Böse Köpenickiade

Kino Die NS-Zeit ohne „gute Nazis“ und als sadistischer Rausch: Robert Schwentke hat mit „Der Hauptmann“ einen großen Film vorgelegt

Dienst nach Vorschrift an der Zeitgeschichtsverwurstung im deutschen Kino sieht so aus wie Lars Kraumes kürzlich in die Kinos gekommener Film Das schweigende Klassenzimmer. Eine unbekannte Geschichte (1956 legt eine DDR-Schulklasse eine Schweigeminute wegen des Ungarn-Aufstands ein und verlässt aus Furcht vor Repressalien das Land), die routiniert runtergeschnurrt wird: ein bisschen Spaß (Tanz), ein bisschen Liebe (die Klassenschönheit darf kein Feigling küssen) und viel Tapferkeit. Und weil die Klasse so heldenhaft ist wie die DDR tot, bleibt die Gefahr gering, das historische Handeln könnte etwas mit heute zu tun haben.

Vor diesem Hintergrund kann man Robert Schwentkes Film Der Hauptmann eine Sensation nennen. Zugrunde liegt ebenfalls eine wahre Geschichte, sie stammt aus dem anderen, vom deutschen Kino immer wieder aufgesuchten Geschichtsfundus: der NS-Zeit. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs findet ein versprengter Gefreiter namens Willi Herold eine schicke Hauptmannsuniform samt Eisernem Kreuz, die den 19-Jährigen umgehend zum Befehlsausgeber promoviert. Andere Versprengte stellen sich freiwillig unter sein Kommando, der Marsch durch die Provinz führt in ein Gefangenenlager, in dem der Uniform-Hauptmann kraft der ihm zugebilligten Autorität 170 Deserteure und Ausländer exekutieren lässt.

Die Geschichte ist eine böse Köpenickiade, in der Verzweiflung und Müdigkeit der letzten Kriegstage ebenso sichtbar werden wie die unerschöpfliche Mordlust und der Gehorsam, die zum Vernichtungsfeldzug der Nazis erst führten. Man kann, und das macht den Film so reizvoll, den Fall von beiden Seiten lesen, wie es die Gerichtsverhandlung am Ende des Films tut, wenn Herold aufgeflogen ist: Der Richter (Haymon Maria Buttinger) will den Hochstapler bestrafen, während der Militäranwalt (Hendrik Arnst) dessen Irrsinn einpreist in jene blutige Konsequenz, die bis zum bitteren Ende Durchhaltebefehle im Sinne des „Führers“ vollstreckt.

Schwentkes in Schwarz-Weiß gedrehter Film (Kamera: Florian Ballhaus) ist einer ohne Hoffnung. Es mag absurd erscheinen angesichts der hackenschlagenden Historienfestspiele mit blank gewichsten Nazi-Uniformen vor schreienden Führerfiguren, die das deutsche Kino so häufig und schematisch aufführt, aber Der Hauptmann erzählt tatsächlich etwas Neues.

Eine böse Köpenickiade

Der Film will sich aus dem Sumpf der deutschen Geschichte nicht an den Haaren des vermeintlich Heldenhaften ziehen. Die entlastende Trennung, die das (west-)deutsche Nachkriegskino geprägt hat, den fiesen SS-Schergen im Film immer auch „gute Nazis“ gegenüberzustellen, entfällt hier. Der Filmhistoriker Olaf Möller hat dazu auf der Seite des Verleihs von Der Hauptmann einen Essay veröffentlicht (bit.ly/2tu9WKc).

Das Problem mit der Identifikation, vor dem seine Erzählung dann steht, löst Schwentke zum einen durch die Besetzung Herolds mit dem relativ unbekannten Max Hubacher – einem Milchgesicht, das für die Verlorenheit genauso offen ist wie für den bald entdeckten Sadismus.

Und zum anderen durch einen Prolog, der den zerzausten Herold zeigt, wie er seinerseits als Abtrünniger gejagt wird von einem Nazi-Kommando (so konsequent bösartig selten zu sehen: Alexander Fehling).Das Publikum bangt fortan mit dem Hochstapler wider dessen Auffliegen, ehe es mit ansehen muss, wie der Hauptmann nicht mehr nur überleben will in seiner Uniform durch Plünderungen von oben, sondern Gefallen an seiner Rolle findet. Macht übt er aus mit Floskeln („Dann wollen wir mal“), sein Wille zur Tat füllt die Lücke, die sich durch autoritätshörige Abgabe von Verantwortung auftut: In dem Gefangenenlager werden einmal die Telefonketten zwischen Justiz, Gestapo und Gauleitung geschaltet, ehe klar ist, dass der im Recht ist, der statt zu zögern die Aktion in Gang setzt.

Formal ist Der Hauptmann eine Groteske, die Schwentke allerdings denkbar zurückhaltend inszeniert, weil es ihm eben nicht darum geht, den Film möglichst weit von seinen Zuschauern zu distanzieren. Agent des Unheilvollen ist der Soundtrack von Martin Todsharow, der durch wiederkehrendes, dissonantes Gebrumm zwar kurze, das Groteske betonende Pausen in der Geschichte schafft, zugleich aber den Fatalismus der Erzählung hörbar macht.

Als Symptom der Verwicklung des Betrachters muss der Soldat Freytag herhalten. Diese Figur schließt sich als erste Herold an, und sie wäre allein durch das großäugig-freundliche Gesicht ihres Darstellers Milan Peschel geeignet, die Sehnsucht nach Trost inmitten der Grausamkeit zu erfüllen. Aber die Geschichte involviert den scheinbar braven Freytag immer wieder in die Mordaktionen des Hauptmanns, der seine Abgründigkeit dadurch zu nivellieren versucht, dass er keine Unschuld um sich herum zulässt. Nicht mitzumachen ist in dieser Geschichte aus der NS-Zeit eine Option, die das Leben kosten würde.

Bei aller Stille und Genauigkeit ist Der Hauptmann auch ein Film über den Exzess, der sich im Absingen von Kampfliedern oder an einem „bunten Abend“ am stärksten zeigt, der nach den Erschießungen ausgerufen wird. Der Horror des Tötens muss durch Völlerei ventiliert werden. Bei der Veranstaltung treten zum Amüsement zwei gefangene Schauspieler auf, die mit Wolfram Koch und Samuel Finzi äußerst klug besetzt sind, einem odd couple der deutschen Bühne, das im Theater des späten Dimiter Gotscheff zusammenfand.

Der Auftritt ist ein Höhepunkt des Films, weil er einerseits eine Reflektionsfläche für das Als-ob des falschen Hauptmanns bietet. Und weil andererseits in den vulgären Judenwitzen sichtbar wird, wie das Spiel auf der Bühne die Grausamkeit des Draußen legitimiert – als bitterer, weil nur scheinbarer comic relief.

Info

Der Hauptmann Robert Schwentke D/POL/POR/FRA 2017, 118 Minuten

06:00 19.03.2018
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 11