United States of DEFA

Nachlasserforschung In weiter Ferne, so nah: Warum man sich in Amerika ernsthaft für ostdeutsche Filme interessiert. Eine Reise über die Umwege der Populärkultur

Man muss ein wenig ausholen. Am 27. August 1963 starb William Edward Burghardt Du Bois 95-jährig in Accra, Ghana, wohin er zwei Jahre zuvor aus den USA übergesiedelt war. Du Bois war Soziologe und einer der Begründer der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, 1903 hatte er mit Die Seelen der Schwarzen den „Urtext afroamerikanischer Erfahrung“ veröffentlicht, wie der Literaturwissenschaftler und Obama-Freund Henry Louis Gates im Vorwort zur deutschen Ausgabe schreibt. Und deshalb ist das genaue Datum von Du Bois’ Tod eine eigenwillige Pointe der eigentlich unüberschaubaren globalen Bewegungen, die mit einem Mal in einen Zusammenhang treten: Am Tag danach, dem 28. August 1963, trafen sich Hunderttausende Demonstranten zum „March on Washington“, wo Martin Luther King am Lincoln Memorial seine berühmte Rede hielt: „I have a Dream“.

Man sollte es mit der sinnstiftenden Kraft von Koinzidenzen nicht übertreiben. Aber da diese Geschichte nun einmal von den weltweiten Rückkopplungseffekten der populären Kultur erzählt, ist der Name W. E. B. Du Bois mehr als ein Zufall. In dessen Biografie finden sich nämlich auch zwei Studienjahre in Deutschland, die er ab 1892 etwa an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, verbrachte. Vom Eindruck, den der Aufenthalt in Deutschland auf Du Bois gemacht hat, zeugen schon die Fotos, auf denen er einen gezwirbelten Kaiser-Wilhelm-Bart trägt. 1974 wurde in Amherst, Massachusetts, gut 60 Meilen von Du Bois’ Geburtsort entfernt, ein neues Bibliotheksgebäude eingeweiht und nach ihm benannt. Das Haus ist seither der weithin sichtbare Mittelpunkt der University of Massachusetts Amherst (UMass), zu deren Eigenheiten seit 1993 eine weitere Bibliothek zählt: die DEFA Film Library.

Natürlich hätte diese „einzige archivarische und filmwissenschaftliche Einrichtung außerhalb Europas, die sich dem ostdeutschen Film ab 1946 und damit verbundenen Themen widmet“, wie es nicht ohne Stolz bei der DEFA-Stiftung in Berlin heißt, auch anderswo ins Leben gerufen werden können. Zumal es in den USA mittlerweile einige Hochschulen gibt, die sich mit dem Erbe des Filmlandes DDR auseinandersetzen. Aber dass die DEFA Film Library, das Hauptquartier all dieser Aktivitäten, in Amherst, drei Autostunden von New York entfernt, ihren Ort gefunden hat, ist auf eine Weise auch triftig: So wie W. E. B. Du Bois in Deutschland unter anderem bei Max Weber sein politisches Bewusstsein schärfen konnte, um die Lage der Afroamerikaner in den USA besser zu beschreiben, so ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit DEFA-Filmen für amerikanische Studenten heute auch eine Möglichkeit, ein Antidot zum eigenen Selbstverständnis einzunehmen.

Schlöndorff als Wegbereiter

Dass die DEFA Film Library nach Amherst kam, ist vor allem Barton Byg zu danken. Byg wurde 1953 geboren, er war zu jung für 1968, aber alt genug, um, die Einberufung für den Vietnamkrieg vor Augen, zu einem kritischen Menschen zu werden. Byg studierte Germanistik, die Literaturwissenschaft sei ein Weg gewesen, aus dem sich das akademische Interesse für deutsche Filme erst speisen konnte.

Aus Bygs Erzählungen erfährt man etwas über den praktischen Nutzen der Geschichte für die Gegenwart, über die alten Bahnen, in denen das Neue seinen Weg findet. Neben der amerikanischen Germanistik, die sich auch für die DDR interessierte, ist der Neue Deutsche Film der siebziger Jahre ein Wegbereiter der heutigen DEFA-Rezeption. Filme von Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders haben die Filmwissenschaft in den USA überhaupt erst wieder für deutsches Kino sensibilisiert, sagt Byg.

