Unterhalb des Südfelsens

Tatort Fassungslos versucht man dem neuesten Lena-Ödenthal-Streich zu folgen, der am Ende auch noch Interaktion provozieren will: "Der Wald steht schwarz und schweiget"

Der SWR hält es für eine gute Idee, die Ludwigshafen-Filme der Tatort-Reihe jeweils subzulabeln als "Ein Lena-Odenthal-Tatort". Seit geraumer Zeit wäre es wohl treffender, von einem "Lena-Ödenthal-Tatort" zu sprechen. Was da für Filme gesendet werden, man hält es nicht für möglich! Das Geschimpfe über den Qualitätsverlust des öffentlich-rechtlichen Fernsehen mag ja manchmal auch etwas Ermüdendes und Pauschales haben, aber man würde doch gern mal wissen, wie die Redaktion der Ludwigshafener Tatort-Folgen (Melanie Wolber, Manfred Hattendorf) es schafft, solche Kritik auszublenden und immer wieder biederst-hölzernen Kram zu produzieren.

Sind die Ansprüche schon derart runtergefahren, dass da ernsthaft angenommen würde, solches Laientheater ergebe einen guten Film? Oder schlimmer noch: Gibt es gar kein Bewusstsein mehr davon, was ein Fernsehfilm sein könnte, der über das hinausgeht, was hier fabriziert wird? Wie können Filme entstehen, in denen es nicht eine Figur gibt, mit der man sich identifizieren wollte? In denen nur Karikaturen von Charakteren rumlaufen wie diese (gleich fünf!) ausgebüxten Heimkinder, derer man nach den ersten drei Wortwechseln überdrüssig ist und die man aber eineinhalb Stunden auf ihrer mühsamen Wanderung durch den Wald ("Wie weit ist noch?" – "50 Kilometer" – "50? Boah, das ist abtörnend") begleiten soll?

Glaubt da tatsächlich eine Drehbuchautorin (Dorothee Schön), ein Regisseur (Ed Herzog) oder eben die Redaktion, dass dieses dumpfe Scheiße-Gesage, die paar Anspielungen auf eine real existierende Jugendsprache ("übertrieben viele Löcher") und das allerdämlichste Angestelle ein Ausweis von "Realismus" sein könnte, dass krasseste Problemkinder von heute, an deren Vorstrafenregister gegen Ende sich verlesend delektiert wird, dass die "wirklich so sind", und dass, selbst wenn es so wäre, man in einem Film vielleicht nicht auf die Idee kommen sollte, dass man das darstellen, formen, gestalten müsste?

Der alte Rambazambär

Welchen Zuschauer stellt sich jemand vor, der so einen Film herstellt? Wird der Adressat der eigenen Arbeit tatsächlich als sehschwach oder begriffsstutzig imaginiert, dass alles, was dieser Tatort versucht zu erzählen, im Tantenton von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und dem Peinsackergehabe von Kopper (Andreas Hoppe) noch einmal ausgesprochen werden muss ("Ausgerechnet jetzt muss es regnen, das ruiniert uns die ganzen Spuren")? Denkt da irgendein Verantwortlicher wirklich, dass List etwas wäre, für das man das scheinbar clevere Ausfragen und Beeinflussen der Scheiße-Jungs ("Scheiß Wald, scheiß Natur, ich hab echt keinen Bock") durch die Polizistin nehmen sollte? Dass man sich Zorn und Sorge so vorstellte, wie Kopper (Andreas Hoppe), der alte Rambazambär ("Warten ist nicht meine Stärke"), da Alarm macht und etwa den Staatsanwalt in der Nacht am Telefon "zusammenstaucht"?

