Vielleicht heißt Ja

Berlinale-Shorts Kunstkritik auf Fox News, weiße Fahnen als Gefahr: „Symbolic Threats“ von Wermke/Leinkauf

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio weiß sehr genau, wozu Kunst gut ist. Anlässlich der Berufung eines neuen städtischen Kulturbeauftragten sagte er im April vergangenen Jahres, dass eine lebendige Demokratie nicht zu haben sei ohne Künstler, „die uns herausfordern, die uns nachdenken lassen, die uns provozieren und uns helfen zu verstehen, was der gesellschaftliche Diskurs ein- und ausschließt“. Die Rede bildet die Klammer des 17-minütigen Films Symbolic Threats von Mischa Leinkauf, Matthias Wermke und Lutz Henke, der im Kurzfilmprogramm der Berlinale seine Weltpremiere feierte.

Worin die Kunst von Wermke/Leinkauf eigentlich besteht, lässt sich dagegen nicht so leicht sagen. Symbolic Threats bildet eine Kunstaktion des Berliner Duos ab, die zu einem medialen Ereignis wurde. 2014 hatten Wermke/Leinkauf auf der New Yorker Brooklyn Bridge am Todestag ihres aus Mühlhausen eingewanderten Erbauers John August Roebling die dort wehenden farbigen US-Flaggen durch weiße ausgetauscht, ehe es der Polizei gelang, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

Die Aktionen von Wermke/Leinkauf, die den öffentlichen Raum abenteuerlich durchkreuzen (Draisinenfahrt im Berliner U-Bahn-Netz, Schaukeln in luftigen Höhen von Repräsentationsarchitektur) und damit tatsächlich neue Perspektiven auf ihn eröffnen, fanden bislang unbeachtet von medialem Interesse statt. Folglich war das Medium des Erzählens davon der Film, der im Nachhinein die Bilder verdichtete, mit denen Wermke/Leinkauf ihre dissidenten Bewegungen in die Displays der Städte einschreiben. Und zwar reflektierter als Youtube-Stars wie Vadim Makhorov und Vitaliy Raskalov, die mit ihrem schwindelerregenden ontheroofs-Projekt, bei dem ungesichert globale Wolkenkratzer bestiegen werden, die phallische Machtdemonstration von Dicke-Hose-Bauten als masturbative Mutprobe immer nur reproduzieren.

Bei den weißen amerikanischen Flaggen auf der Brooklyn Bridge war die Ausgangslage durch das mediale Dauerfeuer des hochgepitchten US-News-Fernsehens eine andere, die Aktion als Gegenstand von Hauptnachrichten und Titelseiten bestens dokumentiert. Dass man sie dadurch besser sehen kann, lässt sich nach Symbolic Threats nicht behaupten: Aus einem Fundus von 40 Sendern kompiliert der Film Material, das sich alarmiert an einer Exegese der weißen Fahnen versucht – von CNN über die Defätisten von Fox, bei denen jedes „Vielleicht“ als „Ja“ ausgesprochen wird und deren Wahn sich der Titel verdankt, bis zu einem besonders durchgedrehten Privat-Anchor vor grauem Hintergrund, der sich präparodistisch und von so was wie Angst entkoppelt in ein repetitives „What‘s next?“ brüllt.

Interessant sind deshalb die wenigen Momente, in denen Wermke/Leinkauf als Autoren ihres Films gegen das Gelärm hervortreten. Zu Beginn durch Stills von Details der Brücke, in die kurz eine farbige US-Flagge weht, um, wie in einem Spielfilm, den Suspense der Unternehmung als Hauch anzudeuten. Und vor allem am Ende, wenn nach aller schnappatmenden Hysterie und als Epilog auf Bill de Blasios Kunstverständnis noch einmal aufgeblendet wird für zwei Einstellungen auf die weißen amerikanischen Fahnen, die auf der Brooklyn Bridge wehen: Der Verkehr rauscht, der Himmel ist blau, und Zeit, die das Fernsehen füllen muss und formatieren will, kann vergehen. Ohne diese Kunst sähe man die Schönheit der Bilder vor lauter Berichten darüber nicht.

06:00 25.02.2015
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