Auch so eine Koinzidenz, die Volker Schlöndorff nachdenklich stimmen sollte: Der Neue Deutsche Film und die DEFA-Produktionen teilen ein Los. Sie mussten den Umweg über die USA nehmen, um im eigenen Land etwas zu gelten. Mit der DEFA-Retrospektive im New Yorker MoMA (Rebels with a Cause: The Cinema of East Germany) im Jahre 2005 hat eine Adresse (west)deutscher Amerika-Sehnsüchte einen Bezugspunkt geschaffen, der das ostdeutsche Filmschaffen nobilitierte.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Als Barton Byg Ende der achtziger Jahre für einen wiederholten Studienaufenthalt in Ost-Berlin und an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam weilt, will er eigentlich über Konrad Wolf forschen. In der DDR ist aber so vieles in Bewegung, dass Byg vor allem damit beschäftigt ist, die zuständigen Behörden von der Wichtigkeit seiner archivarischen Bemühungen zu überzeugen. DEFA-Filme waren bis dato über verschiedene Kanäle nach Amerika gelangt, mal über die Botschaft, mal über das Freundschaftskomitee in New York, nie aber hatte sich jemand dafür interessiert, den Verleih zu professionalisieren, so wie es die Westdeutschen mit Goethe-Institut und eigener Agentur schon länger taten. Mit der Folge, dass die Kopien irgendwann verschwanden. Byg will sie sammeln und katalogisieren, und er will die DDR davon überzeugen, dass es eine gute Idee wäre, einen Film wie Winter adé auf eine Tournee durchs Land zu schicken – einen Film, der 1988 auf der Leipziger Dokwoche nicht gewinnen durfte, weil die Reise durch den DDR-Alltag den Offiziellen zu kritisch war. Dass sie damit in Amerika für eine differenzierte DDR-Wahrnehmung werben könnten, wird den Oberen aber irgendwann klar, und so kommt es, dass Regisseurin Helke Misselwitz und Kameramann Thomas Plenert den Abend des Mauerfalls in Amherst erleben.

Die entfernte Nähe zwischen den USA und dem wiedervereinigten Deutschland wird anschaulich bei einem Mittagessen in Amherst. Dort sitzen, gut gelaunt, die Mitarbeiter der Germanistik beisammen. Junge Leute wie Jason Doerre, die vielsilbige Namen von Käffern in der Nähe von Oschatz akzentfrei aussprechen können. Leute wie Evan Torner, der ein Jahr an der HFF in Potsdam gearbeitet hat und von den seltsamen Wahrnehmungen seiner selbst berichtet: Die jungen, in der Regel westdeutschen Studenten haben rasch versucht, von seinen Sprachkenntnissen bei ihren Projekten zu profitieren, ohne einen Pfifferling auf die Geschichte ihrer Schule zu geben, die Torner besser kannte als sie. Und die alten, in der Regel ostdeutschen Lehrkräfte haben erst dann aufgemerkt, als sie von seinem Interesse an ihrer Geschichte Wind bekamen. Einig waren sich beide Gruppen nur in der Ignoranz gegenüber seinem Forschungsprojekt: Ein über die ostdeutsche Filmgeschichte promovierender Amerikaner ist als seriös offenbar nicht vorstellbar.

Dabei muss es nicht immer Wissenschaft sein, um sich für DEFA-Produktionen zu begeistern. In San Francisco lebt Jim Morton, der in den achtziger Jahren ein Buch über Incredibly Strange Films herausgebracht hat. Morton hat eine deutsche Großmutter, die vor 1933 in die USA gekommen ist. Die Sprache wurde in der Familie nicht gepflegt, Deutschsein war etwas, mit dem man in der Mitte des Jahrhunderts in Amerika nicht hausieren ging. Als Jim Morton beschließt, Deutsch zu lernen, abonniert er deutschsprachiges Auslandsfernsehen. Und stößt eines Nachts auf merkwürdige Filme: Im Staub der Sterne, psychedelische Science-Fiction von Gottfried Kolditz.

