Unser Koch kommt um elf

Tatort Selten war Konschtanz so wertvoll: In "Das schwarze Haus" ermitteln Blum und Perlmann im Künstlermilieu, dem sie nichts als ihre routiniert-öde Ignoranz entgegenbringen

Von den Kommentaren aus der letzten Woche hat lebowskis Kategorie ("Ich mag's, wenn der Klassenfeind dezimiert wird") dann doch beschäftigt als mögliches Instrument zur Tatort-Qualitätsskalierung. Denn unabhängig davon, ob die konkrete Äußerung inhaltlich zu klammheimlichem Schmunzeln oder Empörung über ein menschenverachtendes Verhältnis zur Fiktion führt – es ist was dran, die Sympathiezuteilung im Krimi hat den unbestreitbaren Vorteil, das Missfallen mit Mord bestraft werden kann.

Und an Unsympathen hat es keinen Mangel in der Konschtanzer Folge Das schwarze Haus (weiß Gott, von welchem Treatment dieser Titel übriggeblieben ist, zu dem Film hat er jedenfalls keinen Bezug). Was daran liegt, dass der Tatort im Künstlermilieu spielt und zur großen Freude einen Serienmörder in seinen Reihen weiß, der unseren Antipathien jeden Wunsch von den Lippen abzulesen scheint.

Das Künstlermilieu ist in diesen lobenswert unterkomplexen Bodensee-Filmen kein Teil der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft selbst. Drehbuchautor und Regisseur Thomas Bohn nimmt Joseph Beuys nicht volley, aber doch beim Wort: Es gibt hier nämlich alles, was man sich vorstellen kann – vom villösesten Erfolgskrimiautor Ruben Rath (grandiose Fehlbesetzung: Hannes Jaenicke), über den Pittoreskbauernhofbesitzermalerlustmolch Martin Neumann, die Designerbudengaleristin Simone von Sallari (what a Name! Constanze Weinig), den im Kellermief hausenden Underachiever Jeschke (Schwarwaldkliniks Dr. Engel aka Liebling Kreuzbergs Sozius Giselmund Arnold aka the one and only Michael Kausch) – der mit Telefonen aus der mittleren Derrick-Ära operiert und sich in einem Laufradhamster repräsentiert sieht – bis zum dauercampenden Aushilfshausmeisterkomponist Thomas Backhausen (Stephan Kampwirth).

Alibis, wie sie im Buche stehen

Das Kunstbiz ist neben dem depravierten Großbürgertum eindeutig der von uns favorisierte Schauplatz von Tatort-Folgen, schon weil der Schnepfigkeitsfaktor hier derbe hoch ist ("Wir haben eine Krisensitzung, schließlich haben wir gerade zwei Vorstandsmitglieder verloren"). Wenn man diese Künstler nach einem Alibi fragt, dann müssen sie immer beleidigt-leberworstest mit ihrem Schaffen angeben: "Ich hab' die ganze Nacht über komponiert." Nee, ist klar.

Wo in der Berliner Fiktion der Wettbewerbsdruck unter den Künstlern wenigstens so hoch ist, dass es für gepflegte Neurosen und sackiges Genie-Gehabe reicht, in der Darstellung also lustvoll mit Ironie gearbeitet wird, und man überdies auf eine gewisse Kunstsinnigkeit bei den Kommissaren setzen kann (Sophisticated Stark!) – da regiert in Konschtanz die ambitionslose Stulligkeit, mit der dort immerfort alles verwurstet wird. Der putzige Perlmann (Sebastian Bezzel) – der übrigens, wie jüngst eigens betriebene Feldforschung ergab, gerade bei Frauen keine mütterlichen Instinkte hervorruft; hat mich auch überrascht, Nelly), sondern eher so ein erziehungsneoliberal-rollentraditionelles Genervtsein, das sich in Begriffen wie "Weichei" oder der Aufforderung, mal in die Puschen zu kommen, artikuliert – der putzige Perlmann also ist in Sachen Kunst ein schlichter Geist; den gegenständlichen, altmännerräudigen Portraitismus von Neumann etwa findet er "gut". Auch muss man sich in Konschtanz keine Sorgen machen, irgendwas zu verpassen oder zu übersehen, weil immer alles dreimal gesagt wird oder, wie bei dem Hamster im Laufrad, die Interpretationen von sämtlichen Einfällen für den sehgeschädigten oder begriffsstutzigen Zuschauer noch mal ausgesprochen werden.

Gerade das bekommt dem Kunstbiz, das sich doch gern für etwas Besseres hält, nun aber gut. Nivellierung am richtigen Ort durch hemmungsloses Pflegen der Langeweile. Schon wie Blum (Eva Mattes) und Perlmann sich durch die Szenerie bewegen! Ein etwas flinkerer Täter müsste sich um seine Entdeckung bei solchen Ermittlern nie Sorgen machen. Groß ist die Ignoranz vom Bodensee, indem sie aus dem Kunstbiz einen völlig widersprüchlichen Schauplatz ökonomischer oder auch ästhetischer Strategien macht. Die Kulturfabrik in Dierenhofen wirkt zwar wie so ein rührendes Vereinsding der Provinzfreizeitkunstausübung, bietet ihren "Finanzvorständen" (sicest) aber die Möglichkeit, sich um sechsstellige Beträge zu verrechnen. Der Komponist Backhausen ist finanziell am Ende, kann aber durch Untermalung von Vernissagen ein Auskommen finden. Vielleicht kennen wir die Realität zu schlecht, aber Untermalung von Vernissagen in ehrenamtlich organisierten Freizeitkunstvereinen? Das ist doch nichts, wo's über nen Zwanni Fahrtgeld und drei Freigetränkecoupons was zu verdienen gäbe.

Don't try this today!

So erscheint diese Kulturfabrik in Wahrheit als Metapher auf die alte Bundesrepublik, in der es so viel Wohlstand gab (oder so viel gesellschaftliches Bewusstsein), dass es für fast alle gereicht hat. Und wenn wir schon bei alter Bundesrepublik sind: Man kommt natürlich auch nicht umhin zu denken, wieviel offen ausgestellter Geilheitsgeifer beim allergrößten Herbert Reinecker geflossen wäre in einer Anlage wie dieser, in der sich alles um das Begehren der dauer-sich-durch-die-haare-fahrenden Kulturfabrikcafékellnerin Susanne Gauss (Annika Blendl) dreht. Diese Figur in ihrer kompletten Ambitionslosigkeit ist eigentlich auch nur denkbar in der alten Bundesrepublik, da man sich um die Existenz keine Sorgen machen musste; wenigstens hätte das Drehbuch ja mal von Studiumsplänen oder so reden können. Der FDP unserer Tage sollte man mit Susanne Gauss jedenfalls lieber nicht kommen.

Ein Motto, gegen das keiner etwas einwenden kann: "Von Künstlern für Künstler"

Ein Internetseite, die der Realität noch fehlt: "top-buecher-online.de"

Stimmt das wirklich? "Wenn einen die Blödmänner vom Feuilleton öffentlich verreißen, dann ist das wie ein Ritterschlag"

Was wir nicht verstanden haben: Warum darf Ferry Rath am Ende unbehelligt abreisen?

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21:45 16.10.2011
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Ausgabe 42/2021

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