuwendung und Förderung durch das Fernsehen zum Ausdruck bringen zu wollen. Man kann aber trotzdem der Ansicht zuneigen, dass darin Aufgabe und Anspruch einer Institution bestehen wie der öffentlich-rechtlichen, für die Wildermuth arbeitet; auf das leicht Höfische, das aus den Ergebenheitsadressen klingt, ließe sich dann verzichten. Zumal bei einem Film über Neo Rauch, den Pin-up-Boy der Leipziger Schule, ein Globalmalerbrand, dessen Bilder bisweilen Millionen einbringen.

Und bei dem sich die Frage stellt, wer eigentlich wen fördert, wenn der MDR das Palmenblatt führen darf beim Ruhm-Zufächern für den berühmtesten lebenden Maler im Sendegebiet. Und ob der Dank an Wildermuth fürs jahrelange Glauben ans Projekt nicht zu martialisch klingt – handelt es sich dabei doch nicht um die eigensinnige Lebenswelt-Kontextualisierung einer pendelnden Stendaler Zeitarbeiterin in Schwarzweiß.

Gegen die Hochzeit

Sondern um den roten Teppich für einen Künstlerstar, der die Macher mit dem Glamour New Yorks assoziiert. Schon aus dem Grund ist der Film Neo Rauch gewogen, ohne ihm nahe zu kommen. Der Maler hat, auch kraft einer prätentiösen Sprache, eine Festung um sich errichtet, was angesichts der Sammler, in deren kunstfern-geschmacklosen Reichtum der Film Einblicke bietet, sogar nachvollziehbar ist.

Vitaly Mansky, der im vergangenen Jahr mit seiner bitteren Nordkorea-Schwejkiade Im Strahl der Sonne für Aufsehen gesorgt hatte (Freitag 45/2015), sagt am Anfang seines Films Rodnye („Verwandte“), dass er diesen Film nie machen wollte. Mansky wurde in Lviv geboren und lebte in Moskau. Die Identität dieses Lebensentwurfs ist seit dem Krieg dahin, und was einst kaum unterschieden wurde, spaltet nun die über alle Teile und politischen Positionen der gegenwärtigen Ukraine verteilte Familie. Mansky, der einen äußerst trockenen Humor pflegt, verzieht sich vor der Kamera wie den mitunter agitierten Diskussionen; ihm ist der Einbruch des Nationalen in nächste Beziehungen komplett suspekt.

Carolin Genreith distanziert sich zu Beginn ihres Films Happy ebenfalls: Vater Dieter, das ganze Gegenteil von Neo Rauch, der die halb so alte Thailänderin Tukta heiraten will, ist ihr peinlich. Den Film kann man entsprechend schauen als Versuch, die Verbriefung dieser Peinlichkeit doch noch zu verhindern, und auch wenn Genreiths Ansatz reichlich naiv ist, so erweisen sich die Kräfte im globalen Wohlstandsgefälle als zu stark: Aus der drolligen Familiengeschichte treten immer wieder die ökonomischen Verstrebungen hervor, die die Welt, die wir kennen, am Laufen halten und aus Liebe und Zuneigung Verhandlungsmasse in einem Geschäft machen. Happy war Teil eines deutschen Wettbewerbs, dessen Durchschnittlichkeit in diesem Jahr durch den Gewinnerfilm Furusato, eine Post-Fukushima-Erkundung von Thorsten Trimpop, adäquat repräsentiert wird.

Arabisch sprechen

Zu den interessanteren Arbeiten zählten die klassisch-dokumentarische Referendarinnen-Beobachtung Zwischen den Stühlen von Jakob Schmidt, in der drei angehende Lehrer im tendenziell gebückten Gang ihren Weg finden müssen. Von unten treibt der Eros der Ideale nur umso schneller gegen die Decke der Ernüchterung darüber, wonach das System „Schule“ in der Welt, die wir kennen, tatsächlich verlangt.

Eine andere interessante Arbeit, ästhetisch anspruchsloser, war Neben den Gleisen von Dieter Schumann. Am Bahnhof von Boizenburg am Rand von Mecklenburg-Vorpommern kommen im Herbst 2015 aus Syrien geflüchtete Menschen an – und treffen in der Bahnhofskneipe auf die Autochthonen. Unter denen, das ist ein Verdienst des atemlos-wurschtigen Films, herrscht eine widersprüchliche Vielfalt an Perspektiven. Es gibt Reichsbürger und Nazis, aber auch den Taxifahrer, der die Ankommenden ins Aufnahmelager kutschiert und Verständnis für ihre Lage hat. Oder das Mädchen, das Schauergerüchte erzählt, um später mit ihren Arabischkenntnissen zu überraschen. Neben den Gleisen, das ist das andere Verdienst, holt diese prekäre und erstaunliche Welt zurück in die Auseinandersetzung.

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06:00 23.11.2016
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