Frank Schöbel als Camp

„Ich fiel von der Couch, ich konnte meinen Augen nicht trauen“, sagt Morton, der bis dahin wie viele Amerikaner und, wie er vermutet, viele Westdeutsche der Meinung war, ostdeutsches Kino sei rein propagandistischer Quark gewesen. Als Nächstes sieht er Heißer Sommer mit Frank Schöbel und Chris Doerk und ist wieder überrascht: „Das ist ein Beach-Party-Film, nur dass die Musik besser ist als in Beach Party.“ Im Internet sucht Morton, was er über DEFA-Filme finden kann. Er korrespondiert mit Amherst und anderen Kennern in den USA, um sich weiteren „Stoff“ zu besorgen. Er legt ein Blog an, in dem er für eine Reihe von DEFA-Unterhaltungsfilmen trommelt, die das Goethe-Institut in San Francisco im März zeigt; in der Public Library der Stadt hält er einen vierteiligen Kurs über die Geschichte der DEFA. Das Goethe-Institut erkennt den Liebhaber und dankt Morton seine Werbung mit einem kostenlosen Sprachkurs.

Barton Byg hat durchaus einen Sinn für Filme wie Heißer Sommer, für den Reiz des Trivialen, der Jim Morton fasziniert, die spielerische, ironische Annäherung an die DEFA. Das sei Camp, wie Susan Sontag ihn analysiert hat, sagt Byg, „Man lacht über etwas, aber man lacht die anderen nicht aus.“

Heißer Sommer gibt es in der DEFA Film Library nur auf VHS. Fast noch eindrucksvoller als die 400 Kopien von Filmen, auf 16 und 35 Millimeter, ist aber der Ort, an dem sie sich befindet: „der Bunker“. Noch so eine merkwürdige Verbindung: Wo heute DEFA-Filme lagern, hätten Kennedy und sein Generalstab über den Einsatz der Atombombe entschieden, wenn die Kuba­krise zum Krieg geführt hätte. Die sechziger Jahre über galt der Bunker als atomwaffensicher, dann mussten andere Schutzräume für den nuklearen Ernstfall her. Heute lagern die Amherster Colleges darin ihre Möbel und Archive. Nach zwei Stunden würde man etwas müde, sagt Jason Doerre, weil die Luft schlecht ist. Das entlegene Gebäude, die langen Gänge, die wenigen Relikte („Senior Battle Staff Members Only“ steht an der Glastür zur einstigen Kommandozentrale) –, eine surreale Szenerie.

Am Anfang von Die Seelen der Schwarzen schreibt W. E. B. Du Bois davon, wie Leute ihn auf der Straße gefragt haben, wie man sich als Problem fühle. Auch wenn man die Unterdrückung der Afroamerikaner mit den Ressentiments der westlichen Welt gegenüber dem „kommunistischen“ Osten schwer vergleichen kann – die ideologischen Fronten haben sich in Amherst aufgelöst. Die DEFA-Filme sind hier Artefakte eines untergegangenen Landes, freigegeben für die Archäologie in einer friedlichen Ruine des Kalten Kriegs.

Beim Verlassen des Bunkers sitzt Evan Torner mit dem Historiker Thomas Maulucci in einem fensterlosen Raum hinter einem 16-mm-Projektor und sichtet einen Botschaftsfilm namens International Congress in the International Year of Woman von 1975 – als Vorbereitung für das anstehende Summer Institute, das sich der DEFA in ihrer Beziehung zur Dritten Welt widmen soll.

Es ist ein nebliger Aprilvormittag im Jahr 2011, an dem zwei Amerikaner aufmerksam den Ausführungen von Valentina Tereschkowa folgen, der ersten Frau im Weltall, die auf dem Kongress gesprochen hat. Unweigerlich denkt man sich angesichts dieses Bildes: Wenn die DDR das noch hätte erleben können!

Sie wäre gerührt gewesen.

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12:00 23.05.2011
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