Dass da also Massen von Leuten von dem Fernsehapparat sitzen und denken, huihuihui, dem hat er's aber gegeben, mit dem Kopper ist echt nicht gut Kirschen essen, wenn seine Kollegin, Freundin und Mitbewohnerin Lena in Gefahr ist? Dass in einem Film sämtliche Antagonismen in einer Deutlichkeit hervorgekehrt werden, als ob man Freilichttheater für die 100. Reihe macht, in der auch noch was gesehen werden will, oder einen Kinderfilm, der davon ausgeht, dass Kinder so dämlich sind, dass man ihnen die Nase blutig darauf stoßen muss, dass "Frau Lesieg" vielleicht einmal rückwärts gelesen werden könnte, um eine, Zwinkerzwinkerzwinker mit dem Zaunfeld, Botschaft abzugeben? Oder dass man, wenn falschen Spuren gefolgt wird und richtige Signale nicht verstanden werden, das auch erzählt als Folgen und Nichtverstehen, anstatt einfach die Zeit abzuwarten, die – 21, 22, 23 ... 47 – vergeht, bis der Groschen gefallen ist? Und wie schafft die Kommissarin es, ihr Herz für die Scheiße-Jungs zu entdecken, die der Film als geisteskranke Asoziale verachtet, die in einem Trash-Schocker die Chance hätten, groß rauszukommen? Wie, wird da glaubt, soll ein womöglich spannender Krimi erzählt werden, wenn die "Bösen" agieren, als wäre so etwas wie Vernunft oder Rationalität nie erfunden worden?

Kommt überhaupt jemand auf den Gedanken, dass diese Musik (Christoph M. Kaiser, Julian Maas), die alles, was Erzählung und Inszenierung an Dramatik, Figurenzeichnung, Stimmung nicht auf die Reihe kriegen, mit einer Vehemenz in den Film hineinwummert, dass, wenn diese Musik ein Knüppel wäre, der Empfänger von so was schon nach fünf Minuten grün und blau geschlagen sein müsste? Und was soll das für ein Bild von Gesellschaft sein, dass Darsteller Textzeilen sagen müssen wie: "Ich kenn' solche Gutmenschen wie dich – erst blasen sie einem Zucker in den Arsch und im nächsten Moment lassen sie ich hängen"? Dass die Scheiße-Jungs runterrockt auf ein Verständnis vom Menschen, kurz bevor der sich entschloss, es, they call it Evolution, vielleicht doch mal mit dem Gang auf zwei Beinen zu probieren – um dann zu versuchen, über die Polizistentante allerunangenehmste, obergluckenhafteste Empathie in diese völlig grotesk ausagierten Kriminellenbiografien zu pusten ("Warum seid ihr das, was ihr seid")?

Die Buzzwords der Scheiße-Jungs

Ist niemandem von den beteiligten Verantwortlichen aufgefallen, dass in der "Diskussion" über den Umgang mit Jugendkriminalität hier nichts auftaucht, was sich als Argument oder Position identifizieren ließe, wenn das Heim als irgendwie suspektes Drillcamp fungiert, dass seine Schützlinge mit Psycho-Methoden gerade nur soweit erpresst, dass die Scheiße-Jungs sich auch entscheiden können, den Instructor einfach mal tot zu machen und ihr Glück im scheiß Frankreich zu suchen? Wird ungelogen davon ausgegangen, dass man die Scheiße-Jungs da wie Pik 7 in seinen Zusammenhang stellt, der nie erzählt worden oder nur schlampig markiert ist mit ein paar Buzzwords aus der Debatte um Jugendkriminalität, und die dann einfach mal machen?

Oder ist das alles nur ironisch gemeint, als Parodie auf die Insuffizienz des deutschen Fernsehfilms, und wir haben etwas nicht verstanden? Beziehungsweise: Dient dieser liederliche, unterkomplexe Film nur als Anreiz dafür, ordentlich Reaktionen zu provozieren, weil mit Tatort+ danach weiter der Fall gelöst werden soll im Netz, was den – Zitat Presseheft – "internetaffinen Zuschauerinnen und Zuschauer einen Mehrwert über die Ausstrahlung hinaus anbietet"? Einen Mehrwert! Marxisten haben doch auch Gefühle, da kann man doch nicht so drüberbügeln, das geht doch nicht.

Mag etwas altklug rüberkommen, aber die Vorstellung eines interaktiven Krimis hat schon gelangweilt, als im Lustigen Taschenbuch mehrere Varianten einer Geschichte angeboten wurden, die man sich durch Pfeilen-Folgen und Seiten-Überblättern selbst zusammenbasteln sollte. Wenn die Zukunft des Sonntagskrimis tatsächlich darin bestehen sollte, nur noch ein Gehäuse hinzustellen, in dem ein paar Sachen rumliegen, die entfernt an einen Film erinnern, und in dem man dann aufräumen soll – dann lassen wir das lieber mit dem Fernsehen. Wer interaktive Krimis will, soll Cluedo spielen.

Nichts für ungut, das musste mal raus.

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21:45 13.05.2012
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